Bilanz von vier Jahrzehnten Gesamtschule in Großbritannien

"Mit OECD und UNESCO den Bildungsmarkt öffnen", so lautete 2006 eine Überschrift der GEW-Zeitung "Bildung und Wissenschaft". Inzwischen ist die Entwicklung fortgeschritten, ein immer größerer Teil der Bildung wird kommerzialisiert. In Großbritannien, einem Land, in dem es seit mehr als 40 Jahren flächendeckend die Gesamtschule gibt, hat seit Anfang 2008 ausgerechnet die amerikanische Fastfood-Kette McDonald's das Recht Abiturzeugnisse auszustellen! Wenn man sich erinnert, wie englische Gymnasiallehrer erbittert gegen die Gesamtschule gekämpft haben, mit wie viel Hoffnungen diese dann eingeführt wurde, ist diese Entwicklung ernüchternd! Auch in Großbritannien wurden Gymnasiallehrer als antiquiert und elitär diffamiert, als sie für die Erhaltung ihres qualitativ hochwertigen Bildungszweiges eintraten! Zum Teil war man in der Begründung der Gesamtschule aber auch ehrlicher, indem man einräumte, dass es schlichtweg billiger sein kann, große Gesamtschulen zu haben als ein differenzierendes System mit kleinen Schulen und Klassen! Ob die langfristigen sozialen Auswirkungen für das Land aber tatsächlich billiger waren, ist die Frage. Es folgten die langen Jahre der "englischen Krankheit" mit extrem hoher Jugendarbeitslosigkeit...

Kluft zwischen Privatschule und öffentlicher Schule hat sich vergrößert

Heutzutage zieht die Zeitschrift "Independent - Education" folgendes Fazit in Bezug auf die Bildungssituation in Großbritannien: In "keinem anderen Land der Welt ist der Unterschied zwischen privater Bildung und öffentlicher Schule so groß wie in Großbritannien". Paraphrasieren könnte man das auch: "In keinem anderen Land der Welt spielt die soziale Herkunft der Schüler eine so große Rolle wie in Großbritannien". Aber halt - stimmt hier etwas nicht? - diesen Satz wiederholen die Sprecher der OECD doch immer und immer wieder in Bezug auf Deutschland mit seiner Dreigliedrigkeit...

Niveauabsenkung statt profitieren von den Starken

Jüngst machte uns die Stuttgarter Zeitung mit einem Artikel zum aktuellen Stand der Entwicklung auf die Defizite des Gesamtschulwesens in Großbritannien erneut aufmerksam. Beleuchtet wurde die Situation an der Elite-Universität Cambridge. Noch immer wagen es Schüler der staatlichen Gesamtschulen nicht, sich den Aufnahme-Interviews der Elite-Unis zu stellen, obwohl doch seit Jahrzehnten in der Gesamtschule "die Schwachen von den Starken" angeblich so immens profitieren... Ihre Fremdsprachenkenntnisse reichen nicht aus, denn an staatlichen Schulen gibt es inzwischen bereits ab dem Alter von ca. 15 Jahren keinen Fremdsprachenunterricht mehr! Wie soll ein Student mit nur muttersprachlicher Ausbildung jüngste Forschungsentwicklungen nachvollziehen, die zum Teil noch nicht übersetzt sind!? Wie kann man bei solch dramatischen Defiziten heute noch den Standpunkt vertreten, dass die Gesamtschule "automatisch" die Schwachen fördert? Ein Land wie Großbritannien, wo die Weltsprache Englisch gesprochen wird, kann sich eine solche Situation immer noch besser leisten als der Exportweltmeister Deutschland, dessen Sprache in der Europäischen Union hinter Englisch und Französisch an Bedeutung lediglich Rang 3 einnimmt!

Nachholjahre zum Ausgleich der Gesamtschuldefizite

Die Maßnahmen, die man sich in Cambridge zur Erhöhung des Gesamtschüleranteils überlegt, lassen aufhorchen. Nachdem sich trotz Gesamtschule - oder gerade wegen der Gesamtschule - die Kluft zwischen Elite-Universität und Staatsschule in den letzten zwanzig Jahren noch vertieft hat, will man Vorbereitungsjahre für die staatlichen Gesamtschüler einführen. Im Klartext heißt das, dass Abiturienten von Gesamtschulen ein Jahr lang Intensiv-Nachhilfe brauchen, um auf den Stand zu kommen, dass sie sich einem Aufnahme-Interview stellen können! Dieser Sachverhalt sagt mehr über das Niveau des Gesamtschul-Abiturs aus als tausend Worte.

Außerdem wird überlegt, ob man in populären "Fernsehsoaps" (Sie lesen richtig!) nicht Rollen einbaut, die ein solches Studium antreten. Vierzig Jahre "Gesamtschulförderung" haben die Schüler offensichtlich noch nicht auf diesen Gedanken gebracht. An der Universität Oxford soll laut Stuttgarter Zeitung die Situation noch schlechter für die Absolventen staatlicher Gesamtschulen sein.

Silvana Stärr,
PhV BW-Bildungsreferenti

www.phv-bw.de