Editorial
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
die Bundestagswahl sowie die Landtagswahlen in Sachsen, in Thüringen, im Saarland, in Brandenburg und Schleswig-Holstein waren zentrale Ereignisse der letzten Wochen. Die Ergebnisse senden auch bildungspolitische Signale. In Baden-Württemberg wird im Frühjahr 2011 über die Zusammensetzung des neuen Landtags entschieden. Bis dahin haben die Parteien noch Zeit, ihre bildungspolitischen Zukunftsvorstellungen, ihre Schwerpunkte und Ziele klar zu formulieren. Der Philologenverband geht davon aus, dass es in Baden-Württemberg weiter beim gegliederten Schulsystem bleibt. Eine Zerschlagung des Gymnasiums durch ein Einheitsschulsystem wird der Philologenverband nicht hinnehmen. Tatsache ist: Die begabungsgerechte Förderung gelingt an Gesamtschulen am schlechtesten, was von Einheitsschulbefürwortern konsequent ausgeblendet wird. Eine am 25. September veröffentlichte repräsentative Forsa-Meinungsumfrage stellt endlich klar: Nur eine Minderheit von 31 Prozent aller Bundesbürger befürwortet die Einführung einer Einheitsschule. (s. auch Bericht in "Profil" des DPhV)
Mit 81 Prozent steht das Thema Bildung bei Eltern an der Spitze. Das hat eine Eltern-Umfrage im August ergeben. Für 62 Prozent der Eltern spielen die Themen Familie, Kinder und Bildung bei der Wahlentscheidung eine genauso große Rolle wie die Wirtschaftskrise oder die Rentendebatte. Schon jetzt darf also davon ausgegangen werden, dass gegen Ende dieser Legislaturperiode auch die baden-württembergische Bildungspolitik auf den Prüfstand kommen wird. Sie wird einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Wählerverhalten haben. Vieles wurde in den letzten Jahren von der Landesregierung auf den Weg gebracht, u.a. eine 530 Millionen Euro teure Bildungsoffensive. Der reale Bedarf im Bildungsbereich wird sich mit dieser sicher beträchtlichen Summe aber noch nicht decken lassen. Das gilt vorrangig für eine deutlich schnellere und stärkere Reduktion der Klassengrößen und für die Gewinnung von Lehrkräften in den Mangelfächern. Auch die Pensionierungswelle erfordert rechtzeitiges Handeln. Die Attraktivität des Lehrerberufs muss durch Entlastungsmaßnahmen und höhere Einstiegsgehälter verbessert werden. Und berufspolitisch muss reiner Wein eingeschenkt werden. Eine in Baden-Württemberg erwogene vorgezogene "Pension mit 67" ist vorerst vom Tisch. Eine längere Lebensarbeitszeit muss gekoppelt sein mit gleitenden Ausstiegsmöglichkeiten, mit einer garantierten und in der Praxis funktionierenden Gesundheitsprävention und Rehabilitation. Hier ist noch ein breites Feld zu beackern.
Und wie steht es um die Unterrichtsversorgung? Diese Frage stellt sich jedes Jahr zum Schuljahresbeginn. Das Kultusministerium hat in einer Pressemitteilung Anfang September herausgestellt, dass mit dem Einstellungsverfahren erstmals bereits im November begonnen worden sei, also "zeitlich eng gestaffelt". "Gute Bewerber" habe man frühzeitig mit Zusagen gewinnen können. Das Gros der Einstellungen habe schon Pfingsten abgewickelt werden können. Über die Hälfte der Stellen würden durch schulbezogene Ausschreibungen durch die Schulen selbst besetzt. Trotz der Absenkung des Klassenteilers von 33 auf 32 bei den weiterführenden Schulen und dem damit verbundenen Mehrbedarf an Lehrkräften sei der Pflichtunterricht gesichert, und es stehe auch ein "angemessener Ergänzungsbereich" zur Verfügung. Von den insgesamt 5000 eingestellten Junglehrern erhalten die Gymnasien 1760. Das ist in der Tat ein gewaltiger Kraftakt, den die Landesregierung leistet, der aber den im Laufe der Finanzkrise locker gemachten Geldern noch gewaltig hinterherhinkt. Die Korrektur der Schräglagen auf dem Finanzsektor ist bis heute nicht gelungen und trifft angesichts der nach wie vor unbefriedigenden Rahmenbedingungen im Bildungsbereich auf größtes Unverständnis. Das Kultusministerium appelliert derweil an die Schulen, "Konzepte zur Verhinderung von kurzfristigem Unterrichtsausfall" zu entwickeln. Das ist einfacher gesagt als getan, denn schon jetzt schieben Kolleginnen und Kollegen Überstunden-Bugwellen vor sich her. In einer Pressemitteilung hat der Verband hierzu Stellung bezogen (s. Seite 23).
Nach dem Beschluss des Bildungsgipfels 2008 sollen die Kultusminister die Quote der Schulversager ohne Abschluss bis 2015 von acht auf vier Prozent senken. Parallel soll der Anteil der ausbildungsfähigen jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss von 17 auf 8,5 Prozent sinken. Ob allerdings durch einen Verzicht des Sitzenbleibens, wie er jüngst gefordert wurde, auch die Ausbildungsreife verbessert werden kann, darf eher bezweifelt werden. Ganz nebenbei: Die Gefahr sitzenzubleiben ist in Baden-Württemberg von allen Bundesländern am geringsten. Vor zwei Jahren lag die Quote in Deutschland bei 2,7 Prozent, im Südwesten dagegen fielen nur 1,8 Prozent der Schüler durch. Nach Auffassung des PhV kann es nach gründlicher Abwägung der Klassenkonferenzen für den einen oder anderen Schüler durchaus sinnvoll sein, ein Schuljahr zu wiederholen, wenn die Lücken insbesondere in Kernfächern zu groß geworden sind. PhV-Landesvorsitzender Bernd Saur kommentiert die jüngste Studie der Bertelsmann-Stiftung zum Sitzenbleiben: "Der zugrunde gelegte Berechnungsmodus darf durchaus in Frage gestellt werden. Im Übrigen trifft es ganz einfach nicht zu, dass eine Klassenwiederholung in jedem Fall völlig nutzlos und unwirksam ist. Viele ehemalige Wiederholer beteuern rückblickend, die Klassenwiederholung hätte ihnen gut getan und wäre die Grundlage gewesen für eine gute Mittlere Reife bzw. ein gutes Abitur." Selbstverständlich, so Saur weiter, sollte eine Wiederholung dadurch vermieden werden, dass Schwächen frühzeitig erkannt werden und dass im Sinne einer individuellen Förderung gegengesteuert werde. "In Baden-Württemberg können und sollen ja bekanntlich die sogenannten Poolstunden zur Behebung entsprechender Schwächen eingesetzt werden." Auch sei auf die Maßnahmen wie Hausaufgabenbetreuung und Probeversetzung verwiesen. Im Einzelfall könne auch der Wechsel in eine andere Schulart die für den speziellen Fall richtige Lösung sein. Saur verweist auf Fälle, für die eine Wiederholung sinnvoll sei. Übrigens weist die Erhebung der Bertelsmann-Stiftung auf einen interessanten Sachverhalt hin: Die Sitzenbleiber-Quote ist in integrierten Gesamtschulen vor allem in der Sekundarstufe II höher als an den Gymnasien, ein Indiz also dafür, dass das längere gemeinsame Lernen in der Sekundarstufe 1 offensichtlich zu beachtlichen Defiziten geführt hat, es also ganz und gar nicht zutrifft, dass längeres gemeinsames Lernen zu besseren Ergebnissen führt. Bernd Saur: "Das Gegenteil ist der Fall!"
Und die Ergebnisse der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick 2009" lassen durchblicken, dass es um die Bildung in Deutschland gar nicht so schlecht bestellt ist. So ist Deutschland nach den USA und dem Vereinigten Königreich das drittbeliebteste Studienland. Insbesondere die MINT-Fächer sind attraktiv. In einer von der Kultusministerkonferenz herausgegebenen Pressemitteilung vom 8. September heißt es: "84 Prozent der 25- bis 64-Jährigen in Deutschland verfügt mindestens über einen Abschluss im Sekundarbereich II. Dementsprechend erfreulich niedrig ist der Anteil der gering Qualifizierten an der Erwachsenenbevölkerung, der mit 16 Prozent nur gut halb so hoch ist wie im OECD-Durchschnitt." Dieses Ergebnis, das Deutschland mit seinem gegliederten Schulsystem erreicht, sollte all jene nachdenklich stimmen, die sich mit ideologisch motiviertem Ehrgeiz für Einheitsschulsysteme stark machen.
Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, der beim diesjährigen "Tag des Gymnasiums" einen bemerkenswerten Vortrag über das Gymnasium hielt, stellt dazu fest: "Die OECD sollte schließlich zur Kenntnis nehmen, dass in vielen Ländern der Welt und Europas formale Hochschulzertifikate für Abschlüsse vergeben werden, für die in Deutschland eine berufliche Bildung, zum Beispiel an einer Fachschule, steht. Wenn etwa in Finnland oder in den USA die Berufe der Krankenschwester und der Kindergartenerzieher einen Hochschulstempel tragen, in Deutschland bei gleicher Qualifikation aber nicht, so zeigt dies, wie sehr die OECD ständig statistische Artefakte in die Welt setzt."
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Ihr
Hans-Eckhard Giebel
Redaktion 'Gymnasium Baden-Württemberg'
Beiträge in dieser Ausgabe:
"Das Gymnasium - Zugpferd des Bildungswesens"
Landesehrennadel für Karl-Heinz Wurster
PhV-Hauptvorstand behandelte eine breite Palette berufs- und bildungspolitischer Themen
Tarifverhandlungen über eine Entgeltordnung beginnen!
Aktuelles aus dem Hauptpersonalrat
Individuelles Lernen - Positive Assoziationen statt kostenlosem Unterricht auf hohem Niveau
Thema aktuell - heute: Bündnis 90/Die Grünen
Positionen des Philologenverbandes Baden-Württemberg zur Pension mit 67
Klaus Nowotzin übernahm Leitung des Albert-Schweitzer-Gymnasiums
Dank und Anerkennung für den vorbildlichen Einsatz von Reinhard Weist
PhV: "Druckmittel" sind nicht geeignet, die G8-Umsetzung zu verbessern
Neu: Für die gymnasiale Oberstufe gibt es ein vereinfachtes Punktesystem
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen
Hans-Eckhard Giebel
Redaktion 'Gymnasium Baden-Württemberg'