PhV-Landesvorsitzender Bernd Saur:

"Ist das G8 etwa doch nicht so einfach machbar?"

Am 14. Juni 2010 kündigte Kultusministerin Marion Schick an, die Regierungspräsidien damit beauftragen zu wollen, "über die Umsetzung der verkürzten Gymnasialzeit an den einzelnen Schulen zu berichten und bis Mitte September Verbesserungsvorschläge zu machen." Der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur bezog in der Vertreterversammlung, die am 9. Juli 2010 im Fellbacher Kongresszentrum stattfand, zur aktuellen G 8-Diskussion Position. Der Philologenverband fordert eine Parallelführung von G 8 und G 9, die ohne Qualitätsabstriche den von den Eltern kritisierten Druck aus den Gymnasien nehmen würde. Nachfolgend Bernd Saurs Kernaussagen zum G 8-Thema:

"Bereits Mitte Juli 2010 sollen die vier Regierungspräsidien mitteilen, an welchen Gymnasien es noch Schwierigkeiten gibt. Das Kultusministerium selbst geht davon aus, dass es nur noch bei einzelnen Schulen (es ist von 10 bis 20 Prozent die Rede) Probleme gibt. Hingewiesen wird darauf, die Elternproteste seien "deutlich zurückgegangen" und es gebe Eltern, die fragten, warum das Thema überhaupt noch einmal behandelt werde.

Und in der Tat wurde in jüngster Vergangenheit auf Anfragen jeder Art stets mit der Feststellung "Das G 8 ist machbar" reagiert. Des Weiteren wurde auf die inzwischen angelaufenen sogenannten ZPG-Fortbildungen (Zentrale-Projekt-Gruppen-Fortbildungen) verwiesen. Dabei handelt es sich um eine aufwändige Lehrerfortbildung zum kompetenzorientierten Unterricht. Der anfänglich massiven Kritik am G 8 war nämlich gerne mit der Vermutung begegnet worden, die Lehrkräfte seien nicht ausreichend befähigt, kompetenzorientierten Unterricht zu erteilen. Diese "Schwarzer-Peter-Strategie" beantwortete jedoch nicht die Frage, warum erst fünf Jahre nach Beginn des flächendeckenden G 8 mit der entsprechenden Lehrerfortbildung begonnen wurde.

Maßnahmenbündel gegen Elternkritik

Die Kultusministerin begründete ihren Vorstoß mit der Feststellung, man müsse nach sechs Jahren das Ergebnis ansehen, eine Bestandsaufnahme sei überfällig. Abgesehen davon, dass man das Ergebnis des G 8 erst nach seinem gesamten Durchlauf, also erst nach dem 1. oder noch besser nach dem 2. Abitur richtig bewerten kann, hört sich das so an, als hätten bislang keine Nachjustierungen stattgefunden. Der anfänglich massiven Elternkritik war Kultusminister Helmut Rau durch ein Maßnahmenbündel begegnet. So war verfügt worden, die Wochenstundenzahl in den Klassen fünf und sechs auf maximal 32 zu begrenzen. Mindestens die Hälfte der insgesamt gekürzten Poolstunden (von 12 auf 10) muss inzwischen für spezielle Fördermaßnahmen verwendet werden und darf nicht einfach den Fächern zugeschlagen werden. Erinnert sei auch an die ausschließlich fürs Gymnasium eingeführte Hausaufgabenbetreuung sowie an den Wegfall der Benotung der Vergleichsarbeiten. Letzteres lehnt eine Mehrheit der Lehrkräfte ab.

Erstaunlicher Meinungswandel

Es ist also keineswegs so, dass nicht schon Nachjustierungen stattgefunden hätten. In bester Erinnerung sind in diesem Zusammenhang die Empfehlungen des Runden Tisches, der auf Initiative von Kultusminister Rau im Frühjahr 2008 feststellte, eine weitere Reduzierung der Stofffülle sei mit Blick auf die Qualität gymnasialer Bildung und damit die Studierfähigkeit nicht mehr vertretbar. Da verwundert es doch sehr, wenn die Kultusministerin jetzt "Unterrichtszeiten und Stofffülle als mögliche Stellschrauben" sieht. Unabhängig von der Frage, ob denn diese beiden Stellschrauben nur bei den vermeintlich betroffenen 10 bis 20 Prozent der Gymnasien zur Anwendung kommen sollen, ist also vor zwei Jahren klar festgestellt worden, dass weitere Abstriche am Unterrichtsstoff nicht möglich sind. Nebenbei bemerkt war an diesem Runden Tisch auch die Elternseite vertreten, während Verbandsvertreter gar nicht erst geladen und auch nicht angehört wurden.

Stolpersteine zwischen Wunsch und Realisierbarkeit

Die angedachte Option, man könne vielleicht die Unterrichtszeiten reduzieren, ist nicht weniger verwunderlich. Das Kultusministerium scheint von seinem eigenen Konzept einer Ganztagsbeschulung selbst nicht sonderlich überzeugt zu sein. Die Notwendigkeit einer zeiteffizienten Bündelung von Unterrichtsstunden mit dem Ziel der Freihaltung möglichst großer Zeiträume am Nachmittag war bislang angesichts der eigenen Vorstellungen von Ganztagsschule nicht gesehen worden. Man könne, so wurde bislang argumentiert, außerschulische Aktivitäten (Musikschule, Sportverein usw.) in das Ganztagsgeschehen integrieren. Offensichtlich hat man zwischenzeitlich erkannt, dass zwischen Wunsch und Realisierbarkeit zuweilen einige Stolpersteine liegen.

PhV-Prognosen sind eingetroffen

Es ist bemerkenswert, dass das Kultusministerium im Juni 2010 zum ersten Mal eingestand, was unter anderem der Philologenverband schon seit Jahren festgestellt und schon vor der Einführung des flächendeckenden G 8 prognostiziert hatte: den Schülerinnen und Schülern wird zu wenig Zeit bleiben, neben der Schule noch zu musizieren, Theater zu spielen, sich in Jugendgruppen zu engagieren, Sport zu treiben usw. Wir hatten immer wieder darauf hingewiesen, dass es in Deutschland im Gegensatz zu den meisten Nachbarländern eine vermutlich einmalige Vielfalt an Vereinen und Institutionen (z.B. die Musikschulen) gibt, um die uns andere Länder beneiden. Jetzt liest man Schlagzeilen wie "Achtjähriges Gymnasium gräbt Tanz-AG das Wasser ab. Nach 21 Jahren schließt die AG, weil ihr durch das G 8 der Nachwuchs weggebrochen ist." (Südwest-Presse vom 18.6.2010 über ein Ulmer Gymnasium) Schade, dass es so weit kommen musste, lehrt doch die Erfahrung, dass eine Wiederbelebung solch wertvoller und bereichernder Aktivitäten äußerst schwierig ist, zumal wenn die Motivation durch eine jahrelange schleichende Erosion versandete.

Stereotype Antwort des Kultusministeriums: "G 8 ist europäischer Standard!"

So werden die Regierungspräsidien jetzt angewiesen, sich auf die Suche nach Defiziten zu machen, deren Existenz bislang bestritten wurde. Eine der grundlegenden Fehleinschätzungen des Kultusministeriums lässt sich an dem Begriff "europäischer Standard" besonders augenfällig aufzeigen. Das G 8 sei europäischer Standard war und ist immer noch die stereotype Antwort auf die Forderung des Philologenverbands nach Zulassung optionaler G9-Züge. Diese Feststellung verkürzt die Realität und ist daher irreführend. Wie schon am Beispiel des Vereinslebens verdeutlicht, kann man nicht so einfach Schule unter völliger Missachtung der weiteren gesellschaftlichen und sozialen Spezifika eines Landes organisieren. Adäquate Lösungen für komplexe Sachverhalte, wie es moderne Gesellschaften nun einmal sind, sind selten eindimensional. Die Feststellung, das G 8 sei europäischer Standard und könne und dürfe daher nicht hinterfragt werden, verkürzt die Fragestellung auf die bloße Anzahl von Jahren. Ein deutscher Hochschulabsolvent dürfe auf keinen Fall ein Jahr älter sein als etwa sein französischer Mitbewerber.

Der Vergleich mit den Nachbarländern hinkt

Angesichts der heutigen Anforderungen in Studium und Beruf und der ständig beschworenen Exzellenz-Initiativen und Herausforderungen der Globalisierung kann doch ein Kultusministerium nicht ernsthaft die Frage der Qualität gänzlich außer Acht lassen. Wenn in Großbritanniens Schulen Fremdsprachen gar nicht mehr obligatorischer Bestandteil des Lehrplans sind und wenn französische Abiturienten erst einmal ein Vorsemester absolvieren müssen, bevor sie überhaupt ein Studium aufnehmen können, dann kann doch deren zwölfjährige Schulzeit nicht allen Ernstes als erstrebenswerter "europäischer Standard" angepriesen werden, so als sei nicht hinlänglich bekannt, dass überall dort, wo baden-württembergische Abiturienten zusammen mit Abiturienten aus beispielsweise den erwähnten Nachbarländern studieren, unsere Landeskinder auf eine solidere Schulbildung zurückgreifen können als ihre europäischen Nachbarn.

Niveauabsenkung des Abiturs zu befürchten

Bezeichnenderweise wurde vor Kurzem seitens des Wissenschaftsministeriums die Idee eines Vorsemesters ins Spiel gebracht. Obwohl G 8 erst bis Klasse 10 gediehen ist, scheint man dort jetzt bereits zu wissen, dass mit einer Qualitätseinbuße zu rechnen ist. Angesichts steigender Übergangszahlen bei gleichzeitigem Sinken der Quote der Wiederholer, einer von vornherein geplanten Ausdünnung (acht Stunden Fremdsprachenunterricht weniger), einer jetzt anvisierten Nachjustierung (mögliche Reduzierung der Stofffülle), eines geplanten Schulversuchs, bei dem die "schwierige" zweite Fremdsprache in Klasse 6 und 7 zunächst durch NWT ersetzt werden kann, angesichts all dieser Maßnahmen muss in der Tat befürchtet werden, dass das Niveau unseres baden-württembergischen Abiturs abgesenkt wird, eines Abiturs, das bislang einen guten Ruf hatte, und dies nicht der Quantität, sondern der Qualität wegen.

PhV fordert Parallelführung von G8 und G9

Die Forderung des Philologenverbands nach Zulassung optionaler G 9-Züge wurde und wird stets mit dem Argument abgelehnt, das G8-Niveau müsse gehalten werden und der G9-Weg führe über die Realschule und das berufliche Gymnasium. Jetzt ist zu befürchten, dass das Niveau des G 8 abgesenkt wird. Die Parallelführung von G 8 und G 9 hätte den Vorteil, dass das Niveau des Gymnasiums insgesamt und das des Abiturs gehalten werden könnte. Diejenigen, die etwas mehr Zeit brauchen, bekämen sie (übrigens auch für Musikschule und Sportverein), während die Stärkeren das G 8 ohne Niveauabstriche absolvieren könnten.
Der jetzt gewählte Weg ist der falsche. Die (gar nicht notwendige) Erzwingung der Schulzeitverkürzung auf Kosten der Qualität lässt die naheliegendste Möglichkeit ungenutzt, die der Parallelität von G 8 und G 9. Durch diesen Schritt könnte die Kultusministerin bei den Eltern punkten, nicht zuletzt - honni soit qui mal y pense - mit Blick auf die Landtagswahlen im März 2011."

Hinweis: Weitere Informationen über die im zweijährigen Turnus stattfindende Vertreterversammlung veröffentlichen wir in unserer nächsten GBW-Ausgabe.

www.phv-bw.de