Lehrerfachverbände trafen sich zum 'Runden Tisch'

Informative Tagung mit interessanten Analysen aus allen Fachbereichen

Großer Konsens bei Fragen der Qualitätssicherung

Nach längerer Pause hatte der Philologenverband Baden-Württemberg die Tradition 'Runder Tisch der Lehrerfachverbände' wieder aufleben lassen. So trafen sich am Freitag, 12. März 2010, die Vorsitzenden bzw. Repräsentanten der Lehrerfachverbände zum zwölften Mal mit der PhV-Spitze in Stuttgart. Das Ziel der Tagung lag in einer Bestandsaufnahme und Analyse der Veränderungen an den Gymnasien der letzten zehn Jahre. In erster Linie diskutierten die Teilnehmer über die Folgen der Schulzeitverkürzung, die Effektivität von Fortbildungen, Fragen zur Methodik und Nachhaltigkeit des Unterrichts und zur Qualität des Abiturs.

Folgen von G 8

Ausführlich beleuchtet wurden Fragen der Qualität des Gymnasiums bei steigenden Übertrittsquoten, bei gleichzeitig sinkenden Nichtversetzungsquoten und vor allem angesichts stark reduzierter Unterrichtszeit die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Die von den Fachvertretern genannten bildungspolitischen Positionen waren nahezu deckungsgleich mit den Auffassungen des Philologenverbandes. Die Folgen der genannten Fakten für die Qualität des Gymnasiums wurden von allen Fachverbandssprechern als äußerst kritisch empfunden.

Beklagt wurde u.a. die "mangelnde Reife der Schüler" in Bezug auf Themen, die nun durch die gymnasiale Schulzeitverkürzung (G8) früher behandelt werden müssen. Als ein Beispiel von vielen sei hier auf das Thema der Pränataldiagnostik verwiesen, das von der Oberstufe in die Mittelstufe vorgezogen wurde.

Weitere Kritikpunkte:

Auswendiglernen von abfragbarem Wissen im Gegensatz zu der ursprünglichen Intention einer erhöhten Nachhaltigkeit und einer Zunahme an fächerverbindenden Erkenntnissen. Beim Beispiel der Pränataldiagnostik sollte eigentlich "Bioethik" gelehrt werden, was bei Jugendlichen in der Pubertät um einiges schwieriger ist als bei Schülern der 12. bzw. 13. Klasse. Das führe zu "Tafelbiologie" und das Wissen werde nicht vertieft - wie eigentlich intendiert. "Schüler lernen auswendig und verstehen die thematischen Inhalte nicht!" Die Prämisse des Bildungsplans "aus Wissen wird Können", also die Vermittlung echter "Kompetenzen", könne unter diesen Vorgaben nicht erreicht werden. So waren sich alle darin einig, dass das Herstellen von Querverbindungen zwischen den einzelnen Fächern schwieriger geworden ist.

"Bildung braucht Zeit" - das Doppelstundenmodell und die Methodenlehre sind keine Allheilmittel. Besondere Vorsicht sei immer dann geboten, wenn Lösungsansätze als Allheilmittel verkauft würden. Dies gelte sowohl für die Unterrichtsmethodik als auch für Zeitmodelle wie das Doppelstundenmodell, das dazu führe, dass Lehrer in zweistündigen Fächern ihre Schüler manchmal lediglich in Intervallen von zwei oder sogar vier Wochen nur zwei Stunden unterrichten. Liegen diese Stunden auch noch als Randstunden am Nachmittag in der 9. und 10. Stunde wird das Doppelstundenmodell als Prinzip der Stundenplangestaltung sehr fragwürdig. Ursprünglich sei es zwar als eine Möglichkeit zur Entschleunigung und Entfrachtung des Unterrichtsalltags angedacht gewesen, doch sei es als durchgängiges Prinzip nicht tauglich. Dies gelte auch für die vierstündigen Fächer. Zwei Doppelstunden Fremdsprache pro Woche reichen nicht aus für einen vertieften Zugang zur Fremdsprache. Dieses Prinzip habe noch vor wenigen Jahren als unbestritten gegolten. Die fünf (!) Stunden fremdsprachlicher Anfangsunterricht in den Klassen 5 und 6 sowie die fünf Stunden Anfangsunterricht Spanisch in Klasse 9 sollten möglichst an fünf Tagen der Woche gehalten werden, um ein vertieftes Heranführen an die Fremdsprache zu ermöglichen, um den Grundwortschatz und die Grundgrammatik wirklich zu vermitteln. In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass die sprachlichen Inhalte oft der Methodik zum Opfer fielen. Wer behaupte, dass Doppelstunden bzw. in sprachlicher Hinsicht irrelevante Unterrichtsmethoden - wie die Gestaltung von Plakaten mit Stichworten - einen echten Ausgleich bieten könnten, betreibe Schönfärberei. Erwähnt wurde auch die Renaissance des viel geschmähten "Frontalunterrichts" in Form von "direct teaching" bzw. "direkter Instruktion" als ein Unterricht mit direktem Austausch zwischen Lehrkraft und Schülerschaft. Klagen vieler Schüler über zu viel "Methodenunterricht" sagen in diesem Punkt mehr als viele Worte. Bei diesen Punkten waren sich alle Vertreter der Fachverbände einig.

Im Fokus: Qualität von Fortbildungen und Qualität des Abiturs bei sinkender Zahl von Unterrichtsstunden

Die gleiche Einigkeit herrschte beim Thema der Qualität der Fortbildungen. Bekamen die Lehrkräfte bei Fortbildungen noch vor wenigen Jahren wertvolle Kompendien mit verbindlichen Texten und Inhalten an die Hand, wurden diese verbindlichen Inhalte immer mehr dem Üben von Methoden geopfert. Für junge Lehrkräfte ohne Erfahrung waren diese Kompendien eine große Hilfe bei der Frage, welches Niveau sie erreichen mussten. Die Qualität des Abiturs war dadurch abgesichert. Heute würden ganze Fachschaften abgeordnet zu Fortbildungen über "kompetenzorientiertes Unterrichten". Nach solchen Fortbildungen seien sich die Lehrkräfte nicht immer sicher, ob sie denn Neues gelernt haben.

Mehr Verbindlichkeit bei den Inhalten

Einig waren sich die Fachverbandsvertreter auch darin, dass bezüglich der Inhalte bzw. "Standards" verbindliche Vorgaben entwickelt werden müssten, die für alle Schulen gelten. Schließlich ginge es bei diesen Fragen nicht zuletzt auch um die Fundamente der Kultur eines Landes, die allen, die am gesellschaftlichen Leben teilnehmen sollen, bekannt sein müssen. Diese Frage berührt auch die Kontingentstundentafel. Statt einer Standardisierung erfolge eine Partikularisierung. Unterschiedliche Kontingentstundentafeln führten beispielsweise in Biologie dazu, dass an der einen Schule bestimmte Standards mit nur einer Unterrichtsstunde pro Woche erreicht werden könnten, während an einer anderen Schule derselbe Inhalt in vier Stunden vermittelt werde. Erwähnt wurde, dass Fächerverbünde lediglich über den Lehrermangel in bestimmten Fächern hinweggetäuschten.

Auch die Tatsache, dass Fremdsprachen heute mit einem Durchschnitt von 3,3 Stunden pro Woche unterrichtet werden, lasse keine echte Wissenschaftspropädeutik zu. Der Mangel an Möglichkeiten, wirklich wissenschaftspropädeutisch zu unterrichten, wurde von allen Sprechern beklagt. Es wurde sogar die Befürchtung ausgesprochen, ob es am Ende zu "Vorbereitungsjahren" an der Universität kommen könnte und die an den Schulen "eingesparte" Zeit absurderweise durch zusätzliche Vorbereitungszeit an den Universitäten wieder aufgeholt werden muss. In Ländern wie Frankreich seien solche ein- bis zweijährigen Vorbereitungskurse durchaus üblich.

Schlussfolgerungen

Da einige der Vorsitzenden der Lehrerfachverbände sowohl als Lehrkräfte als auch als Eltern und Vereinsaktive von den Änderungen der letzten Jahre betroffen sind, kamen auch nicht intendierte Veränderungen im Bereich des Vereins- und Kulturlebens der Schulen und deren Auswirkungen auf die Kommunen zur Sprache. Aufgrund des erhöhten Nachmittagsunterrichts und vermehrten Ganztagsbetriebs an den Schulen haben Vereine größte Probleme, geeignete Trainer und Übungsleiter zu finden - mit bitteren Konsequenzen für das kulturelle Leben einer Gemeinde oder Stadt. Erschwerend kommt hinzu, dass Übungsleiter und Trainer den Schulen nachmittags für den Ganztagsbetrieb zur Verfügung stehen sollen, was sie in der Praxis oft gar nicht können, weil sie selber schulpflichtig bzw. berufstätig sind. Dieses Problem muss dringend gelöst werden, um ein regelrechtes "Ausbluten der Vereine" zu verhindern.

Konsens: Mehr Zeit für bessere Wissensvertiefung

Zur gymnasialen Schulzeitverkürzung wurde generell festgehalten, dass das G 8 eine Option für die begabten Schülerinnen und Schüler bleiben sollte, so wie dies in der Erprobungsphase an den Modellschulen auch erfolgreich ablief. Gleichzeitig sollte aber mehr Zeit für eine bessere Wissensvertiefung und echten Kompetenzerwerb zur Verfügung stehen. Favorisiert wurde deshalb von den Fachvertretern eine Parallelführung von G8- und G9-Zügen, die bereits erfolgreich erprobt wurde. Mit der größtmöglichen Durchlässigkeit sollte es Schülern möglich sein, in sechs oder sieben Jahren in die Oberstufe zu gelangen, wo sie dann in der Kursstufe zusammengeführt werden und gemeinsam Abitur machen. Vom Philologenverband unterstützte diesbezügliche Vorschläge liegen seit langer Zeit zum Beispiel vom Auguste-Pattberg-Gymnasium in Mosbach vor und werden vom Philologenverband unterstützt. Wenn vierzig bis fünfzig Prozent eines Jahrgangs Abitur machen sollen, müsse man den jungen Menschen die dafür notwendige Zeit geben. Der "brain drain", das Abwandern von ca. 100 000 gut ausgebildeten Akademikern pro Jahr, das Deutschland seit einigen Jahren zu verzeichnen hat, spricht nicht dafür, dass unsere Akademiker zu alt sind.

Nach dem intensiven Gedankenaustausch bestand großer Konsens unter den Fachverbänden darüber, wie die Qualität des Abiturs erhalten werden kann. Einem sog. "längeren gemeinsamen Lernen" wurde eine Absage erteilt. Es wurde als "Irreführung" bezeichnet, weil es der Qualitätssicherung an den Gymnasien abträglich wäre.

Abschließend wurde von allen der Vorschlag begrüßt, sich häufiger auszutauschen. Sollte es terminlich nicht möglich sein, sich zweimal im Jahr zu einem Gespräch zu treffen, so sollte doch mindestens einmal pro Jahr ein solcher "Runder Tisch der Lehrerfachverbände" stattfinden. Fazit: eine durchweg gelungene Veranstaltung!

Silvana Stärr, Kirchberg
PhV-Bildungsreferat


Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim 'Runden Tisch der Fachverbände':

Den Philologenverband (PhV BW) vertraten beim 'Runden Tisch der Fachverbände', zu dem der PhV am 12. März 2010 eingeladen hatte, der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur, die stellvertretende Landesvorsitzende Brigitte Röder, der stellvertretende Landesvorsitzende Klaus Nowotzin, PhV-Bildungsreferentin Silvana Stärr, Hans-Eckhard Giebel (Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit + Redaktion Gymnasium Baden) sowie der Ansprechpartner für Pensionäre, Karl-Heinz Wurster.

Repräsentanten der baden-württembergischen Fachverbände waren Hans Jörg Dieter (Vorstandsmitglied der Fachgemeinschaft Evangelischer Religionslehrer/innen in Württemberg), Josef Maier (Vorsitzender des Verbands Deutscher Biologen, VDBiol), Hartmut Preuß (Vorsitzender des Bundes Deutscher Kunsterzieher, BDK), Dr. Helmut Meißner (stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Altphilologenverbands (DAV) Baden-Württemberg), Dr. Rainer Drös (Fachvertreter für Biologie im Landesvorstand des Verbands Mathematisch-Naturwissenschaftlicher Unterricht, MNU), Dr. Wolfgang Sigloch (Vorsitzender des Deutschen Sportlehrerverbands (DSLV), Tilman Heiland (Vorsitzender des Verbands Deutscher Schulmusiker, VDS), Dr. Horst Gorbauch (Kath. Religionslehrer am Gymnasium Diözese Rottenburg-Stuttgart (AK Religionslehrerverbände BW) und Prof. Roland Wolf (Vorsitzender des Südwestdeutschen Lehrerverbandes für Geschichte und Politische Wissenschaften, SWL) .

www.phv-bw.de