Schulvertreterversammlung (Bezirk Nordwürttemberg) fand im letzten Jahr zum 20. Mal in Schwäbisch Gmünd statt
Nordwürttembergs Schulvertreter ganz klar für Beibehaltung des gegliederten Schulwesens
Am 12. und 13. November 2009 trafen sich über 100 Schulvertreterinnen und Schulvertreter des Bezirks Nordwürttemberg zum 20. Mal im Schwäbisch Gmünder Kongresszentrum "Stadtgarten" zu ihrer traditionellen Herbsttagung. Neben der Wahl von Ralf Scholl zum neuen Bezirksvorsitzenden Nordwürttembergs und der Verabschiedung von Knut Krüger wurden berufs- und bildungspolitische Themen behandelt. Heinz Eberspächer, Leiter der Abteilung 7 "Gymnasien" am Regierungspräsidium Stuttgart, nahm Stellung zum "gegliederten Schulwesen, und der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur berichtete über die "Großwetterlage" an den Gymnasien im "Kinderland Plus". Außerdem wurden die Wahllisten für die Personalratswahlen im Mai erstellt.
Knut Krüger eröffnete und begrüßte als noch amtierender Bezirksvorsitzender am ersten Tagungstag etwa hundert an der PhV-Herbsttagung teilnehmende Schulvertreterinnen und Schulvertreter und als Gast Hardy Schober, den 3. Vorsitzenden des "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden", das nach dem Amoklauf in Winnenden gegründet wurde. Begrüßt wurden von Knut Krüger ferner der Gmünder Baubürgermeister Julius Mihm, der Ansprechpartner für die Pensionäre im Verband, Karl-Heinz Wurster, und vom Stuttgarter Regierungspräsidium Abteilungsleiter Heinz Eberspächer.
Erfreuliches Presse-Echo
Die in Schwäbisch Gmünd erscheinenden Tageszeitungen, Rems-Zeitung und Gmünder Tagespost, berichteten über die Tagung ausführlich. So zielte die Gmünder Tagespost mit dem Titel "Lehrer kritisieren Sparkurs" genau auf die Sparpolitik von Willi Stächele, der sich wenig um das Wohl der Lehrer kümmere. In der Rems-Zeitung (ebenfalls Ausgabe vom 13.11.2009) war zu lesen, dass " ein besseres Abitur Flugzeugabstürze verhindert". Hier wurde nachdrücklich auf die Qualitätssicherung an den Gymnasien verwiesen, die schlussendlich auch für die wirtschaftliche Lage in unserem Land verantwortlich sei.
Knut Krüger kritisierte das Image
des Lehrers in unserer Gesellschaft
In seiner Eröffnungsrede, die zugleich seine Abschiedsrede war, thematisierte Bezirksvorsitzender Knut Krüger das Thema "Stellung des Lehrers in unserer Gesellschaft" - ein Thema, das die momentane Sparpolitik in der Bildung erklärt: "Das Wohl der Lehrer wird übergangen, wenn es scheinbar egal ist, ob 31 oder 32 Schüler in einer Klasse sitzen." Vor allem in der Oberstufe mache es wohl einen Unterschied, wie viele Klausuren zu korrigieren seien. Auch die "Zerbröselung" des gegliederten Schulsystems aus ideologischen Gründen wurde von ihm kritisiert. Er forderte alle PHV-Mitglieder auf, sich öffentlich zu Wort zu melden und die diesbezüglich klare Position des Philologenverbands für den Erhalt des gegliederten Schulsystems in die Öffentlichkeit zu tragen: "Ein gegliedertes Schulwesen mit kleinen Klassen und gut ausgebildeten und nicht überlasteten Lehrern bietet die beste Voraussetzung für eine begabungsgerechte Förderung aller Schüler."
Bezirkschef Krüger wies außerdem darauf hin, dass aufgrund eines Gerichtsurteils die Chancen gestiegen seien, dass das häusliche Arbeitszimmer wieder absetzbar sein werde (eine endgültige Entscheidung des obersten Gerichts steht noch aus). Dies sei auch mit das Ergebnis einer Aktion, mit der sich der PHV engagiert für die steuerliche Absetzbarkeit des häuslichen Arbeitszimmers für Lehrer eingesetzt hatte.
Der Gmünder Baubürgermeister Julius Mihm wies in seinem Grußwort von der Stadt Schwäbisch Gmünd darauf hin, dass für Stadtentwickler die Übergangsquote aufs Gymnasium ein Hauptindikator für die Sozialstruktur eines Stadtquartiers ist.
Die Kommunen reagieren darauf mittlerweile mit integrierten Stadtentwicklungs- und Schulentwicklungskonzepten.
Der Ansprechpartner des Verbandes für Pensionäre, Karl-Heinz Wurster, den viele noch von seinen früheren Amtstätigkeiten kennen, leitet seit August 2008 das neue Referat der Pensionäre im PHV. Er freut sich darüber, dass der Verband lebt, "wir haben pro Jahr ca. 100 neue Mitglieder." Als Stellvertreter dieser Mitgliedergruppe kämpft er vor allem gegen die Verschlechterung der Pensionen und Beihilfen. Außerdem ist er dabei, ein Netzwerk aufzubauen. Für ihn sind Pensionäre "keine überflüssigen Mitglieder, sondern eine Stärkung des Verbandes". Mittlerweile bilden die Pensionäre etwa ein Viertel der Mitglieder des Verbandes.
Heinz Eberspächer bekennt sich zum gegliederten Schulsystem
Vor seinem Referat zum "allgemein bildenden Gymnasium im gegliederte Schulwesen" würdigte der Abteilungsleiter Heinz Eberspächer vom Regierungspräsidium Stuttgart "die Stimme des Philologenverbands", die sowohl im Kultusministerium als auch im Regierungspräsidium wahrgenommen werde. Dankbar äußerte er sich auch über die PhV-Unterstützung der Initiativen zum Weltlehrertag.
In seiner Funktion, so Eberspächer, habe er alle Schulen im Blick und sorge sich um die "Zerbröselung des gegliederten Schulsystems". Denn: Kritische Stimmen, die das Gymnasium als Integrationshindernis sehen, die Werkrealschule als Weiterentwicklung der Hauptschule verkennen, die besonderen Herausforderungen und Leistungen der Sonderschulen nicht anerkennen oder gar das berufliche Schulwesen in seiner Bedeutung unterschätzen, untergraben die bewährte Gliederung unseres Schulsystems.
"Kinder und Jugendliche waren und sind heterogen und sollen entsprechend gefördert werden", stellte Eberspächer heraus und hob die Durchlässigkeit des Systems hervor, bei dem nun auch 1/3 der Realschüler über das Berufliche Gymnasium das Abitur schaffen. "Schule macht Unterschiede! und Schule bringt Unterschiede an den Tag und erfordert den Umgang mit Unterschieden." Die niedrige Jugendarbeitslosigkeit sei, wie Ebersbächer weiter ausführte, ein starkes Argument für das gegliederte Schulwesen. "Aber kein Mensch will dies hören".
Das Gymnasium hat sich laut Eberspächer als wandlungsfähig erwiesen und wurde zu einer Schule für alle Schichten. Mittlerweile würden ca. 50 Prozent eines Jahrgangs in den Städten und ca. 40 Prozent auf dem Land das Gymnasium besuchen. Den kompetenzorientierten Unterricht sieht Eberspächer als Lösung für das G8, in dem es scheinbar an Zeit zum Üben und Vertiefen fehlt.
Eberspächer: "G8 ist nicht das Problem, G8 ist die Lösung des Problems."
Den Doppeljahrgang G8/G9 sieht Eberspächer nicht als Routineangelegenheit an, jedoch stünden Ressourcen zur Verfügung, um den Doppeljahrgang zu bewältigen. Um die knappe Unterrichtsversorgung insgesamt aber abzumildern, würden auch Realschullehrer am Gymnasium und Bewerber aus anderen Bundesländern beschäftigt,Teildeputate erhöht und auch Pensionäre herangezogen. Der Arbeitsmarkt sei leider leergefegt von Bewerbern. Ab 2011/12 würde sich jedoch die Lage - außer in den Naturwissenschaften - verbessern.
Dank und Anerkennung für Knut Krüger
Dem aus seinem Amt scheidenden Bezirksvorsitzenden Knut Krüger dankte am zweiten Tagungstag der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur für seinen Einsatz als Vorsitzender des Bezirks Nordwürttemberg. Saur erinnerte in seiner Laudatio daran, dass Knut Krüger bis 31. Juli 2009 als engagierter Mathematik- und Physiklehrer am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Stuttgart-Sillenbuch seinen Dienst versah. Viele Jahre war er im Örtlichen Personalrat tätig, zeitweilig auch als ÖPR-Vorsitzender.
Den Philologenverband vertrat er auch als PhV-Schulvertreter. Darüber hinaus war Knut Krüger viele Jahre Regionalvertreter der Region Stuttgart-Südost und 2. Vorsitzender des Bezirks Nord-Württemberg.
Im Jahr 2004 übernahm er von seinem Amtsvorgänger Karl-Heinz Wurster den Vorsitz des mit 2500 Mitgliedern größten PhV-Bezirksverbands in Baden-Württemberg.
In Krügers Amtszeit fielen u.a. spektakuläre Aktionen, wie zum Beispiel die "Bildungsmeile" in der Stuttgarter Königsstraße und die Aktion "Arbeitszimmer". Beide Aktivitäten erweckten große Aufmerksamkeit - auch in den Medien. Immer wieder äußerte sich Knut Krüger auch in Leserbriefen zu den jeweils aktuellen bildungs- und berufspolitischen Themen in den Stuttgarter Zeitungen.
Neben seiner Unterrichts- und Verbandstätigkeit engagierte sich Knut Krüger in vielen Ehrenämtern, darunter zum Beispiel als Mitglied (zeitweise Vorstandsmitglied) des Bürgervereins Stuttgart-Riedenberg/Sillenbuch, zwanzig Jahre im Schöffenamt, viele Jahre als Vertreter der FDP im Bezirksbeirat Stuttgart-Sillenbuch, zeitweilig als Vorsitzender der Stuttgarter Liberalen, zehn Jahre als Vorsitzender des Sportvereins Stuttgart-Sillenbuch und als Mitglied im Sportkreis Stuttgart. Darüber hinaus zeigte er umweltpolitisches Engagement, war er Mitbegründer der mobilen Jugendarbeit und Mitglied im "Verschönerungsverein Stuttgart"
Der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur dankte Knut Krüger sehr herzlich "für sein großes Engagement für unseren Verband" und wünschte ihm für seinen Ruhestand unter starkem Beifall der Delegierten alles erdenkliche Gute.
Der neue Bezirksvorsitzende Ralf Scholl stellt sich vor
Der am zweiten Versammlungstag neu gewählte Bezirksvorsitzende, Ralf Scholl (Jahrgang 1960), stellte sich anschließend vor. Als Studienrat mit den Fächern Mathematik, Physik und NwT am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Sillenbuch eingesetzt, unterrichtet er hauptsächlich in der Oberstufe. Bei der Schilderung seines bewegten Lebenslaufs (u.a. Flucht in den Westen mit 12 Jahren) stellte er heraus, dass er Erfahrung in fünf verschiedenen deutschen Schulsystemen (DDR, B-W, NRW, Berlin und DS Prag) gesammelt habe, von denen er die jeweiligen Vorzüge gerne umsetzen möchte. Sein Ziel, insbesondere für das Gymnasium, lasse sich in fünf Worten zusammenfassen: "Viel wissen und klar denken". Dieses Ziel sehe er aber zunehmend von Bildungspolitikern untergraben, die immer mehr Abiturienten in kürzerer Zeit zur Hochschulreife bringen wollten, ohne dass eine ausreichende Studierfähigkeit garantiert sei.
Bildungspolitisch möchte er sich vor allem für die Wiedereinführung eines parallelen G8/G9-Systems mit G8-Schnellläufer-Klassen einsetzen. Wer weniger begabt sei, brauche mehr Zeit. Da immer mehr Schüler ins Gymnasium drängen, was auch politisch gewollt sei, müsse man weniger begabten Schülern mehr Zeit lassen. Die Einführung eines ausschließlich achtjährigen Gymnasiums sei deshalb falsch, "es sei denn, man ist bereit, das Abiturniveau deutlich abzusenken."
Insgesamt setzt sich Ralf Scholl für das gegliederte Schulsystem ein, damit "alle Schüler möglichst gut und ihren Begabungen entsprechend gefördert werden". Scholl abschließend: "Und ich glaube auch, dass wir vom PHV aus noch viel deutlicher darauf hinweisen müssen, dass überforderte Schüler extrem unglückliche Schüler sind."
Am zweiten Tag gab Gerhard Isringhausen einen Bericht zu den Wahllisten von BPR und HPR für den Personalratswahlkampf in diesem Jahr, Werner Baier erläuterte den Kassenbericht und informierte über die BPR-Arbeit. Ursula Kampf berichtete über die Arbeitnehmervertretung.
Landesvorsitzender Bernd Saur zieht Bilanz
Der Vorsitzende des Philologenverbandes Baden-Württemberg, Bernd Saur, beschreibt zunächst die günstige Großwetterlage für das Gymnasium: der "Qualitätsoffensive Bildung" hat man die Hausaufgabenbetreuung, die Erhöhung der Schulleitungszeit und den Einstieg in die Absenkung des Klassenteilers zu verdanken. Allein die Absenkung des Klassenteilers koste in den Jahren 2010/11/12 jeweils 310, 550 und 350 Stellen, die das Kultusministerium zugesagt habe. Saurs Forderung, dass die Schulträger vermehrt nichtunterichtendes Personal, wie Sozialarbeiter, einstellen sollen, vor allem auch für die Krankheitsfürsorge der Schüler, für die Netzwerkbetreuung oder für die Suchtprävention, wird von den Delegierten mit heftigem Applaus gewürdigt.
Die Lehrereinstellung 2009 beschreibt Saur als schwierig, ebenso würde es allerdings 2010 aussehen. Mit Werbeaktionen in anderen Bundesländern versuche das Land Personal anzuwerben, um das "Kinderland Plus" umsetzen zu können. Saur kritisierte den hierzulande immer wiederkehrenden Schweinezyklus bei der Lehrereinstellung und verlangte, dass nicht nur hundert Prozent Lehrkräfte am Schuljahresanfang zur Verfügung stehen müssten, sondern 110 Prozent! Außerdem sollten die Referendare jeweils zum 01. August eingestellt werden. Mit der Kürzung des Referendariats sieht Saur die Qualitätssicherung der Lehrerausbildung für das Gymnasium gefährdet. Vehement spricht er sich gegen eine Vereinheitlichung der Lehrerausbildung aus, wie dies die GEW fordert.
Wie der Landesvorsitzende weiter ausführte, verlangt der PhV spätestens ab 2012 die Rückgabe der Bugwelle und die Rücknahme der 25. Stunde. Dann nämlich würden ca. 2000 bis 2500 Referendare ihre Ausbildung abgeschlossen haben, jedoch nur ca. 500 Stellen frei sein.
Für das Abitur 2012 verlangt Saur 2-3-2 Korrekturtage pro Kurs. Bernd Saur spricht sich ebenfalls für eine Parallelität von G8 und G9 aus und fragt, ob "man mit kompetenzorientiertem Unterricht das Niveau halten kann?" Zum Abschluss brachte Saur seine Sorge um die jüngsten Wahlergebnisse mit dem Hinweis zum Ausdruck: "Überall dort, wo die CDU mit einer linken Partei zusammenarbeitet, opfert sie die Bildungspolitik und verlängert die Grundschulzeit." Für eine solche Politik gebe es keinerlei wissenschaftliche Begründung.
Andrea Wessel