Symposium in UIm: Sicherheit an Schulen

Lehrer brauchen mehr Zeit für Schüler

Der Philologenverband Baden-Württemberg und der Bayerische Philologenverband luden am 27. Februar 2010 gemeinsam zu einem Symposium mit Fachleuten, Lehrkräften und Eltern ins "Haus der Begegnung" in Ulm ein. Moderiert wurde die Veranstaltung zum Thema "Sicherheit an Schulen" vom PhV-Landesvorsitzenden Bernd Saur. Die stellvertretende Vorsitzende und Ulmer Schulleiterin Brigitte Röder begrüßte die Teilnehmer und führte in die Thematik ein.

Aspekte aus der polizeilichen Praxis

Polizeihauptkommissar Thomas Probst von der Polizeidirektion Ulm informierte ausführlich zum Thema "Jugendgewalt und Gewaltprävention an Schulen - auch am Beispiel Ulm" und zeigte auf, wie in Kooperation mit Schulen durch Vorträge, Projekte, Arbeitskreise und Aktionen versucht wird, Gewalt zu verhindern. Schulen können sich bei der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle auch darüber informieren lassen, wie die Schule besser vor Einbruch geschützt werden kann. Allein in Ulm arbeiten zehn Beamte im Bereich Verkehrs- und Kriminalprävention. Sie bearbeiten die Themen Gewalt, Drogen, Sucht, Neue Medien und Extremismus unter Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden bis zum Alter von 21 Jahren. Ein Großteil der Jugendgewalt erfolgt "episodenhaft", d. h. Täter fallen ein- bis dreimal auf, um dann nicht mehr aufzufallen. Gewalt wird zu 50 Prozent in Gruppen ausgeübt, Alkohol spielt als Katalysator häufig eine Rolle. Daher begrüßte Thomas Probst die ab 1. März 2010 in Baden-Württemberg geltende Regelung, dass an Tankstellen nach 22.00 Uhr kein Alkohol mehr verkauft werden darf.

Insgesamt geht laut Thomas Probst die Zahl der Gewaltdelikte zurück, die Bedrohungslagen bzw. Androhung von Straftaten nehmen jedoch zu.
Seit dem Amoklauf von Winnenden gab es dreißig solcher Androhungen in Baden-Württemberg, viele davon in Online-Communities. In relativ kurzer Zeit müssen Fachleute die Ernsthaftigkeit solcher Androhungen einschätzen, damit Maßnahmen ergriffen werden können. In Ulm wurde ein Expertenkreis zum Thema "Verhalten im Krisenfall" gegründet. Seit 2001 gibt es eine interministerielle Arbeitsgruppe des Kultus- und Sozialministeriums zur Gewaltprävention. Zahlreiche Materialien zum Thema Prävention können über die Polizei bestellt werden, zum Beispiel "Roter Faden Prävention" oder die Reader "Aktiv gegen Gewalt", "Aktiv für soziales Lernen", "Gewalt in den Medien". Für die Klasse 6 und deren Eltern gibt es das Programm "Herausforderung Gewalt", in dem es zum einen um Aufklärung über polizeiliche Vorgehensweisen geht, in erster Linie aber um die Verringerung des Risikos, Opfer einer Gewalttat zu werden. An über tausend Schulen wird das Programm "Mobbingfreie Schule" durchgeführt. Thomas Probst empfahl auch die Medienpakete "Abseits" und "Luka" und verwies auf den Landespräventionspreis zum Thema "Mobbing", für den sich Schulen bis Ende April bewerben können, wenn sie Theaterstücke, Videosequenzen oder anderes zu diesem Thema erarbeitet haben.

Hilfe für Mobbingopfer durch die psychologischen Beratungsstellen

Frau Uta Garbe, Diplompsychologin der Schulpsychologischen Beratungsstelle Ulm, referierte ausführlich zum Thema "Vermeidung der Ausgrenzung von Schülern". Sie verwies eindringlich darauf, dass jeder Mensch Opfer von Mobbing werden kann, dass aber dieser Begriff inzwischen oft zu schnell verwendet werde und in den Schulklassen oft ein "sehr unschöner Umgangston" herrsche. Das Eingreifen der Lehrkräfte würde oft "subjektiv als schwach erlebt". Lehrkräfte, die gefährdeten Schülern ihre Gunst zeigen und sie hervorheben, geben ihnen dadurch Schutz vor Mobbing.

Sowohl starker Leistungsdruck und allzu autoritäre Führung als auch ein erzieherischer Laissez-faire-Stil und Unterforderung andererseits können Mobbingverhalten begünstigen. Besonders hoch ist die Gewalthäufigkeit erstaunlicherweise in der Grundschule (13,3 Prozent) und in der Gesamtschule (11,3 Prozent), gefolgt von der Hauptschule mit 12 %Prozent An der Realschule mit 8,9 Prozent und am Gymnasium (4,9 Prozent) sind die Verhältnisse besser.

Als präventive Maßnahme hob Uta Garbe u. a. die Einführung einer Klassenlehrerstunde hervor, eine vom Philologenverband häufig gestellte Forderung.
Mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen seien ebenfalls nötig, was der Philologenverband seit langem fordert. Außerdem erläuterte sie ausführlich verschiedene Konzepte gegen Mobbing, zu deren Durchführung in der Regel aber eine bestimmte Schulung oder Ausbildung nötig ist.

Die Ergebnisse der Forschung zur Gewalt an Schulen

Der Medienwissenschaftler Matthias Kleimann vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, dessen Leiter der bekannte Forscher Christian Pfeiffer ist, referierte zum Thema "Gewalt in der Schule - Ausmaß, Ursachen und Rolle der Medien". Er selbst schreibt zurzeit an seiner Dissertation zum Thema "Medien in der Schule" und plädiert für eine stärkere Thematisierung des richtigen Umgangs mit Medien an den Schulen, am besten in Form eines weiteren Faches. Die triviale Nutzung der Medien in der Schule sei der falsche Ansatz. Er kritisierte den exzessiven Medienkonsum von täglich mehreren Stunden bei Kindern, aber auch bei ihren erwachsenen Vorbildern. Er selber ist Vater von zwei kleinen Kindern und verzichtet auf einen Fernseher wie auch der Hirnforscher Manfred Spitzer. Er unterstrich die wirtschaftliche Bedeutung bestimmter Computerspiele, die bereits in ihrer Einführungsphase eine halbe Milliarde Gewinn erbringen. Die Argumente für das Spielen lauten häufig, dass es sich um Strategiespiele, um Teamplay handele. Das Problematische daran sei aber, dass das Ziel das Töten von Leuten sei. Dennoch dürfe man die Gewaltproblematik nicht auf die Medien reduzieren, so der Medienwissenschaftler.

Ihr statistischer Einfluss beträgt lediglich 5 Prozent, aber sie sind ein Verstärkungsfaktor. Die Ursachen für Gewaltausübung sind vielfältig und miteinander verwoben. Besonders stark fällt ins Gewicht, wenn jemand als Kind zum Opfer elterlicher Gewalt wird. Weitere Ursachen sind u. a. gewalttätige Männlichkeitsnormen und Alkohol. Schulische Gewalt wird v. a. von Jungen ausgeübt. An Gymnasien und Waldorfschulen gibt es weniger Gewalt, wobei sich in bestimmten Schulen bzw. Schulbezirken besonders gefährdete Kinder sammeln und deshalb Gewalt dort eine größere Rolle spielt. Am Gymnasium greifen Lehrer in Fällen von Gewalt laut Matthias Kleimann schneller ein. Regionale Unterschiede und Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten gibt es nicht. Die meisten Gewalttaten werden in den Familien verübt.

Als positiv vermerkte Matthias Kleimann, dass die Gewaltakzeptanz generell sinkt, obwohl die Medien auf der Suche nach Sensationen häufig den Eindruck erwecken, als wäre das Gegenteil der Fall. Auch in der Erziehung wird weitgehend auf Schläge verzichtet, und das Erleben von elterlicher Gewalt nimmt ab. Bei Gewaltausübung wird vermehrt die Polizei eingeschaltet, d. h. die Aufklärungsarbeit an Schulen hat funktioniert.

Schüler erleben laut Untersuchungen ihre Schulen als sicheren Raum. Dennoch gibt es Hänseleien. Der Begriff "Mobbing" wird laut Matthias Kleimann inzwischen "inflationär verwendet". 3,6 Prozent der Jungen und 0,7 Prozent der Mädchen geben an, sie seien in den letzten zwölf Monaten geschlagen worden. Bei den "Jugendlichen unter den Heranwachsenden" sei allerdings die Zahl der gefährlichen Körperdelikte gestiegen. Auch bei weiblichen Tätern gäbe es einen leichten Anstieg. Wenn an Schulen die Schüler und Schülerinnen wahrnehmen, dass Gewalttaten Konsequenzen haben und die Lehrkräfte eingreifen, gehen Mobbing und Gewalt laut Matthias Kleimann zurück. Als besonders schlimm hob er die Traumatisierung der Opfer von ins Internet gestellten Gewalttaten hervor, da die Opfer dieser Taten nicht nur Gewalt erleben, sondern wissen, dass diese zur Schau gestellt wird und dass sie oft noch mit hämischen Internet-Einträgen lange nach der Gewalttat konfrontiert sind. Ein Täter-Opfer-Ausgleich ist bei diesen Fällen nicht möglich.

Auch Matthias Kleimann forderte gute Schulsozialarbeit. Er räumte ein, dass Schulsozialarbeiter und Lehrkräfte, die bei den Schülern um jeden Preis ankommen wollen und z. B. Gewaltvideospiele mit den Schülern gemeinsam konsumieren, keine Lösung sein können. Sinnvoll wäre auch eine Entlastung der Klassenlehrer, damit diese sich besser um einzelne Schüler kümmern können. Verbindliche Wege und Kompetenzen, damit kein Schüler übersehen wird, seien nötig.

Politische Entscheidungen notwendig

Nach jedem Redebeitrag konnten Fragen gestellt werden. Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbandes, Max Schmidt, der auch das Schlusswort sprach, fragte nach, ob es bei der Berichterstattung über Amokläufe zu Verstärkungsprozessen kommen könne, was von Medienwissenschaftler Matthias Kleimann bestätigt wurde. Es wäre sinnvoll - ähnlich wie bei Geiselnahmen - mit den Medien Abkommen zu schließen, damit durch die Bilder, die immer wieder Szenen aus den beanstandeten Videospielen vorführen, dieser Verstärkungsfaktor vermieden wird.

Bernd Saur, der Vorsitzende des baden-württembergischen Philologenverbandes, wies erneut darauf hin, dass Klassenlehrer mehr Zeit für ihre Klassen und Klassenlehrerstunden bräuchten, dass es sich hierbei aber um politische Entscheidungen und die Zahl der Deputatsstunden handele.

Silvana Stärr, Kirchberg

Fortbildung: Anti-Gewalt-Training

Ziel der von der Landesakademie für Jugendbildung in Weil der Stadt veranstalteten Fortbildung (Oktober 2010 bis Juli 2011) ist die Ausbildung von Gewaltpräventionsfachkräften u.a. in Schulen. Neben theoretischen Anteilen ist die Fortbildung vor allem praxis- und selbsterfahrungsbezogen angelegt. Sie umfasst u.a. sechs dreitägige Kurseinheiten und endet mit dem Erhalt eines Zertifikats. Weitere Infos und Anmeldung: Landesakademie für Jugendbildung, Postfach 1240, 71256 Weil der Stadt, Tel. 07033/5269-0, mail: info@jugendbildung.org. Eine detaillierte Beschreibung kann bei der Landesakademie angefordert und unter www.jugendbildung.org abgerufen werden.

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