Märchen und Mythen über andere Schulsysteme
Als Fremdsprachenlehrer schüttelt man immer wieder den Kopf, wenn man die Märchen und Mythen liest, die über die Wohltaten der Schulsysteme anderer Länder verbreitet werden. Nehmen wir z. B. Frankreich mit seinem langen gemeinsamen Lernen und seinem Gesamtschulsystem. Nach einem verpflichtenden Vorschuljahr und fünf Jahren gemeinsamer Grundschule schließen sich mehrere Jahre "Collège" an. Nur drei Jahre vor dem Abitur sind die Abiturienten unter sich. Die akademisch schwachen Schüler gehen auf das "lycée professionel", das dem Namen nach ein "Gymnasium" ist. 150 000 Schüler bleiben jedes Jahr ohne Abschluss, 5 Prozent sind Dauer-Schulschwänzer. Dies gilt vor allem für die Schülerschaft der beruflichen Gymnasien.
Die Absolventen der beruflichen "Gymnasien" haben auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance, weil auch die Arbeitgeber wissen, welcher Schülertyp unter den über 60 Varianten des französischen Gesamtschulabiturs auf ein "berufliches Gymnasium" geht... In einer Publikation des deutsch-französischen Jugendwerkes ist zu lesen, dass Migranten in Deutschland durch das berufliche Schulwesen weniger benachteiligt sind als in Frankreich, das über ein solches berufliches Schulwesen nicht verfügt.
Auch in Finnland, mit seinen kleinen Klassen und seinem teuren individuellen Fördersystem, verlassen 4 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss. Rainer Dohmisch, vom Finnischen Zentralamt für das Unterrichtswesen, wünscht sich für Finnland ein berufliches Schulwesen wie in Deutschland...
Selbst ernannte "Hauptschulrebellen", die bei Schließungen von Hauptschulen befürchten müssen, an eine andere Schule abgeordnet zu werden, werden da schon einmal zum "Beamtenrebellen" und versprechen Wohltaten zuhauf. Das "längere gemeinsame Lernen" wird nicht einmal als die Lösung aller schulischen Probleme versprochen, nein, darüber hinaus wird noch eine "ganz neue" Unterrichtskultur in den Raum gestellt. Jeder logisch denkende Mensch wird bei so viel Zukunftsmusik und Heilsversprechungen misstrauisch... Und dann gibt es inzwischen in Hamburg ja auch an die 200.000 "Bildungsrebellen", die genau gegen das Modell der baden-württembergischen "Hauptschulrebellen" ein Volksbegehren auf den Weg gebracht haben.
Auffallend sind die nie angeführten materiellen Vorteile für die Lehrerschaft mit der kürzesten Ausbildung beim "längeren gemeinsamen Lernen": Sie würde nämlich ganz von alleine in eine bessere Besoldungsgruppe vorgerückt!
Silvana Stärr, Kirchberg