Erfreulich konstruktives Gespräch mit der FDP-Fraktionsspitze - viele bildungs- und berufspolitische Gemeinsamkeiten
"Es ist höchste Zeit, dass wir uns wieder einmal sprechen", mit diesen Worten und einem Dankeschön an die Spitzenvertreter der FDP, die den Philologenverband zum Gespräch ins Stuttgarter Haus der Abgeordneten eingeladen hatte, eröffnete der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur das Treffen mit Vertretern der FDP-Fraktionsspitze am 21. April 2009. Teilnehmer auf FDP-Seite waren der seinerzeit noch amtierende FDP-Fraktionsvorsitzende, Dr. Ulrich Noll, der wissenschaftspolitische Sprecher Dietmar Bachmann, die bildungspolitische Sprecherin Dr. Birgit Arnold und der Parlamentarische Berater Harald Paulsen. Den Philologenverband vertraten der Landesvorsitzende Bernd Saur, der stellvertretende Landesvorsitzende Klaus Nowotzin, der Ansprechpartner für Pensionäre und frühere Landesvorsitzende, Karl-Heinz Wurster, und Pressereferent Hans-Eckhard Giebel.
Im Zentrum des Gesprächs standen u.a. die dringend erforderliche Einstellung von nicht unterrichtendem Personal an den Schulen, die Parallelführung von G8 und G9,
die neue gymnasiale Prüfungsordnung I (GymPO I), die geplante Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis 67, die Schulstrukturfrage und das Doppelabitur 2012.
Gleich zu Beginn wies Bernd Saur darauf hin, dass an den Schulen viele Aufgaben, darunter auch Aufsichts- und Betreuungsaufgaben, von Lehrkräften übernommen würden, die kostengünstiger von nichtunterrichtendem Personal erledigt werden könnten. Zentrale Aufgabe sei der Unterricht. Die FDP brachte den Vorschlag ein, Stellen in Geld umzuwandeln, mit dem Schulen dann selbst, eigenverantwortlich und passgenau Personal einstellen könnten.
Diskutiert: Parallelläufigkeit von G8 und G9
Zur diskutierten Parallelläufigkeit von G8 und G9 zeigten sich die FDP-Gesprächspartner ebenso wie der PhV offen; das wurde auch deutlich bei dem in die Diskussion eingebrachten G8-plus-Modell des Mosbacher Auguste-Pattberg-Gymnasiums. Das Modell sei in sich schlüssig und sollte nach Auffassung des Philologenverbands als Versuch auf den Weg gebracht werden.
Hingewiesen wurde vom PhV auf die enorme Belastung, die mit dem doppelten Abiturjahrgang 2012 auf die Schulen zukommen wird. Zur Bewältigung dieses Mammutabiturs seien rund 1000 zusätzliche Lehrer erforderlich. Der von der SPD ins Spiel gebrachte Vorschlag eines getrennten Kurssystems für den letzten G9- und den ersten G8-Zug und eines anvisierten Prüfungsabschlusses für den G9-Zug bis zum 31. März 2012 wurde sowohl vom PhV als auch von der FDP abgelehnt, auch mit Blick auf die neuen BA- und MA-Studiengänge, die auf einen Studienbeginn zum Wintersemester ausgerichtet sind.
Lehrerausbildung: Beibehaltung des Staatsexamens wird begrüßt
Die Beibehaltung des Staatsexamens im Rahmen der neuen gymnasialen Prüfungsordnung I (GymPO I) wird vom Philologenverband ausdrücklich begrüßt, "denn wir möchten, dass das Ministerium hier noch seinen Einfluss mit geltend machen kann." Auch die FDP spricht sich klar für die Beibehaltung eines Staatsexamens aus. Der Philologenverband brachte gegenüber der FDP-Spitze seine äußerst kritisch-distanzierte Einschätzung gegenüber den Veränderungen des künftig sehr gestrafft und modularisiert organisierten Studiums und seiner Inhalte zum Ausdruck, das nun eine bislang mögliche individuelle Schwerpunktsetzung praktisch ausschließe. Auch sei keine schriftliche Abschlussprüfung vorgesehen, sondern nur eine mündliche Prüfung, die ebenso wie die wissenschaftliche Arbeit nicht mehr stark gewichtet werden soll. Vorstellbar sei für den Verband durchaus auch eine schriftliche Abschlussprüfung.
Orientierungstest, Praxissemester und 18-monatiges Referendariat
Ein in der neuen Prüfungsordnung verankerter Orientierungstest vor Beginn des Studiums wurde von PhV-Seite begrüßt, zumal die Jungen Philologen zur Selbstorientierung schon einen solchen Test für Lehramtsinteressenten entwickelt hätten. Auch die FDP sieht in dem Orientierungstest ein hilfreiches Instrument, die späteren Anforderungen an den Lehrerberuf schon vor dem Start ins Studium besser einschätzen zu können. Die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Dr. Birgit Arnold, sprach sich für eine stärkere erziehungswissenschaftliche Ausbildung an der Universität aus
Kritisch gesehen wird vom Philologenverband, dass Lehramtstudenten, die gerade erst die Schulzeit hinter sich gelassen haben, im Sinne der neuen gymnasialen Prüfungsordnung I gleich im ersten Semester ein mehrwöchiges "Orientierungspraktikum" ableisten sollen. Hierfür fehlten zu diesem Zeitpunkt des Studiums die fachlichen Voraussetzungen. Das Praxissemester nach dem vierten Semester habe hingegen aus PhV-Sicht durchaus eine Berechtigung, "aber es ist und bleibt ein Fehler, dass dafür das zweijährige Referendariat um sechs auf nur noch 18 Monate verkürzt wurde", meint Saur, der zugleich kritisiert, dass ausgerechnet die erste Phase des Referendariats um ein halbes Jahr gekürzt worden sei. Wenn es nun schon nur noch ein 18-monatiges Referendariat gebe, dann sollte wenigstens ein selbstständiges Unterrichten erst nach einem Jahr Lernen, Üben und Begleiten erfolgen.
Forderung: Keine Rote Karte durch die Schule für Lehramtsstudenten
Der PhV stellte heraus, dass eine Benotung des Praxissemester durch die Schule problematisch sei. Das Praxissemester dürfe auf keinen Fall eine Auslesefunktion im Blick auf das weitere Studium besitzen. Es sei nicht Aufgabe der Schule, Lehramtsstudierenden die Rote Karte zu zeigen. Sinnvoll seien aber während und am Ende des Praktikums eine abschließende Beratung des Studenten und eine Empfehlung unter Berücksichtigung der an der Schule erbrachten Leistungen. Für die FDP sei hier auch eine fachdidaktische Beteiligung des Seminars vorstellbar. Eine Bewertung des Praxissemesters könnte auch als ein Bestandteil mit in die abschließende Examensnote einfließen.
Für den PhV steht fest: Ein Praxissemester mitten im Studium kann ein zweijähriges Referendariat, das auch vom wissenschaftspolitischen Sprecher der FDP, Dietmar Bachmann, favorisiert wird, nicht kompensieren. Voraussetzung für einen fundierten Unterricht sei und bleibe ein abgeschlossenes fachwissenschaftliches Studium, "damit man", so Saur, "weiß, wovon man redet." Auch Klaus Nowotzin, der an seiner Schule Referendare ausbildet, sieht erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Teile der Lehrerausbildung im zweijährigen Referendariat besser aufgehoben. Es sei zu früh, Referendare schon "drei Wochen nach ihrem Start ins Referendariat" an den Schulen unterrichten zu lassen. Selbstständiger Unterricht erfordere eine gute Vorbereitung und deshalb entsprechend mehr Zeit.
PhV: Bachelor- und Masterstudiengang wird kritisch gesehen
Zum Bachelor-Studiengang wurde die Auffassung vertreten, dass er mehr Möglichkeiten für einen Einstieg ins Berufsleben außerhalb des Schulbereichs bieten müsse. Hingewiesen wurde darauf, dass der Bologna-Prozess noch nicht abgeschlossen sei. "Bachelor- und Masterstruktur passen nicht zum gewachsenen und erfolgreichen deutschen Universitätssystem", so Saur, der wissen ließ, dass es eigentlich nicht erforderlich gewesen wäre, in Deutschland auf Bachelor und Master umzustellen. Ein Abschluss nach dem Praxissemester und viersemestrigen Studium reiche nicht, um evtl. in einen anderen Beruf zu wechseln. Eine Modularisierung mache nur dann Sinn, wenn der Bachelor nach sechs Semestern den Wechsel weg vom Lehramt hin zu einem anderen wissenschaftlichen Studium mit vollwertigem Abschluss und/oder damit auch zu anderen Berufswegen eröffne. Die meisten Probleme hätten Lehrer mit Mängeln im fachlichen Bereich; deshalb müsse der fachwissenschaftliche Anteil an den Universitäten auf jeden Fall einen zentralen Stellenwert behalten. Das gelte ganz besonders auch für die naturwissenschaftlichen Fächer, ergänzte Hans-Eckhard Giebel. Angesprochen wurde in diesem Zusammenhang die Forderung des PhV nach Fortbildung aus erster Hand unter Einbeziehung der Universitäten. In Fortbildung müsse wesentlich stärker investiert werden.
Lebensarbeitszeit: FDP für flexible Lösungen und gegen vorzeitige Verlängerung
Zu den beabsichtigten Plänen einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis 67 Jahre äußerte sich in seiner Funktion als PhV-Ansprechpartner für Pensionäre Karl-Heinz Wurster. "Bei uns kam an", so Wurster, "dass die FDP nicht dafür ist, den Einstieg in die Verlängerung der Lebensarbeitszeit in Baden-Württemberg für die Beamten früher und schneller durchzusetzen als im Bereich der gesetzlichen Rentenversicherung." Es sei unvorstellbar, dass Lehrer mit 67 Jahren noch 25 Stunden in der Woche unterrichten sollen. Denkbar sind für Wurster allenfalls Altersteilzeitregelungen und/oder ab 60 beispielsweise eine stärkere stufenweise Anhebung der Altersermäßigungen.
Ulrich Noll sah das seinerzeit bei dem Gespräch ähnlich. Noll sagte: "Wir wollen ab 60 Jahre flexiblere Lösungen haben." Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit sollte sich auch auf die Versorgungsansprüche auswirken. Damit gekoppelt sein müsse aber eine gute gesundheitliche Prävention. Noll brachte unmissverständlich zum Ausdruck: "Wir sind offen für Konzepte, die auch der Philologenverband im Köcher hat. Die Lebensarbeitszeit zu verlängern, ohne die Begleitumstände zu betrachten, halten wir ebenso für falsch wie einen einseitigen vorzeitigen Einstieg in dieses Verfahren der Beamten!" Dann hätte man noch weniger Zeit für die Einleitung begleitender Überlegungen und Maßnahmen, meinte Nol, und lehnte ein solches Vorgehen mit entsprechenden Sonderregelungen für Beamte ab. Denkbar wären hingegen entsprechende Angebote auf freiwilliger Basis. Der Philologenverband erwartet nun, dass die FDP auch unter ihrem neuen Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke den von Ministerpräsident Oettinger ins Spiel gebrachten vorgezogenen Einstieg in eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit in Baden-Württemberg ablehnt.
FDP und PhV sind einmütig für das gegliederte Schulwesen und gegen eine sechsjährige Grundschule
Einen wesentlichen Raum nahm in dem Meinungsaustausch auch die in der Öffentlichkeit hitzig debattierte Schulstrukturfrage ein. PhV-Landesvorsitzender Saur stellte heraus, dass das neu gegründete Aktionsbündnis inzwischen immer mehr Zuspruch bekommt. Die Schulstrukturfrage sei nicht nur eine bildungspolitische, sondern auch eine Standortfrage in Baden-Württemberg. Jeder, der die äußerst effektive Schulart Gymnasium beschneiden wolle, müsse wissen, dass er damit begabten Kindern eine auf sie zugeschnittene differenzierte Förderung vorenthalte.
Dr. Ulrich Noll stellte hierzu unmissverständlich fest, dass er die Forderung nach einer sechsjährigen Grundschule nicht mehr erheben werde. Mit Blick auf den kürzeren achtjährigen gymnasialen Bildungsgang dürften vom Gymnasium durch eine Grundschulverlängerung nun nicht noch weitere zwei Jahre abgeschnitten werden. Dr. Birgit Arnold unterstrich die Meinung: " Diese Frage ist in der FDP inzwischen ausdiskutiert." Man habe begriffen, dass es sich hier um eine Stellschraube im Schulsystem handele. Arnold: "Wir halten sowohl in der Fraktion als auch in der Partei am gegliederten Schulsystem fest." Es gebe keine Veranlassung dafür, jetzt "irgendwelche Experimente anzusteuern", bevor man nicht wisse, ob es wissenschaftlich unterfüttert sei. Arnold sprach sich langfristig gesehen - auch im Blick auf die demographische Entwicklung - für eine gemeinsame Ausbildung von Hauptschul-, Werkrealschul- und Realschullehrern aus. Ein Zeitpunkt für die Umstellung auf einen gemeinsamen Ausbildungsweg für diese Schularten wurde nicht genannt.
Ausdrücklich betonte die bildungspolitische Sprecherinder FDP, dass eine solche Möglichkeit nicht als Einstieg in die Aufweichung der bestehenden Schulstrukturen zu verstehen sei. Es gehe darum, im Sekundarbereich 1 die individuelle Förderung zu erhöhen.
PhV-Vize Klaus Nowotzin stellte noch einmal für das Gymnasium fest: "Wir haben an den Gymnasien Schülerinnen und Schüler, die aufnahmebereit und lernwillig sind. Auf diese Schüler können wir in Klasse 5 und 6 nicht verzichten, weil hier die Grundlagen für eine gymnasiale Bildung gelegt werden. Daher wollen wir auch keine Stufenlehrer, die gemeinsam für alle Schularten bis Klasse 10 ausgebildet werden; das wäre das Ende der bewährten, klassischen universitären Gymnasiallehrer-Ausbildung, in der der Beherrschung eines Faches ein hoher Stellenwert eingeräumt wird - und das ist auch notwendig, wenn wir die Schüler für ein Universitätsstudium konsequent von Klasse 5 bis zum Abitur vorbereiten wollen."
Hans-Eckhard Giebel