Lesermeinung

Studieren ohne Abi

Endlich wird's ehrlich seitens der Politiker: Studieren kann man an der Uni
auch ohne Abi. Seit vielen Jahren haben sich die Politiker des Landes Baden-Württemberg hartnäckig um die Billigung und Förderung des Niveauverfalls an den
Gymnasien verdient gemacht. Mit aller Macht hat man dafür gesorgt, dass die
Übergangsquoten von der Grundschule auf das Gymnasium unverantwortliche
Ausmaße angenommen haben.

Festgestellt hat man dann, dass es doch für recht viele Schüler nicht die
angemessene Schulart war, weil doch viele scheiterten, zu viele im
OECD-/PISA-Vergleich. Gefolgert hat man daraus, dass man die Quote der
Gescheiterten doch möglichst senken sollte. Folglich wurden die
Korrekturskalen immer und immer wieder geändert und geliftet. Viele Schüler
wundern sich heute, dass mit Fehlern gespickte Klassenarbeiten ihnen eine
doch noch sehr komfortable, meist befriedigende Note bescheren. Auch Schüler
bemerken dies durchaus kritisch, obwohl sie deswegen verständlicherweise
nicht auf die Straße gehen. Nun gut, so sei es jetzt nun mal.
Was ich als Praktiker jedoch keineswegs verstehe, ist, dass man diesem
gesamten Trend zum Trotz die Abiturprüfung konstant (trotz Reduzierung der
Wochenstundenzahlen in den einzelnen Fächern und trotz der zusätzlichen
Reduzierung der gymnasialen Schulzeit von 9 auf 8 Jahre konstant aufgebläht
hat (in Fremdsprachen zum Beispiel hat sich der Umfang der Abitursarbeiten in den
letzten Jahren mindestens vervierfacht).

Alles wurde gekürzt (Stundenzahlen, Schuljahre, Ansprüche), aber das Abitur
wurde zunehmend mit einer Wichtigkeit versehen, die an Realitätsfremdheit
nicht mehr zu übertreffen ist.

Vielen Dank an die Kompetenz der Politik...oder so ...oder auch nicht.
Hauptsache die Statistik stimmt: Weniger Schulabbrecher, mehr Abiturienten
bessere Noten, sehr viel Abiturienten mit Schnitten von 1,0 bis 1,9, ... etc.
etc.

Günther Philipp Stöferle

www.phv-bw.de