Lesermeinung

Doppelabitur G8 / G9 am ASG Leonberg

von Dieter Henle

Die beiden allgemeinbildenden Leonberger Gymnasien beschlossen im Jahr 2000, -auf Anregung der damaligen Kultusministerin Schavan -, schon 2001, also drei Jahre früher als der Rest des Landes, in G8 als einzige Gymnasialform einzusteigen. Die Leonberger Schüler kamen im Wesentlichen aus den vier Leonberger Teilorten Leonberg, Warmbronn, Höfingen und Gebersheim und hatten somit keine Ausweichmöglichkeit am Ort. Früher hatten die Leonberger Gymnasien viele Schüler aus dem Umland, aber nach dem Bau des Rutesheimer Gymnasiums kamen deutlich weniger und nach der Einführung des G8 blieben sie zunächst völlig aus.

Als großes Problem erwies sich die Lehrerversorgung, was einigen Unmut erzeugte; hatte doch Frau Schavan die Lehrer speziell mit dem Versprechen einer bevorzugten Lehrerversorgung geködert. Glücklicherweise hatten wir vier Pensionäre, die in den kritischen Jahren zusammen etwa einen Lehrauftrag in den Mangelfächern abdeckten. Ansonsten häufte das Kollegium eine erhebliche Bugwelle an Überstunden an. Ein anderes Problem waren die Lehrbücher. Es war weder vertretbar noch finanziell zu stemmen, einen doppelten Satz aller Bücher zu kaufen, die von G8 und G9 gleichzeitig gebraucht wurden, zumal in dieser Zeit viele Lehrbücher an G8 und an die neuen Bildungspläne angepasst wurden und somit ohnedies bald darauf ersetzt werden sollten. Wir haben uns unter anderem geholfen, indem wir von Klasse zu Klasse mit verschiedenen Büchern arbeiteten und von umliegenden Schulen gebrauchte Bücher übernahmen.

Im Jahre 2009 machten der letzte G9-Jahrgang und der erste G8-Jahrgang gemeinsam Abitur. Insgesamt versuchten sich am ASG 126 Schüler am Abitur, 125 schafften es. Die Notenverteilung zeigt in etwa die theoretisch zu erwartende Gaußsche Glockenform. Die Zahlen sind groß genug, um statistisch signifikant die unten angeführten Trends herauszulesen. Im zweiten Leonberger Gymnasium lagen die Schülerschnitte und Schülerzahlen ganz ähnlich, aber mir fehlt die exakte Verteilung auf G8 und G9, sodass ich mir nur im Gespräch mit Kollegen und Abiturienten bestätigen lassen konnte, dass die Analyse auch auf das zweite Gymnasium zutrifft.

Grafik

Die Notenverteilung der G8-Schüler ist im Vergleich zu G9 um ca. 0,5 Noten zu schwächeren Noten hin verschoben. Laut PISA entspricht der Lernfortschritt eines Schuljahres 0,6 Noten, allerdings beschäftigt sich die PISA-Studie mit Mittelstufenschülern. Das heißt, es ist trotz der höheren Wochenstundenzahl kaum geglückt, die Verkürzung um ein Schuljahr wettzumachen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: "Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht."
Gleichzeitig hat die Erfolgsquote (=Erfolgreiche Abiprüfungen pro Anfänger in Klasse 5) deutlich abgenommen von 91 Prozent auf 73 Prozent. Hierbei müssten allerdings zwei Sondereffekte abgezogen werden: Da die Schüler im letzten G9-Jahrgang keine sinnvolle Wiederholmöglichkeit in Leonberg hatten, wurden schwache Schüler in Unterstufe und Mittelstufe durchgehoben. Dies zeigt sich bei der G9-Verteilung in dem Peak bei den schlechten Noten. Es waren fast ausschließlich G9-Schüler, die das Abitur nur mit knapper Not schafften. Umgekehrt haben schwache G8-Schüler die Möglichkeit genutzt, auf G9-Gymnasien im Umland auszuweichen.

Der Unterschied zwischen G8 und G9 ist kaum sichtbar, wenn man nur die Durchschnitte aller Schüler aus G8 bzw. G9 der Schule betrachtet, weil die oben diskutierten schwachen G9-Schüler den ansonsten besseren Schnitt nach unten ziehen und weil die schwächsten G8-Schüler abgewandert sind und dies den G8-Schnitt anhebt. Bei beiden Gymnasien hat dies dazu geführt, dass die durchschnittlichen Abitursergebnisse bei G8 und G9 fast gleich waren. Der Rückstand von G8 wird aber deutlich sichtbar, wenn man die abgebildete Notenverteilung betrachtet.

Noten sollten theoretisch normalverteilt sein. Mir ist jedoch bereits früher aufgefallen, dass sich im Lauf der Jahre eine Tendenz zur Mehrgipfligkeit zeigt, wie sie auch in den Diagrammen der Abitursergebnisse durch die Schulter im Notenbereich 2,5 (G9) bzw. 3 (G8) zu sehen ist. Böse gesagt, sammeln die einen Schüler das Wissen, die anderen die Lücken. Es ist also eine Mär, dass heterogene Schülergruppen sich durch gemeinsames Lernen angleichen, das Gegenteil ist der Fall.

Fazit: Trotz aller Schwierigkeiten war G8 für Lehrer und die meisten Schüler zu bewältigen und hat nicht die von vielen befürchtete Katastrophe ergeben, aber auch nicht die vielfach dargestellte Erfolgsgeschichte. Den Schülern fehlt schlicht 1 Jahr und dieser Rückstand konnte nicht ausgeglichen werden.

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