Individuelles Lernen
Positive Assoziationen statt kostenlosem Unterricht auf hohem Niveau
Bei Bildungsdiskussionen wird zusammen mit dem Begriff "Gemeinsames Lernen" inzwischen regelmäßig ein weiteres Zauberwort geliefert, nämlich das vom "Individuellen Lernen". Beide Begriffe erwecken angenehme Assoziationen, sind aber letztlich undefiniert - jeder kann sich darunter vorstellen, was er oder sie will. Stellt man beispielsweise jemandem einen Sprachkurs für zehn Euro zur Verfügung, kann diese Person damit individuell, d. h. für sich allein, eine Sprache lernen.
Eltern, denen das "Individuelle Lernen" als Allheilmittel für schulische Probleme angepriesen wird, stellen sich darunter aber mit Sicherheit individuelle Betreuung ihrer Kinder vor. Dass in Wirklichkeit höchstens ein Lernen in Kleingruppen unter Anleitung älterer oder besserer Schüler damit gemeint ist, wird tunlichst verschwiegen. Die Lehrkraft fungiert bei diesen Konzepten lediglich als "Lernbegleiter", d. h. die Lehrer erstellen Lernpläne oder Wochenarbeitspläne, nach denen die Schüler individuell oder in Kleingruppen für sich lernen. Der Lehrer als "Vorturner" hat bei diesen Konzepten ausgedient.
Ob das den Eltern klar ist? Wenn eine Elternbeirätin auf den Einwand, dass gemeinsames Lernen bis Klasse sechs extreme Veränderungen bei der Vermittlung der Fremdsprachen mit sich bringen würde, lächelnd antwortet, dass das doch mit dem Prinzip des "individuellen Lernens" kein Problem sein könne, scheint sie sich nicht im Klaren darüber zu sein, dass zwei Jahre Englisch und ein Jahr Französisch bzw. Latein für ein Kind "individuell" zu bewältigen wären. Dass der Staat hierfür jedem Kind einen individuellen Lernbegleiter in Form einer Lehrkraft zur Verfügung stellen kann, darf man realistischerweise nicht erwarten. Bei der Hausaufgabenbetreuung wird die Betreuung durch ältere Schüler heftigst kritisiert. Beim "individuellen" bzw. "gemeinsamen Lernen" scheint zu den Befürwortern noch nicht durchgedrungen zu sein, dass die Anleitung durch andere Schüler das Prinzip ist, nach dem dieses Lernen funktioniert.
Die Befürwortung von "längerem gemeinsamem Lernen bis Klasse 6" gepaart mit "individuellem Lernen" bedeutet bei den Fremdsprachen ganz konkret den Verzicht auf kostenlose staatliche Leistungen in Form von ca. 500 Unterrichtsstunden, die "individuell" erarbeitet werden müssten! Diese Stunden würden die Eltern Tausende von Euro kosten, müssten sie ein privates Fremdspracheninstitut dafür bezahlen. Es müsste auch zu denken geben, dass private Anbieter nicht mit "individuellem Lernen" für sich werben. Bezahlt wird für die "direkte Instruktion", für den oft geschmähten "Frontalunterricht", denn er bedeutet Lernen ohne Zeitverschwendung.
Förderung statt Experimente auf dem Rücken der Kinder
Es wird höchste Zeit, eine genaue Definition der oben genannten Begriffe einzufordern, damit die Elternvertreter wenigstens wissen, wofür sie sich einsetzen. Wenn in einem Workshop der Leiter des finnischen Zentralamts für Unterrichtswesen, Rainer Dohmisch, erläutert, welche finanziellen und personellen Anstrengungen gemacht werden müssen, um die Kinder gemeinsam lernen zu lassen, merkt man, welch weiten Weg das deutsche Bildungswesen noch vor sich hat. Wohnungen für Autisten auf dem Schulgelände, Einzelbetreuung dieser Schüler, Schulen, die halbe Krankenhäuser sind mit medizinischem Personal und der entsprechenden medizinischen Ausstattung, behindertengerechte Schulgebäude, ein Schulausschuss aus Experten wie Ärzten, Psychologen und Lehrkräften, der jede Woche (!) den Förderbedarf der Schüler/innen ermittelt, die personelle Ausstattung, um diesem Förderbedarf auch nachkommen zu können, etc... All das ist in Deutschland nicht vorhanden. Hinzu kommen in Finnland um bis zu einem Drittel niedrigere Unterrichtsdeputate, Klassen mit weniger als der Hälfte der Schüler in deutschen Klassen, also halb so viel Schüler, die von den einzelnen Lehrkräften zu betreuen sind...
Es liegt auf der Hand, warum wichtige Probleme der Finanzierung und der tatsächlichen Umsetzung in Diskussionen nicht zu Wort kommen und stattdessen Wunschdenken durch positiv belegte Begriffe erzeugt wird. Obwohl in der Realität bereits widerlegt, wird die Gleichheit der Resultate für alle Schüler suggeriert. Chancengleichheit wird mit Gleichheit der Resultate verwechselt, der Wunsch ist der Vater des Gedankens. Obwohl die Gesamtschulsysteme anderer Länder längst erwiesen haben, dass die Schulstrukturänderung alleine nichts bringt und dies von den Befürwortern des "Längeren gemeinsamen Lernens" auch freimütig eingeräumt wird, wird weiter diskutiert, statt dass man sich gleich an die eigentliche Aufgabe macht und nach Möglichkeiten für bessere Förderung der Schülerinnen und Schüler sucht.
Frühe Förderung statt Wunschdenken
Die vorschulische Förderung, die Sprachförderung vor Schuleintritt, lassen sich die Finnen ebenfalls eine Menge Zeit und viel Geld kosten. Da die Beherrschung der Unterrichts- bzw. Landessprache der Schlüssel zu einer erfolgreichen Schulkarriere und damit des Lebens ist, könnte man in Deutschland - wie es der PhV seit langem fordert - den Kindern Hürden aus dem Weg räumen: "Längeres gemeinsames Lernen vor dem Alter von zehn Jahren" muss die Devise sein. Es darf nicht erst dann einsetzen, wenn das Kind bereits in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen ist. Mit ca. neun Jahren ist die muttersprachliche Entwicklung bereits weitgehend abgeschlossen - die wichtigen Entwicklungsschritte laufen vor dem Alter von zehn Jahren. Die Sprachstandserhebung in Baden-Württemberg hat im Juli 2009 ergeben, dass das bereits 40 Prozent der vierjährigen Kinder sprachlicher Förderung bedürfen. Hier muss im Interesse der Kinder angesetzt werden, und zwar bevor die Kinder negative Erfahrungen in der Schule machen und ihre sprachlichen Defizite schwer aufholen können.
Leistungsstarke Schulen und Lehrkräfte in Baden-Württemberg
Die deutschen Schüler hätten realistische Förderprogramme, wie der PhV sie seit langer Zeit fordert, verdient und auch nötig. Und wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass in Finnland trotz dieser idealen Unterrichtsbedingungen laut Rainer Dohmisch dennoch ungefähr vier Prozent der Schüler keinen Abschluss schaffen, merkt man erst richtig, was an baden-württembergischen Schulen von den Lehrkräften geleistet wird. Die Zahl der Schüler ohne Abschluss liegt bei 5,9 Prozent, was angesichts der besseren Förderbedingungen in Finnland geradezu sensationell ist. Wozu also lähmende Diskussionen und Schulversuche, wenn die eigentliche Aufgabe ganz klar erkennbar ist? Die Schweden mit ihrem Gesamtschulsystem, die bei Pisa inzwischen hinter Deutschland liegen, kommen zu den Finnen, um von ihnen zu lernen, wie man Schüler fördert. Dieser Sachverhalt sagt mehr als tausend Worte.
Silvana Stärr, Kirchberg
Lesetipp für am finnischen Fördersystem Interessierte: s. GBW 5/6-2009, Seite 16.