"Wie glaubwürdig ist diese Landesregierung?"

Philologenverband kritisiert: Zum wiederholten Mal konterkariert der Finanzminister die Bildungspolitik des Kultusministers

"So als säßen sie nicht gemeinsam am Kabinettstisch und als hätten sie dort nicht gemeinsam Beschlüsse gefasst, haben jetzt 'Experten im Finanzministerium' ein Konzept erarbeitet, wie man wesentliche Elemente der längst beschlossenen Qualitätsoffensive Bildung wieder einkassieren kann", kritisierte der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur in einer am 25. Oktober vom Philologenverband herausgegebenen Pressemitteilung das von Finanzminister Willi Stächele (CDU) der Öffentlichkeit vorgestellte Ergebnis des Expertenteams seines Ressorts. Saur warnte vor einer Umsetzung der Pläne: "Wenn ein leitender Beamter des Finanzministeriums jetzt verlauten lässt, ein Schüler merke doch nicht, ob 32 oder 31 Leute mit ihm im Klassenzimmer sitzen, so ist dies ein Schlag ins Gesicht all derer, die seit vielen Jahren auf die Bedeutung kleinerer Klassen und auf einen Einstieg in die sukzessive Absenkung des Klassenteilers hinweisen."

Der Verband wies zugleich darauf hin, dass die Zeit, die sich eine Lehrkraft dem einzelnen Schüler widmen könne, ganz entscheidend von der Klassengröße abhänge. Wie bedeutend dieses Zeitkontingent für individuelle Förderung, Zuwendung und Betreuung ist, wurde nicht zuletzt im Zusammenhang mit "Winnenden" und "Ansbach" von Verbandsseite immer wieder betont. PhV-Chef Saur: "Auch deshalb ist das 'Konzept' des Finanzministers geradezu skandalös." Nicht weniger skandalös sei der Vorschlag, die 1.400 den Gymnasien und den beruflichen Schulen zugesagten Stellen in den nächsten beiden Jahren nun doch nicht zugestehen zu wollen. Saur verwies in diesem Zusammenhang auf die vom PhV ermittelten und veröffentlichten Ergebnisse auf der Basis von Rückmeldungen aus 82 Gymnasien zur aktuellen Unterrichtsversorgung.

Rechtsanspruch auf Rückgabe der Überstunden

"Wir wollen dem Finanzminister in Erinnerung rufen, dass unsere Lehrkräfte einen Rechtsanspruch auf Rückgabe ihrer Überstunden im jeweils folgenden Schuljahr haben; würden sie von diesem Recht Gebrauch machen, wäre die Unterrichtsversorgung nicht mehr gesichert", gibt PhV-Chef Saur zu bedenken und stellt heraus, dass die Lehrkräfte freiwillig bereit seien, den bestehenden gravierenden Engpass in der Lehrerversorgung durch eine enorme Kraftanstrengung zu überbrücken. Den engagierten Lehrkräften dieses solidarische Verhalten dadurch zu danken, dass ein ganzer Katalog an Einschnitten und Verschlechterungen vorgelegt werde, lasse aus Sicht des Verbandes beim Dienstherrn ein ganz anderes Verständnis eines verantwortungsvollen Miteinanders erkennen. Auch sei der chronische Lehrermangel an unseren beruflichen Schulen zur Genüge bekannt. Den permanenten Stundenausfall nicht durch zusätzliche Stellen abmildern zu wollen, sei eine Bankrotterklärung ersten Ranges.

PhV gegen eine Verlagerung von Fortbildungsveranstaltungen in die unterrichtsfreie Zeit

Wer gedacht hat, das Thema "Lehrerfortbildung" könne nach wiederholter Diskussion im Land ad acta gelegt werden, sieht sich getäuscht. Obwohl schon zur Genüge dargestellt wurde, dass eine stetige Auslastung der Fortbildungsakademien die Verlagerung von Fortbildungsveranstaltungen in die unterrichtsfreie Zeit nicht erlaubt, wird dieses vermeintlich publikumswirksame Thema erneut bemüht. Und erst recht eignen sich hierfür wieder einmal die "Ferien": Während niemand auf die Idee kommt, einem Universitätsprofessor zu unterstellen, er habe fünf Monate im Jahr Ferien (Dauer der Semesterferien), wird beim Lehrer unterrichtsfreie Zeit mit Ferien gleichgesetzt.

Angesichts von Stapeln an Korrekturen und vielfältigen Zusatzarbeiten dürfe man auch im Finanzministerium davon ausgehen, so Saur, dass Lehrer letztlich nicht mehr Urlaubstage haben als zum Beispiel die Mitarbeiter im Finanzministerium. Sollte jedoch Stefan Mappus der Nachfolger von Ministerpräsident Oettinger werden, so sei Entwarnung angesagt. CDU-Landtagsfraktionschef Stefan Mappus hatte erklärt, aufgrund des Vorstoßes von Finanzminister Stächele stünde "die Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit der Landespolitik auf dem Spiel". Mappus weiter: "Die Senkung des Klassenteilers ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Bildungsoffensive und dient der nochmaligen Verbesserung der Unterrichtsqualität an den baden-württembergischen Schulen. Schüler, Eltern und Lehrer müssten sich auf die Versprechen verlassen können."

Saur: "Und wer wollte sich als neuer Ministerpräsident schon sagen lassen, er verfüge nicht über die von ihm genannten beiden Tugenden Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit."

PhV unterstützt Kultusminister Helmut Rau

Begrüßt wird vom PhV der Hinweis von Kultusminister Helmut Rau, dass im Bildungsbereich kein Spielraum für Kürzungen bzw. Einsparmöglichkeiten im Landeshaushalt besteht. Bernd Saur: "Gerade vom 'Kinderland Baden-Württemberg' müssen positive Bildungssignale ausgehen. Wir appellieren deshalb an den Kultusminister, die von ihm auf den Weg gebrachten Projekte und Verbesserungen mit ganzer Kraft zu verteidigen." Baden-Württembergs Finanzminister dürfe trotz schwieriger Zeiten die Anstrengungen seines Kultusministers, "unser bewährtes gegliedertes und begabungsgerechtes Bildungssystem, um das wir andernorts beneidet werden, weiterzuentwickeln und durch die gerade gestartete Qualitätsoffensive zu verbessern, nicht durch Finanzkürzungen unterlaufen."

In einem Gespräch mit dpa-Redakteurin Julia Giertz prognostizierte Saur, dass im kommenden Schuljahr 1800 Lehrer an den Gymnasien benötigt würden. Es sei aber nur mit 1680 Referendaren zu rechnen, die ihre Ausbildung dann abgeschlossen hätten, von denen aber wohl nicht alle im Südwesten blieben. Ab Sommer 2012 würden dann aber mehr Referendare ihre Ausbildung abschließen als gebraucht werden, sagt Saur und macht deutlich: "Dann fordern wir die Rückgabe der aufgelaufenen Überstunden und die Rückkehr zu 24 Stunden Unterrichtsverpflichtung."

Kultusminister Rau sprach gegenüber dpa nur von "vereinzelten Engpässen" in den Fächern Latein, Spanisch und Naturwissenschaften. Mit frühzeitigen schulbezogenen Ausschreibungen, mit Seiteneinsteigern und durch befristete Beschäftigung spanischer Pädagogen sollen die Lücken gefüllt werden.

-phv-pm-/-heg-

www.phv-bw.de