ERSTAUNLICHES ZUM JAHRESWECHSEL:

Die Privatschule Schloss Salem möchte das "Salemjahr" zur Entschleunigung des G8 einführen

Was man Schülerinnen und Schülern unserer staatlichen Gymnasien verwehrt, das soll an der Privatschule Schloss Salem zum kommenden Schuljahr eingeführt werden: ein optionales zusätzliches, d.h. neuntes Schuljahr (G9).

Laut einer dem Philologenverband vorliegenden Pressemitteilung der genannten Privatschule geschehe dies "in Absprache mit dem Kultusministerium Baden-Württemberg". Da manche Schülerinnen und Schüler mit der Straffung des Schulstoffes im G8 Schwierigkeiten hätten, würde man ihnen ein weiteres Lernjahr vor Eintritt in die Kursstufe anbieten, um in diesem zusätzlichen Jahr nach Klasse 10 den Stoff der Mittelstufe noch einmal gründlich aufzubereiten. Der langjährige Internatsleiter der Salemer Mittelstufe, Michael Meister, wörtlich: "Das G8 garantiert ohne Zweifel eine zügige und hochwertige Ausbildung, doch bleibt bei einigen Schülern die Lebenslust auf der Strecke, wenn es für sie nur noch um Noten geht."

In Salem hat man offenbar erkannt, dass das G8 nicht für alle Gymnasiasten ideal ist, sondern dass es auch Schülerinnen und Schüler gibt, die einfach etwas mehr Zeit benötigen und für die deshalb sinnvollerweise ein weiteres Schuljahr angeboten werden sollte (G9).

Auf Nachfrage des Philologenverbandes distanzierte sich das Kultusministerium jedoch vom Salemer Vorhaben. Es hieß, eine Genehmigung sei nicht erteilt worden. Bekanntermaßen hat das Kultusministerium die immer wieder bekräftigte Forderung des Philologenverbandes nach einer Parallelführung von G8 und G9 bislang stets zurückgewiesen und zum Beispiel den sich vor Ort auf breite Akzeptanz stützenden Antrag des Mosbacher Auguste-Pattberg-Gymnasiums auf Zulassung eines Schulversuches G8 plus (neunjähriger Zug) rigoros abgelehnt.

Vor diesem Hintergrund wäre es für den PhV nicht vorstellbar, dass ein G9-Modell an einer Schule wie Schloss Salem gewährt wird, wo die Schülerschaft nicht zuletzt aufgrund der Finanzkraft ihrer Eltern ohnehin bereits privilegiert ist (optimale Lernbedingungen mit Ganztagsbetreuung, kleinen Lerngruppen, individueller Förderung usw.), während es Schülerinnen und Schülern an den staatlichen Gymnasien verwehrt bleibt.

Gewiss erlaubt das Privatschulgesetz den Privatschulen bezüglich der Ausgestaltung des Unterrichts gewisse Freiheiten, doch sei darauf verwiesen, dass bis zu 80 Prozent der Kosten durch den Steuerzahler getragen werden (für die Schulen in freier Trägerschaft in Baden-Württemberg im Jahre 2009 sind das 595 Millionen Euro) und dass zum Beispiel in Salem das baden-württembergische Abitur abgelegt werden kann. Zur Vorbereitung dieser Hochschulzugangsberechtigung würde man also jenen ohnehin schon privilegierten Schülerinnen und Schülern ein zusätzliches Lernjahr ermöglichen, während man ein solches den Schülerinnen und Schülern an staatlichen Gymnasien verweigert. Betuchte Eltern können also ihren Kindern ein zusätzliches Lernjahr "erkaufen", aber eben nur betuchte!

Vielleicht sollte das Kultusministerium das Salemer Anliegen zum Anlass nehmen, zu prüfen, ob nicht die generelle Parallelführung von G8 und G9 der sachgerechte Weg wäre, und ob nicht die Option eines zusätzlichen Lernjahres allen Gymnasiasten eröffnet werden sollte? Dies würde eine anhaltende öffentliche Diskussion beenden, die dem Gymnasium insgesamt schadet.

Bernd Saur
Landesvorsitzender

www.phv-bw.de