Universität Stuttgart
"Hände weg von einer einseitigen Reform!"
Gemeinsam unterschrieben Dr. Werner Heil, Mitarbeiter am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Stuttgart und Mitglied der Fachdidaktik Geschichte am Historischen Institut der Universität Stuttgart, und Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg, einen Offenen Brief anlässlich der Gefährdung des Lehramtsstudiengangs Geschichte an der Universität Stuttgart. Sie brachten darin ihre Kritik an diesem Vorhaben zum Ausdruck.
Die Pläne von Rektor Wolfram Ressel, an der Universität Stuttgart Professuren in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu streichen, haben für umfangreiche und sehr heftige Protestreaktionen gesorgt, und die nicht nur bei den Studenten.
Inzwischen hat sich durch die zahlreichen Proteste einiges bewegt. In einem Bericht der Stuttgarter Zeitung vom 26. Juni 2009 hieß es: "Alles sei noch im Fluss, und "gestrichen wird gar nichts", sagte Ressel. Er musste jedoch einräumen, dass er sein Versprechen zum Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren nicht einlösen könne, als er die Erhaltung der Philosophischen Fakultät und der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften versprochen hatte?."
Mittlerweile ist vom Uni-Rektor zu vernehmen, dass jeder sein Studium an der Uni Stuttgart beenden könne. Die geplante Unireform solle mittel- bis langfristig angelegt werden. Die Stuttgarter Zeitung schreibt weiter: "Es wird sich so schnell nichts ändern, es steht derzeit noch kein Studiengang zur Disposition." Auch die Lehramtsstudiengänge sollen nun "in vollem Umfang" erhalten bleiben. Aufgrund eines alten Beschlusses soll nur eine Geschichtsprofessur wegfallen.
Hier nun der Text des Offenen Briefes:
An den Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart
An die bildungspolitischen Sprecher der Fraktionen des Landtags
An den Rektor der Universität Stuttgart
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Abgeordnete des baden-württembergischen Landtags,
sehr geehrter Herr Rektor,
bei allem Respekt gegenüber den Bemühungen, das Profil der Universität für ein erfolgreiches Abschneiden in der "Exzellenz-Initiative" zu verbessern, möchten wir, der Unterzeichnende und der Philologenverband Baden-Württemberg, auf gravierende Probleme und Schattenseiten der Umsetzung dieser Bemühungen aufmerksam machen.
Gewiss ist nicht zu beanstanden, dass die Universität ihr Leistungsvermögen verbessern will; das war ja der Sinn der "Exzellenz-Initiative". Ob es allerdings auch ihr Sinn war, dies auf dem Rücken anderer Fakultäten zu tun, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Wir wenden uns mit Entschiedenheit gegen diese problematische Form der Umsetzung der "Exzellenz-Initiative".
Die Universität besteht nicht nur aus den naturwissenschaftlichen, sondern auch aus den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten. Auch sie haben eine Daseinsberechtigung; auch sie prägen das Bild der Universität einer Landeshauptstadt. Eine einseitige Profilierung auf Kosten anderer beschädigt das Ansehen der Universität und der Landeshauptstadt.
Intendiert ist eine Streichung der Alten und Mittleren Geschichte. Damit wird ein Lehramtsstudiengang Geschichte in Stuttgart unmöglich gemacht, da Lehramtsstudenten auch alte und mittlere Geschichte belegen müssen, um die Voraussetzungen für die Staatsexamensprüfung zu erhalten. Mit dem Wegfall von Geschichte werden aber auch andere Lehramtsstudiengänge betroffen sein, denn das Lehramt kann immer nur in einer Fächerkombination studiert werden. Das gilt nicht nur für die Universität, sondern auch für die Kunsthochschulen der Stadt. Wer also in Stuttgart keine Geschichte mehr studieren kann, wird auch sein zweites und ggf. drittes Fach nicht mehr hier studieren.
Der derzeitige Lehrermangel im Land würde eher eine Erweiterung der Lehramtsstudiengänge nahelegen, nicht aber ihre Reduzierung. Die intendierte Reform zeigt sich blind gegenüber den Interessen des Landes und der Öffentlichkeit. Eine Verlagerung des Studiengangs nach Tübingen würde deren ohnehin schon vorhandenen Kapazitätsprobleme noch verschärfen. Der vermeintlichen Verbesserung auf der einen Seite steht also eine Verschlechterung auf der anderen gegenüber.
Die Landeshauptstadt hat das größte gymnasiale Lehrerseminar und die größte Zahl von Praxissemesterstudenten. Gerade hier den Lehramtsstudiengang zu kappen, zeugt von fehlendem Realitätssinn. Die fachdidaktische Ausbildung der Studenten an der Universität Stuttgart wird von den Seminaren Stuttgart und Esslingen durchgeführt. Sie garantieren die Professionalität der Ausbildung und ersparen der Universität Kosten. Eine Verlagerung nach Tübingen würde das dortige Seminar, das nur halb so groß wie das Stuttgarter ist, überfordern. Es wären zusätzliche Fachdidaktikstellen und Lehraufträge notwendig, die es in Stuttgart bereits gibt, aber nicht mehr genutzt würden. Eine Verlagerung nach Tübingen wäre also mit deutlichen Mehrkosten verbunden.
Auch für die Studentinnen und Studenten selbst würde eine solche Verlagerung eine zusätzliche Belastung bedeuten. Denn zur Absolvierung des Praxissemesters müssen sie an die Schulen. Der Stuttgarter Raum ist dafür bestens ausgerüstet. Das Tübinger Schulumfeld hingegen wäre schnell überlastet, was dazu führen würde, dass eben doch die Stuttgarter Schulen in die Ausbildung einbezogen werden müssten. Dies führte zu unverhältnismäßig langen Fahrwegen und damit zu einer erheblichen Kosten- und Zeitbelastung für die Studentinnen und Studenten.
Hier zeigt sich der unsoziale, Studentinnen und Studenten wie die Öffentlichkeit schädigende Charakter einseitig ambitionierter Initiativen. Das zu begreifen ist heute besonders notwendig. Daher bitte Hände weg von einer so einseitigen Reform zu Lasten vieler!
Stuttgart, den 15. Juni 2009
Dr. Werner Heil (Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Stuttgart; Historisches Institut der Universität Stuttgart);
Bernd Saur, Landesvorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg