Fortbildungsveranstaltung des PhV-Bezirks Nordwürttemberg am Schelztor-Gymnasium Esslingen
Psychische Belastungen im Lehrerberuf
Am 19. März dieses Jahres, einem sonnigen Freitagnachmittag, kamen über fünfzig Teilnehmer/innen zur Fortbildungsveranstaltung des Philologenverbands Nordwürttemberg ins Esslinger Schelztor-Gymnasium, um sich über die psychischen Belastungen im Lehrerberuf zu informieren. Die hohe Teilnehmerzahl und die teilweise sehr langen Anreisewege der Kolleginnen und Kollegen zeigen den Stellenwert, den dieses Thema hat.
Nordwürttembergs PhV-Bezirksvorsitzender Ralf Scholl eröffnete die Veranstaltung mit einem Dank an die Organisatorin Andrea Wessel und an die Schulleiterin Gabriele Alf-Dietz, die ihr Haus für diese Veranstaltung zur Verfügung gestellt hatte. PhV-Landesvorsitzender Bernd Saur betonte, dass bei den zunehmenden Belastungen der Lehrkräfte Entlastungsstrategien immer wichtiger würden. Es dürfe aber nicht dabei bleiben, dass die Lehrer vorwiegend auf sich selbst verwiesen würden. Er appelliert an den Arbeitgeber, nach dem Abitur des Doppeljahrgangs die frei werdenden Kapazitäten für eine Rücknahme der Deputatserhöhungen und damit für eine substanzielle Entlastung zu nutzen.
Als Leiter des Gesundheitsamts Karlsruhe macht der Referent, Dr. med. Peter Friebel, fortlaufend eigene praktische Erfahrungen mit dem Thema "Psychische Belastungen im Lehrerberuf". Dadurch angeregt, hat er sich eingehend mit den wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema befasst und trug die komprimierten Erkenntnisse in seiner äußerst informativen Präsentation vor.
Dr. Friebel bezeichnete psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen als "die Epidemie des 21. Jahrhunderts". Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für den Erhalt oder die Wiederherstellung der seelischen Gesundheit zu sorgen. In seinem Gesundheitsamt erfolge knapp die Hälfte der Untersuchungen auf Dienstunfähigkeit von Lehrern wegen psychischer Erkrankungen. Dabei litten mehr als zwei Drittel der psychisch erkrankten Lehrer unter Depressionen. Das Ursachengeflecht sei vielschichtig, wesentlich für die Belastungen des Lehrerberufs sei aber, dass er sich fast ausschließlich auf zwischenmenschliche Beziehungen gründe und dass kein Schüler abgelehnt werden könne. Neben dem Verhalten schwieriger Schüler seien Klassengröße und die Deputatshöhe die stärksten Belastungsfaktoren. Auch die Schulleitung spiele eine entscheidende Rolle.
Der Umgang mit Stress gelinge dann am besten, wenn man "im Flow" sei, wenn man den Stress als Herausforderung annehmen könne, deren erfolgreiche Bewältigung einen Lust und Selbstvertrauen erleben lasse. Negative Erfahrungen dagegen könnten zu einem Teufelskreis von Angst und Selbstzweifeln führen, sodass man den Anforderungen immer weniger gerecht werde.
Die umfassende Potsdamer Lehrerstudie von Prof. Dr. Uwe Schaarschmidt hat Folgendes ergeben:
etwa die Hälfte der Lehrer hat ein gesundheitliches Risiko;
mehr als ein Drittel nimmt eine Schutzhaltung ein;
nur 13,8 Prozent der Lehrer haben eine gesundheitsförderliche Berufseinstellung.
Was kann man als Lehrer vorbeugend tun,
wie kann man für Entlastung im Berufsalltag sorgen?
Die Rahmenbedingungen werden von außen gesetzt. Die Entscheidung für den Beruf ist gefallen. Angehende Lehrer sollten besser auf die zu erwartenden Schwierigkeiten hingewiesen und besser auf sie vorbereitet werden. Auch die Auswahl der Lehramtsstudierenden sollte die künftigen Belastungen schon mit berücksichtigen.
Dem aktiven Lehrer bleibt, seine Arbeitsbedingungen vor Ort positiv zu beeinflussen. Günstig wirkt sich ein gutes soziales Klima aus, das von einem kooperativ-unterstützenden Führungsstil gestärkt wird. Wenn die Beziehungen im Kollegium von Offenheit, Interesse füreinander und gegenseitiger Unterstützung gekennzeichnet sind, wenn außerdem die schulischen Normen und Ziele gemeinsam durchgesetzt werden, sind das Voraussetzungen, die maßgeblich zur psychischen Gesundheit beitragen. Neben diesen Kriterien spielen auch organisatorische Maßnahmen eine Rolle, wie Stunden- und Raumplanungen, die individuelle Bedürfnisse berücksichtigen, ein auf das Kollegium abgestimmter Informationsfluss und eine gerechte Aufgabenverteilung.
Es gab an mehreren Schulen Interventionsprojekte, bei denen nach einer Befragung Schulveranstaltungen zum Thema "Teamklima und Lehrergesundheit" stattfanden. Diskussionen, Kleingruppenarbeit, Dokumentation und Bericht führten zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Als Einzelner kann man zum Beispiel in Lehrer-Coachinggruppen seine Beziehungskompetenz stärken, indem man sich über die Zusammenhänge informiert, Entspannungstechniken erlernt, versucht seine persönliche Einstellung zum Beruf als einen Bestandteil des eigenen Lebens zu relativieren, indem man im Umgang mit Schülern die Balance zwischen Verstehen und Führen verbessert, indem man Eltern konstruktiv in die Beziehungsgestaltung einbindet und indem man im Kollegium frühzeitig konfliktträchtige Spaltungsvorgänge erkennt und vermeiden hilft.
Das Thema verdient große Beachtung. Im Rahmen der flächendeckenden Gefährdungsbeurteilungen ist es an allen Schulen präsent. Es kann als ein Thema für die externe Evaluation gewählt werden und ist als Führungsaufgabe anerkannt. Der Philologenverband will sich mit weiteren Veranstaltungen und Informationen diesem Thema widmen.
Gerhard Isringhausen