Aus der Abschiedsrede von Schulleiter a.D. Dr. Helmut Slogsnat:

"Komplexe Lernprozesse entziehen sich dem Messsystem der Pisatests"

In der Dezember-Ausgabe unserer Verbandszeitschrift veröffentlichten wir den ersten Teil der Abschiedsrede von Oberstudiendirektor i.R. Dr. Helmut Slogsnat, der sieben Jahre das Mannheimer Liselotte-Gymnasium geleitet hatte und am 24. Juli 2009 mit Ende des Schuljahres 2008/09 in den Ruhestand verabschiedet wurde. Dr. Slogsnat ging u.a. auf das Leben in einer Schulgemeinschaft ebenso ein wie auf die Einführung des G8 und die aktuelle Strukturdebatte. Er stellte fest: "Das dreigliedrige Schulsystem, zusammen mit unserem vielfältig gegliederten dualen Bildungssystem, ist unzweideutig die Basis einer vergleichsweise erfolgreichen deutschen Gesamtgesellschaft." Seine Aussagen stehen stellvertretend für viele Schulleiterinnen und Schulleiter an den Gymnasien des Landes, die eine vergleichbare Sicht zu den Veränderungen an unseren Gymnasien haben. Weitere Schwerpunkte im zweiten Teil seiner Rede, den wir nachfolgend veröffentlichen, betitelte Slogsnat mit "Betriebswirtschaft und Bildung, Metastrukturen". Hier der Wortlaut:

"Auch eine innere Aushöhlung unseres gymnasialen Bildungskonzepts droht durch eine allgemeine Verbetriebswirtschaftlichung aller Gesellschaftsbereiche, schon längst auch des Bildungsbetriebs. Ich will vom Bologna-Prozess an den Unis ganz schweigen. Die betriebswirtschaftliche Zielsetzung beginnt schon bei den Pisastudien, die ja immerhin initiiert wurden von der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Den Pisa-Bemühungen ist der Bildungsgedanke ziemlich fremd. Komplexe Lernprozesse entziehen sich dem Messsystem der Pisatests. Unsere Gymnasien vermitteln übrigens ihrem Selbstverständnis nach - man lese die Bildungspläne - Bildung, nicht Ausbildung, auch nicht praktische Lebenshilfe. Ausbildungsorientierung gibt es in unserem dualen Bildungssystem zur Genüge; für dieses System lobt uns der Rest der Welt. Neue Fächer, nach denen schon wieder gerufen wird, brauchen wir nicht. Wer zum Thema "Glück" alles erfahren möchte, dem stehen zum Beispiel die Fächer Latein, Deutsch, Ethik, Religion, Philosophie zur Verfügung. Man sollte meinen, das reicht, man könnte die verschiedenen Fächer noch besser vernetzen, aber hier sehe ich auch schon wieder erhöhten Personalbedarf. Auf "wellbeing" als Unterrichtsfach und sonstigen aktuellen Firlefanz will ich nicht eingehen. Der klassische Fächerkanon am Gymnasium, abgeleitet aus den 'artes liberales' im Mittelalter, vermittelt ein gründliches Verstehen auch einer modernen Welt. Bildung also soll das Gymnasium vermitteln.

Als anlässlich des 50-jährigen Geburtstages des Landes Baden-Württemberg im Jahre 2002 auf einem Bildungskongress des Kultusministeriums in Ulm die Teilnehmerin einer Gesprächsrunde, eine Realschulrektorin, meinte, Wissen sei in unserer Gesellschaft nicht mehr nötig, das könne man sich aus dem Internet holen, protestierte der Teilnehmer Sir Ralph Dahrendorf, man könne gar nicht genug wissen. In der Tat, wer nichts weiß, kann nichts vernetzen. Null plus Null ergibt kein Verstehen. Der Reformpädagoge Kerschensteiner soll einmal gesagt haben: "Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man vergessen hat, was man in der Schule gelernt hat". Die typische Abiturientenklage: "Wieso habe ich diesen ganzen unnützen Blödsinn lernen müssen?", ist von solcher Einsicht weit entfernt. Eine andere Formulierung, die zurückgeht auf die Arbeiten verschiedener Kulturwissenschaftler [Maurice Halbwachs, Jan und Aleida Assmann] zum Begriff des "kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses", gefällt mir noch besser: "Bildung ist gedächtnisgestützte Urteilskraft."

Die innere Aushöhlung unseres Bildungsbetriebes geht einher mit einer metastrukturellen Überwölbung in Form diverser Tätigkeiten, die wenig bis nichts zu tun haben mit dem eigentlichen Bildungsgeschehen, das zwischen Lehrern und Schülern passiert. Am pädagogischen Kerngeschäft werden wir gehindert durch Steuerungsgruppen für dies und das, durch sich verselbständigende "Prozesse" wie Selbst- und Fremdevaluation, durch das Pflegen von Stoffverteilungsplänen, von Schulportfolios, Lehrerfortbildungsportfolios, Schülerportfolios, Kreation von Leitbildern. Zu Letzterem eine Frage: Kennt niemand die Verfassung, die Bildungspläne mitsamt ihren Einleitungen? Der gesunde Menschenverstand scheint zu den gefährdeten Arten zu gehören. Auch die Verwaltungsarbeit bläht sich auf und wird zum Zeitfresser. Allerdings teilen wir dieses Schicksal mit dem Rest der Arbeitswelt.

Ich hoffe, dass in unserem Bundesland ein im Kern gesundes Bildungssystem auch in Zukunft nicht auf dem Altar des Zeitgeistes geopfert wird. Ich habe als Schulleiter am Lilo immer im Sinne der Humboldtschen Bildungsidee arbeiten können, die übrigens im Ausland, besonders an den Eliteuniversitäten der USA, hoch geschätzt und gelebt wird. Umso sicherer war ich mir meiner bildungspolitischen Verwurzelung, je mehr die modernen Heilsbringer von soziologischen Instituten und Pädagogischen Hochschulen meinten, ihre Ideologiekritik mit aller dogmatischen Schärfe und undifferenzierten Blindheit medienwirksam inszenieren zu müssen. Soziale Kompetenzen sind gut und wichtig. Geistige Fähigkeiten allerdings nicht minder."

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