Schulleiter a.D. Dr. Helmut Slogsnat:
"Ich hoffe, dass ein im Kern gesundes Bildungssystem nicht auf dem Altar des Zeitgeistes geopfert wird"
Oberstudiendirektor i.R. Dr. Helmut Slogsnat, der sieben Jahre das Mannheimer Liselotte-Gymnasium geleitet hatte und am 24. Juli 2009 mit Ende des Schuljahres 2008/09 in den Ruhestand verabschiedet wurde, zog in seiner Abschiedsrede Bilanz und stellt rückblickend fest: "Vieles stellte sich als Gewinn heraus, etliches blieb unzureichend und einiges war auch ärgerlich." In Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, die auch Auswirkungen auf den Schulbetrieb haben, sind nicht nur die aktiv noch im Schuldienst stehenden Kolleginnen und Kollegen stark gefordert, sondern auch die Schulleiterinnen und Schulleiter. Dr. Helmut Slogsnat, der wie er selbst feststellt, "nicht mit Visionen ans Lilo" kam, streift in seiner Rede u.a. das Leben in einer Schulgemeinschaft, die Einführung des G8 und die aktuelle Strukturdebatte. Stellvertretend für viele Schulleiterinnen und Schulleiter an den Gymnasien des Landes, die eine vergleichbare Sicht zu den Veränderungen an unseren Gymnasien haben, veröffentlichen wir nachfolgend auszugsweise die in seiner Abschiedsrede vorgebrachten Gedanken.
"Mein Motto war immer: Wir haben zusammen Aufgaben zu erledigen oder Probleme zu lösen, diese aber nicht auf Personen zu projizieren und dann statt mit der Sache uns mit Personenclinchs zu beschäftigen. So nur war es möglich, die im Lauf der Jahre durch Arbeitszeiterhöhungen, neue Pflichten, auch durch interne Entscheidungen immer größer gewordene Arbeitslast zu schultern?. Wenn es einen verlässlichen Indikator für die Zunahme der Aufgaben in den letzten Jahren gibt, so war es für mich das Führen des Terminkalenders, in dem es immer schwieriger wurde, im Dickicht amtlicher Termine überhaupt noch Lücken für unsere Aktivitäten zu finden?Zum Glück sind wir keine Legehennenbatterie oder ein Unternehmen, in dem sich Effizienz des Arbeitens nur an Umsätzen oder Gewinnmargen orientiert, sondern statt dessen berücksichtigt, dass in einer Lehr- und Lerngemeinschaft namens Schule das sogenannte "humanum" einen Platz haben muss.
Was schließlich die Hauptgruppe in unserer Schulgemeinschaft, die Schüler betrifft, so muss man ein Paradoxon konstatieren. Platos gern zitierter Spruch über die anthropologische Binsenweisheit, wonach die Jugend aus der Sicht der Älteren sich durch schlechtes Benehmen und Respektlosigkeit auszeichnete, hat in Wirklichkeit einen echten Paradigmenwechsel hinter sich: Die Probleme mit Schülern und deren Familien nehmen nach Gewicht und Zahl seit Jahren zu. In ihnen spiegeln sich gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Auch hier aber droht die Beschäftigung mit einer Minderheit an Problemfällen zu verdecken, dass wir an unseren Gymnasien eine überwiegende Mehrheit von Schülern erleben, die in ihrer Schulzeit wachsen und gedeihen und mit wunderbarem Einsatz und nicht nur unterrichtlichen Spitzenleistungen das Schulleben bereichern.
Die Einführung von G8
Die flächendeckende Einführung des G8 gefällt einer Mehrheit nicht. Sie widersprach der ursprünglich auf Differenzierung bedachten Bildungsidee: Der Hochbegabte sollte im Turbo-Gymnasium lernen, der Normalbegabte im alten System. Ohne Not wurde dieses wichtige Differenzierungskonzept aufgegeben. Frau Schavans einzige Begründung war: Unsere jungen Leute würden im internationalen Maßstab zu alt. Als läge das an dem einen Schuljahr! Da die Situation sich nicht mehr ändern lässt, ist dreierlei zu sagen:
1. Man hätte das Pferd nicht vom Schwanze aufzäumen dürfen. Mit der Kursstufe wurde der Strukturwandel begonnen, dann nach unten hinunterreformiert mit dem verbindlichen Grundschulenglisch.
2. Es musste zu viel zu spät geändert und nachkorrigiert werden. Nur mit Mühe behalten die Schulen den Überblick über ihre immer wieder abgewandelten Stundentafeln und Curricula. In Fällen wie der Einführung der DVAs (= Diagnose- und Vergleichsarbeiten), die die Einführung des G8 begleitete, wurde gehandelt nach der Devise: "Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln!" Die negativen Auswirkungen sind vielfältig, einige von ihnen werden überdauern. Nur zwei aktuelle Punkte: Bei Nichtversetzung und dem Abstieg vom alten ins neue System sind die Schüler die Gekniffenen. Die Schulen müssen in vielen Fällen Fünfe gerade sein lassen. Und die Einengung der Freizeitaktivitäten wird langfristig dazu führen, so Daniel Barenboims Befürchtungen vor 14 Tagen in der F.A.S., dass die Breite der musikalischen Betätigung, ein kulturpolitisches Plus in Deutschland, ob in Vereinen oder professionellen Orchestern, schrumpfen wird, und damit auch die Qualität des Musiklebens insgesamt. Es wäre besser gewesen, wenn schon ein G8, dann auf völlig neuer konzeptioneller Basis, z.B. so: Vorziehen der Einschulung um ein Jahr. Einrichten einer Vorschule nach dem französischen Modell der "école maternelle", mit so etwas wie einem einheitlichen Erziehungs- und Bildungsplan. Sofortige Studiengänge für Grundschullehrer im Fach Englisch, um dem grundständigen Fremdsprachenunterricht eine sinnvolle Basis zu geben, Beibehaltung des G9 als Regelform.
3. Viel Geld müsste man jetzt in die Hand nehmen für den Betrieb echter Ganztagsschulen mit allen Implikationen im Bedarf an Sach- und Personalressourcen.
Strukturwandel - die beklagte Ungerechtigkeit
Das dreigliedrige Schulsystem, zusammen mit unserem vielfältig gegliederten dualen Bildungssystem, ist unzweideutig die Basis einer vergleichsweise erfolgreichen deutschen Gesamtgesellschaft. Warum man diese Strukturen gerne zerstören möchte, ist uns gymnasialen Lehrern und Schulleitern ein Rätsel. In vielen Bundesländern sind die Gymnasien im Begriff, aufgelöst zu werden. Woher sollen eigentlich später die studierfähigen, belastbaren Abiturienten kommen, wenn heute schon die Studienabbrecherquote gegen 30 Prozent geht? Die Struktur gehört nicht abgeschafft, sondern verbessert. Die beklagte Ungerechtigkeit, die in vorzeitiger Selektion der Schüler liege, geht von falschen Voraussetzungen aus: Unser Bildungssystem ist kostenlos, bei uns in Baden-Württemberg inklusive Lernmittelfreiheit, wovon Eltern in anderen Bundesländern nur träumen können. Jeder Bildungs- und Lernwillige hat freie Bahn sich zu entwickeln. Die Lösung des Problems ungleicher Entwicklungsgeschwindigkeit von Kindern liegt nicht in der egalitären Behandlung aller - mit der Benachteiligung begabterer Schüler - in einer "Schule für alle" möglichst bis Klasse 10, sondern in der Förderung derer, die nicht so schnell sind.
Wir können Bildungsreserven für das Gymnasium ausschöpfen, wenn es sie denn noch gibt, indem wir die Förderungsbedürftigen fördern, ohne die Belastbaren nicht mehr zu fordern. Differenzierung heißt die Devise. Dazu bedürfte es allerdings der Verbesserung traditioneller Rahmenbedingungen: Kleinere Klassen, mehr Lehrer, mehr Personal an den Schulen, die die periphere pädagogische Arbeit leisten, auch die Wiederherstellung einer funktionierenden multilateralen Versetzungsordnung. Dass in Deutschland besonders viele Schüler mit Migrationshintergrund Lernprobleme haben, ist großenteils dem mangelnden Bildungswillen etlicher Betroffener geschuldet. Allerdings hätte auch unser Staat, statt jahrzehntelang über den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft zu streiten, eben vor Jahrzehnten eine aktive Integrationspolitik durchsetzen müssen.
Der Begriff von der "Leistungsgesellschaft" wird schon seit vielen Jahren in der öffentlichen Diskussion gemieden. Dabei ist doch klar, dass der Leistungsbegriff weder in der Gesellschaft noch im Bildungswesen außer Kraft gesetzt werden kann. Als junger Referendar hörte ich im Lande des Exportweltmeisters Politiker landauf, landab tönen: Bildung ist in unserem Land, das arm an natürlichen Ressourcen ist, die wichtigste Ressource. Ja, ihr lieben Politiker, nun macht mal Ernst damit. Setzt endlich in der Ausgabenpolitik ganz andere Prioritäten, investiert viel mehr in die Bildung! Die Schulträger allein sind hier allerdings überfordert.
Weitere Schwerpunkte betitelte Slogsnat in seiner Rede mit "Betriebswirtschaft und Bildung, Metastrukturen". Wir werden in einer unserer nächsten gbw-Ausgaben darüber berichten.
Dr. Helmut Slogsnat