Professor Dr. Peter J. Brenner beim 50. Internationalen Bodenseetreffen:

"Das Gymnasium ist die Königsklasse des deutschen Schulwesens"

Am Samstag/Sonntag, 19. und 20. September 2009, richtete der Philologenverband Baden-Württemberg das 50. Internationale Bodenseetreffen in Konstanz und auf der Insel Mainau aus. Es konnten befreundete Verbandsvertreter aus Bayern, der Schweiz und aus Österreich begrüßt werden. Höhepunkte waren die Jubiläumsfeier am Samstagabend im Comturey-Keller auf der Insel Mainau und der Festvortrag von Prof. Dr. Brenner zur Erfolgsgeschichte des Gymnasiums im Konstanzer historischen Ratssaal.

Am Samstagnachmittag konnte Bernd Sauer, Vorsitzender des Philologenverbandes Baden-Württemberg, unter der Viktoria-Linde auf der Insel Mainau nahezu 120 Gäste bei herrlichem Sonnenschein mit einem Glas Sekt begrüßen.

Bereits am Vormittag hatten die Vorstände der beiden Verbände aus Bayern und Baden-Württemberg in Konstanz getagt, sich über die aktuelle Lage in den jeweiligen Bundesländern ausgetauscht und gemeinsame Aktionen für die nächste Zukunft geplant. Der Nachmittag diente der Entspannung: Vier themenorientierte Führungen über die Insel Mainau ließen Pflanzenprofis, Weinliebhaber und Geschichtsinteressierte auf ihre Kosten kommen.

Der Abend im Mainauer Comturey-Keller begann mit einem gemeinsamen Essen, bei dem u.a. exquisite Bodenseespezialitäten genossen werden konnten. Horst Scheffczyk, der das Bodenseetreffen in seiner aktiven Zeit 23-mal (!) vorbereitet hatte, gab einen Rückblick über die Geschichte dieser Veranstaltung, die 1960 in Langenargen zum ersten Mal unter dem Motto "Die moderne Gesellschaft und die Höhere Schule" stattfand. Von Anfang an prägend sei der Gedanke gewesen, sich über Bundes- bzw. Ländergrenzen hinweg sowohl über Schulisches als auch über Berufspolitisches auszutauschen. Eine genaue Auflistung mit allen Themen ist auf der Homepage des Philologenverbandes Baden-Württemberg zu finden (www.phv-bw.de). Dr. Paul Strasser, der ehemalige Präsident des Kantonalen Mittelschullehrerinnen und -lehrer-Verbands St. Gallen, fügte einige Bemerkungen aus ganz persönlicher Sicht an, so zum Beispiel seine Kontakte zu einem Konstanzer Gymnasium, die zu gegenseitigen Aufführungen von Theatergruppen führten.

Am Sonntagvormittag begrüßte der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank etwa 150 Gäste im historischen Konstanzer Rathaussaal zum Jubiläumsvortrag. Nach der musikalischen Einstimmung durch den Mädchenchor des Heinrich-Suso-Gymnasiums Konstanz unter der Leitung von Studiendirektor Michael Auer folgte der Festvortrag von Prof. Dr. Peter J. Brenner "Das Gymnasium - eine Erfolgsgeschichte; Perspektiven gymnasialer Bildung in Zeiten des Aufbruchs". Brenner lehrte bis vor kurzem an der Philosophischen Fakultät der Universität Köln; seit kurzem ist er Geschäftsführer der neu gegründeten Fakultät für Lehrerbildung an der Technischen Universität München.

Gleich zu Beginn seines Vortrags verdeutlichte Prof. Dr. Peter J. Brenner seine Sichtweise: Das Gymnasium sei die Königsklasse des deutschen Schulwesens, stehe es doch trotz vielfältiger Bedrohungen und Angriffe so stabil da wie noch nie. Die Schülerzahlen expandierten, wobei die Frage bleibe, ob das für das Gymnasium gut oder schlecht sei. Der größte Teil der gymnasialen Probleme komme durch die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre. G8 sei ein politisches Problem, das nicht hätte sein müssen. Und wenn man auf die Suche gehe nach den Gründen für die gegenwärtigen massiven Bildungsreformdiskussionen, so lande man bei PISA. PISA habe zu enormen Fehlinterpretationen geführt, was das ganze Schul- und Bildungssystem betreffe. Die Gymnasien seien es jedenfalls nicht, die für die mäßigen PISA-Ergebnisse verantwortlich seien. Der Hinweis auf Finnland sei obsolet, weil dieses kleine Land eine "bildungspolitische Puppenstube" sei, die zu einem Vergleich mit Deutschland nicht tauge, dazu eignen sich andere größere Nationen besser. Und hier schneide Deutschland sehr gut ab. So verlassen in Deutschland nur 8 Prozent der Schülerschaft die Schule ohne Abschluss, in Frankreich dagegen 25 Prozent und in den USA gar 30 Prozent. Das vielgliedrige, pluralistische deutsche Schulsystem verhindere außerdem, dass immer mehr Eltern meinen, ihren Kindern einen Platz in einer Privatschule erkaufen zu müssen. In Deutschland liegt diese Quote gerade einmal bei 7 Prozent, in Frankreich bei 31 Prozent und in Großbritannien bei 40 Prozent. Diese Zahlen liefern jedenfalls keinen Grund für radikale Strukturbrüche.

Anhand eines kleinen Geschichtsexkurses machte Prof. Brenner deutlich, dass sich das Gymnasium immer breiteren Bevölkerungsschichten geöffnet habe. Zuviel Expansion berge aber natürlich auch Gefahren: Es gebe heutzutage an den Universitäten Erstsemester, die weder studierfähig noch studierwillig seien. Es fehle bei einem Teil der Studenten an mentalen Prägungen, die man brauche, um ein Studium erfolgreich zu bestehen, dazu zählte Prof. Brenner Motivation, Ausdauer, Disziplin und die Fähigkeit, Kritik zu ertragen. Aus diesen Gründen müssten die Universitäten teilweise eine schulische Sozialisation nachholen.

Klarmachen müssten sich die allgemeinbildenden Gymnasien auch, dass sie keine Monopolstellung für die Vergabe von Studienberechtigungen mehr hätten, da 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler ihr Reifezeugnis nicht an einem herkömmlichen Gymnasium erwerben würden. Die Gymnasien müssten mehr als bisher diese Konkurrenzsituation realisieren. Prof. Brenner sah drei Kernbereiche, zu denen Positionen entwickelt werden müssten, wolle das Gymnasium überleben:

Das alles traue er dem deutschen Gymnasium zu. Schwer gemacht werde die Erfüllung dieser Aufgaben durch den deutschen Bildungsjournalismus, der zu oft von der Wirklichkeit
abgekoppelt und damit eines der Hauptprobleme des deutschen Bildungswesens sei. Hingewiesen sei an dieser Stelle auf das im Kohlhammer-Verlag erschienene Buch von Peter J. Brenner: "Wie Schule funktioniert".

Klaus Nowotzin

www.phv-bw.de