Thema aktuell
Heute: Bündnis 90 / Die Grünen
Von Renate Rastätter, MdL
"Nachjustierung" im G 8
Der neue Ministerpräsident Mappus hat die Reißleine gezogen. Ein Jahr vor der nächsten Landtagswahl hat er auf die wachsende Unzufriedenheit der Eltern reagiert und einen Amtswechsel im Kultusministerium vorgenommen. Mit der neuen Kultusministerin Marion Schick ist Herrn Mappus ein Überraschungscoup geglückt: Frau Schick beeindruckt durch Offenheit und Charme, sie ist kommunikativ und trifft den richtigen Ton. Die Frage ist aber, ob sie im Gegensatz zu ihrem Vorgänger auch bereit ist, Kritik und Rat von den betroffenen Praxisexperten wie SchülerInnen, Eltern, Lehrkräften sowie SchulleiterInnen anzunehmen und in der Ausgestaltung der Bildungspolitik zu berücksichtigen. Denn die Betroffenen erwarten mehr als eine Charme- und Vermarktungsoffensive, sie erwarten, dass Frau Schick Probleme nicht ignoriert, sondern behebt. Immerhin hat sie bei ihrem Amtsantritt angekündigt, dass sie das Bildungswesen zwar nicht umkrempeln, aber gegebenenfalls "Nach- und Feinjustierungen" vornehmen wird, wenn sie einen Handlungsbedarf dazu sieht.
Wir GRÜNEN sind gern dazu bereit, Kultusministerin Schick auf notwendige Korrekturmaßnahmen im G 8 aufmerksam zu machen. Dazu gehören aus meiner Sicht die Flexibilisierung der gymnasialen Lernzeit, die Verbesserung der Lernbedingungen der Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern, vor allem auch derjenigen mit Migrationshintergrund, sowie die Schaffung der erforderlichen Rahmenbedingungen für die Umsetzung der Inklusion.
40,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind in diesem Schuljahr nach der Grundschule ins Gymnasium übergewechselt. Aufgrund der Grundschulempfehlungen hätten sogar knapp 50 Prozent aufs Gymnasium überwechseln können. In vielen Städten liegt die Quote längst bei über 50 Prozent, erstmals auch in Stuttgart, trotz eines Migrationsanteils von rund 55 Prozent bei den unter 18-Jährigen. Angesichts der enormen Heterogenität der individuellen Begabungen und Lerntempi der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums ist es nicht nachvollziehbar, dass immer noch darauf beharrt wird, dass alle Schülerinnen und Schüler in ein Einheitskorsett von acht Jahren gepresst werden. Für einen Teil der Schülerinnen und Schüler wäre das Angebot eines G8 plus, wie es das Auguste-Pattberg-Gymnasium in Mosbach beantragt hat, oder ein Brückenjahr nach der 9. Klasse, wie es das Schloss-Gymnasium in Salem gewünscht hat, der bessere und erfolgreichere Weg zum Abitur am allgemein bildenden Gymnasium. Gleichzeitig müssten die Möglichkeiten der Hochbegabtenförderung an allen Gymnasium ausgebaut werden. Die Einrichtung von sogenannten Hochbegabtenzügen in Form der äußeren Leistungsdifferenzierung basiert immer noch auf dem Mythos der homogenen Gruppe. Stattdessen muss die individuelle Förderung in leistungsheterogenen Gruppen konsequent ausgebaut werden, damit jede Schülerin ihr und jeder Schüler sein Bildungsziel erreichen kann. Die schrittweise Absenkung des Klassenteilers ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber die Zuweisungsmodalitäten für die Lehrerstunden sollten in zweifacher Hinsicht geändert werden. Wenn eine Pro-Kopf-Zuweisung der Lehrerstunden erfolgt, können die Ressourcen effizienter und gerechter eingesetzt werden. Möglich wird dadurch die Festlegung von maximalen Klassengrößen, die bei diesem Zuweisungsmodus im kommenden Schuljahr bei 28 und 2013 bei 25 Schülerinnen und Schülern in der Sekundarstufe und an der Grundschule im kommenden Schuljahr bei 23 Schülerinnen und Schülern liegen könnten. Zur Verbesserung der individuellen Förderung gehört aber auch die Berücksichtigung der sozialen Zusammensetzung der Schülerschaft bei der Zuweisung von zusätzlichen Lehrerstunden. In Stuttgart gibt es inzwischen erfreulicherweise eine wachsende Zahl von Gymnasien, die sich besonders für die Förderung von Schülern mit Migrationshintergrund engagieren. Das ist auch dringend notwendig angesichts der Tatsache, dass bei den Schülern ohne deutschen Pass die Übergangsquote ins Gymnasium nur 21,1 Prozent, bei den deutschen Schülern aber 43,1 Prozent beträgt. Wie der BDA und der BDI fordern wir, dass als Anreiz zusätzliche Stunden bei besonderen Integrations- und Leistungsanstrengungen der Schulen gewährt werden. Gute Rahmenbedingungen und gezielte Fortbildungsmaßnahmen sind darüber hinaus notwendig, damit auch in den Gymnasien die verbindlichen Vorgaben der UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen im Schulbereich umgesetzt werden können. Das Anne-Frank-Gymnasium in Rheinau praktiziert mit großem pädagogischem Engagement seit zwei Jahren diesen inklusiven Ansatz mit zehn körperbehinderten Schülerinnen und Schülern, die mit Unterstützung ihrer Sonderpädagoginnen zieldifferent integriert sind, da sie dem Bildungsgang des Gymnasiums nicht folgen können. Es darf nicht bei diesem Einzelfall bleiben.
Last but not least gehört zu den besseren Rahmenbedingungen auch die Einbeziehung von Schulsozialarbeit an allen Gymnasien. Flächendeckend wird dies nur gelingen, wenn das Land endlich seine Verweigerungshaltung aufgibt und wieder in die Drittelfinanzierung der Schulsozialarbeit einsteigt.