Editorial
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
die letzten Wochen waren auf der bildungspolitischen Bühne wieder äußerst turbulent. Im Blickpunkt standen u.a. die Hausaufgabenbetreuung, der Bildungsstreik, die OECD-Lehrerstudie und die Ergebnisse der 326. Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK). Auf scharfe Kritik stieß das BGH-Urteil, das eine anonyme Lehrerbenotung im Internet-Portal spickmich.de weiterhin zulässt, mit dem eine auf Vertrauen basierende Gesprächskultur an den Schulen erheblich belastet wird. Auch der Missbrauch eines solchen Internet-Portals ist nach Auffassung des Verbandes nicht ausgeschlossen. Der Schutz der Lehrkraft vor Rufschädigung und der Schutz des Erziehungsauftrags werden gefährdet. Der Philologenverband ist nicht gegen eine transparente Bewertung im Rahmen eines konstruktiven Feedbacks, lehnt aber anonyme und zum Teil willkürliche Bewertungen von Lehrern im Internet ohne die Möglichkeit einer Gegendarstellung. Das gilt insbesonder für solche Bewertungen, die verletzend wirken, die Misstrauen und Angst fördern und das überwiegend gute Verhältnis zwischen Lehrern, Schülern und Eltern negativ beeinflussen. Erziehung zu mündigen Staatsbürgern bedeutet auch Erziehung zur Zivilcourage!
In einem dpa-Gespräch äußerte der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur, dass die Inanspruchnahme der Hausaufgabenbetreuung geringer sei als man angesichts der massiven Kritik am G8 erwartet habe. Das Kultusministeriums stellte in einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur heraus, "dass bereits jetzt jedes Gymnasium Ganztagsschule werden könne, sofern es ein tragfähiges pädagogisches Konzept" habe. Hingewiesen wurde aber auch darauf, dass Hausaufgabenbetreuung nicht Nachhilfe bedeute. Nach Auffassung des PhV hat Hausaufgabenbetreuung einen wichtigen pädagogischen Sinn, zum Beispiel, wenn Schüler höherer Klassen für jüngere Mitschüler Ansprechpartner sind. Was offenbar manchen nicht mehr ganz klar ist: Üben und Reflektieren des Unterrichtsstoffes ist das Hauptspezifikum einer Hausaufgabe.
Übrigens: In der dritten Antragsrunde des Landesprogramms zur Genehmigung von Ganztagsschulen in Baden-Württemberg mit zusätzlicher Lehrerzuweisung sind 160 Anträge genehmigt worden. Unter den neuen Ganztagsschulen sind 31 Schulen mit besonderer pädagogischer und sozialer Aufgabenstellung, die einen verpflichtenden Ganztagsbetrieb anbieten. 129 Schulen richten zukünftig offene Ganztagsangebote ein. Wie das Kultusministerium zusichert, erhalten nach Landeskonzept eingerichtete Ganztagsschulen vom Land zusätzliche Lehrerwochenstunden für ergänzende pädagogische Bildungs- und Förderangebote im Rahmen des Ganztagsbetriebs. Der Ganztagsbetrieb kann, wie das Kultusministerium verlauten lässt, "durch Angebote von Jugendbegleitern bereichert werden". Dafür stellt das Land ein Mittelbudget zur Verfügung. Zukünftig können Schulen auch Lehrerstellen in Mittel umwandeln und damit nicht-pädagogisches Personal befristet einstellen. Für die Jugendsozialarbeit an Schulen sind allerdings die Städte und Gemeinden zuständig, heißt es in einer Presseverlautbarung des Kultusministeriums.
Überrascht registrierte der PhV, dass Deutschland an der ersten vergleichenden OECD-Lehrerstudie 'Creating Effective Teaching and Learning Environments' (TALIS) nicht teilgenommen hat. Grund: Die Kultusministerkonferenz lehnte die Teilnahme im Jahr 2008 ab. In dieser Studie, an der sich insgesamt 23 Länder beteiligen, wurden u.a. die Bedingungen des Lehrens und Lernens untersucht. Es zeigte sich bei den nach Expertenaussagen nicht auf Deutschland übertragbaren Ergebnissen, dass jeder vierte Lehrer mindestens 30 Prozent der Lernzeit wegen Störverhaltens der Schüler oder aufgrund von Verwaltungsaufgaben verliert. Nicht überraschend ist für den PhV die Erkenntnis, dass gute Fortbildungsangebote Berufszufriedenheit und Lehrerleistung verbessern und Wertschätzung einen starken, positiven Einfluss auf die Kolleginnen und Kollegen und eine gute Arbeit an den Schulen hat. In diesem Bereich dürfte es auch in Deutschland noch einen nicht unerheblichen Nachholbedarf geben.
Die Kultusministerkonferenz (KMK), die am 18. Juni in Berlin tagte, befasste sich auch mit der Teilnahme an der PISA-Untersuchung im Jahr 2012. Erwartet wird, dass vor einem im Oktober 2009 zu treffenden endgültigen Beschluss ein Dialog mit der OECD über Methodik und Aussagekraft dieser Studie in Gang kommt. Es geht auch um die Klärung der finanziellen Rahmenbedingungen und darum, dass die OECD angemessen auf die Belange ihrer Partnerländer Rücksicht nimmt. Kultusminister Helmut Rau hatte mit Blick auf PISA 2012 bei den Ministerkollegen der Länder dafür geworben, "vor einer Beschlussfassung eine klare vertragliche Basis zu schaffen und offene Fragen aus der letzten PISA-Runde zu klären". Grund für Raus Vorstoß lieferte ein Streit zwischen OECD und KMK, zu dem es nach dem PISA-Test 2006 über die Interpretation der Mathematik-Ergebnisse gekommen war. "Die deutschen PISA-Tester und die KMK stellten damals eine deutliche Verbesserung der deutschen Schülerleistungen im Vergleich zur Vorgängeruntersuchung fest. Das internationale OECD-Konsortium dementierte dies und stufte die beiden Tests als nicht vergleichbar ein" (Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 18. Juni 2009). Der PhV begrüßt den Vorstoß von Kultusminister Rau und fordert, dass bei den PISA-Tests die länderspezifischen Unterschiede berücksichtigt werden. Es muss eine bessere Vergleichbarkeit gewährleistet sein. Zu sprechen ist auch über die Pisa-Kosten. So wurden beispielsweise allein im Jahr 2006 die Bundesländer mit insgesamt 3,1 Millionen Euro von der OECD zur Kasse gebeten. Für Unmut sorgt beim PhV auch die gegen das gegliederte Schulwesen gerichtete festgefahrene OECD-Position. Bewährte Besonderheiten im deutschen Bildungsbereich blieben bei PISA unberücksichtigt und meist auch unerwähnt: zum Beispiel die erfolgreichen zweiten Bildungswege, die zur Hochschulreife führen. Stattdessen werden Plädoyers für Einheitsschulmodelle gehalten, die der PhV ablehnt.
Inzwischen traf Kultusminister Rau am 29. Juni und die Direktorin für Bildung der OECD, Prof. Dr. Barbara Ischinger. Beide Seiten bekräftigten "ihr Interesse an einer guten Zusammenarbeit. Die OECD-Direktorin Ischinger sagte zu, dass sie auf Einladung zur KMK kommen werde, um im Detail über die künftige Zusammenarbeit zu sprechen.
Und dann war da noch der Bildungsstreik mit seinen zum Teil durchaus berechtigten Klagen gegen Folgen des Bologna-Prozesses und seinen Forderungen für eine bessere Ausstattung der Universitäten. Erwähnt sei u.a. der vom Verband unterstützte Protest gegen Pläne zur Neustrukturierung der Universität Stuttgart (s. "Offener Brief zur Gefährdung des Lehramtsstudiengangs Geschichte an der Universität Stuttgart" auf S?.). Kein Verständnis zeigt der Verband jedoch für eine Instrumentalisierung von Schülern durch Aufrufe zum Unterrichtsboykott und zur Teilnahme an fingierten Banküberfällen. Einen einseitig verbohrten und bundesweit ideologisch gesteuerten Streik-Aktionismus, der sich zum Beispiel mit Schülerunterstützung gegen das gegliederte Schulwesen richtet und eine Abschaffung des Gymnasiums fordert, wird der Philologenverband als einzige Interessenvertretung für die Lehrerinnen und Lehrer an Gymnasien nicht befürworten.
Gespannt sein darf man jetzt schon auf die Ergebnisse der Bundestagswahl am 27. September, von denen ganz wesentliche Signale ausgehen werden, in welche Richtung sich die deutsche Bildungspolitik in den kommenden Jahren entwickeln wird.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Leserinnen und Lehrer, im Namen des Landesvorstands und der Landesgeschäftsstelle wünsche ich Ihnen erholsame Sommerferien und einen guten Start ins neue Schuljahr 2009/10.
Beiträge in dieser Ausgabe:
Junge Philologen im Deutschen Philologenverband: Sprechen statt streiken!
Wichtiger Arbeitnehmer-Hinweis: Lassen Sie Ihre Ansprüche auf Vergütung nicht verfallen!
Finanzgerichte melden Zweifel an: Neuregelung zum häuslichen Arbeitszimmer verfassungswidrig?
Die Grundschulempfehlung bleibt für den Übergang auf eine weiterführende Schulart unverzichtbar!
Bilanz von vier Jahrzehnten Gesamtschule in Großbritannien
Aktuelles aus dem Hauptpersonalrat
Junge Philologen und Jungen Liberale treffen sich zum Gedankenaustausch
Personalien: Santelmann zum zweiten Vorsitzenden der KBW gewählt
Universität Stuttgart - "Hände weg von einer einseitigen Reform!"
Jetzt im Internet unter www.bw-cct.de: Online-Lehrertest für Lehramtsstudierende
Lesermeinung: Wenn ich Politiker wäre?
Vorankündigung - bitte Termin vormerken: Junglehrerforum 2009 am 02. Oktober in Tübingen
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Hans-Eckhard Giebel
Redaktion 'Gymnasium Baden-Württemberg'