Kultusministerin Schick zog 100-Tage-Bilanz
Bildungspolitik könne nur im konstruktiven Dialog und durch eine aktive Mitwirkung aller Beteiligten gelingen, sagte Kultusministerin Marion Schick am 1. Juni dieses Jahres mit dem Hinweis, dass sie die ersten hundert Tage "intensiv genutzt" habe, um sich mit allen am Schulleben Beteiligten auszutauschen. Der direkte und persönliche Kontakt sei ihr besonders wichtig. "Das baden-württembergische Bildungswesen ist gut aufgestellt", so das Fazit der Ministerin. Ihr Ziel sei es, das differenzierte und durchlässige Schulwesen des Landes weiter zu verbessern. Bildung habe für die Landesregierung oberste Priorität. Baden-Württemberg stehe für ein verlässliches, durchlässiges und qualitativ hochwertiges Bildungssystem, das Kindern und Jugendlichen Wege in die Zukunft baue und "Perspektiven für ein erfolgreiches und selbstbestimmtes Leben" eröffne.
Der Philologenverband gratulierte Kultusministerin Marion Schick zu ihrem geglückten Einstieg in ihr neues Amt. "In ihren ersten hundert Tagen zeigte sich die neue Kultusministerin nach allen Seiten gesprächsbereit, überzeugte durch ihre kompetente, praxisorientierte Argumentation und bezog eine klare Position für unsere leistungsfähigen Gymnasien in einem differenzierten gegliederten Schulsystem", so der PhV-Landesvorsitzende Bernd Saur in einer vom Verband am 1. Juni herausgegebenen Pressemitteilung. Kritisch äußerte sich Saur über die Unterrichtsversorgung an den Gymnasien: "Wir erwarten von Frau Schick, dass sie sich in dieser Frage und generell bei der Lehrereinstellung gegenüber dem Finanzminister durchsetzt, damit sie nach den nächsten hundert Tagen ihrer Amtszeit mit genauso viel Lob bedacht wird wie heute."
Kontinuität und Verlässlichkeit Eckpfeiler der Bildungspolitik
Kontinuität und Verlässlichkeit der Bildungspolitik seien auch weiterhin Eckpfeiler konservativer Bildungspolitik in Baden-Württemberg geblieben, erklärte Schick und sprach von einer "Rückbesinnung" auf die Kernaufgabe von Schule und Bildungspolitik. Schick wörtlich: "Was die Schulen, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler jetzt brauchen, ist Ruhe und Zeit zur Konsolidierung, damit die grundlegenden und notwendigen Reformen der vergangenen Jahre ihre Wirkung entfalten können." Die Kernaufgabe der Schule sei die "tatsächliche Verbesserung der Zukunftschancen "unserer Kinder und Jugendlichen". Diese "zentrale Botschaft" habe sie aus den vielen Gesprächen in den ersten hundert Tagen mitgenommen. Sie werde keine "ideologischen Scheindebatten" führen, sondern dort ansetzen, wo es nachweislich um die Zukunft der Schülerinnen und Schüler gehe. "Mit mir wird es deshalb keine sinnlose Reformitis geben", sagte die Ministerin, die sich im Sinne des PhV für den Erhalt des Gymnasiums ab Klasse 5 einsetzt. In einem Gespräch mit dem PhV-Landesvorsitzenden Bernd Saur am 27. April 2010 hatte die Ministerin betont: "Das Gymnasium ab Klasse 5 ist ein bedeutender Bestandteil unseres differenzierten Schulwesens. Es trägt wesentlich dazu bei, dass den Schülerinnen und Schülern in Baden-Württemberg ein vielfältiges und qualitativ hochwertiges Bildungsangebot zur Verfügung steht."
Das differenzierte Bildungssystem des Landes ermögliche eine intensive individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler und werde den unterschiedlichen Talenten und Begabungen gerecht. Die ständige Diskussion um die Schulstruktur lenke nur von den eigentlichen Herausforderungen ab. "Die Schulqualität hängt nicht von der Schulstruktur ab", sagte Schick, zeigte sich aber zugleich offen für Vorschläge, die die Qualität des differenzierten Schulsystems tatsächlich verbesserten. Auch werde sie für eine effiziente Verwendung der vorhandenen Ressourcen Sorge tragen.
Schick: "Wichtige Projekte auf den Weg gebracht"
In den vergangenen hundert Tagen seien bereits wichtige Weichen gestellt worden. Dazu zähle die Umsetzung der UN-Konvention zur gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung. "Es ist uns gelungen, bereits ab dem kommenden Schuljahr im ganzen Land Angebote zum gemeinsamen Unterricht möglich zu machen", hob die Ministerin hervor. Als weiteren Schwerpunkt nannte Schick die Einführung der neuen Werkrealschule. Im Zuge der ersten Genehmigungsrunde werde ab dem kommenden Schuljahr an über 500 Standorten der neue sechsjährige Bildungsgang mit einem "zukunftsweisenden und bundesweit einmaligen pädagogischem Konzept" starten, das die individuelle Förderung mit einer konsequenten Berufsorientierung verbinde.
Erste Maßnahmen in Schwerpunktbereichen
In ihrem Ausblick kündigte die Ministerin erste Maßnahmen in den von ihr bereits zu Amtsantritt genannten Schwerpunkten an. "Ich habe dazu aus den unzähligen Gesprächen mit allen am Schulleben Beteiligten viele wertvolle Einschätzungen und Sichtweisen mitgenommen, die sich nun in konkreten Maßnahmen niederschlagen."
Verdreifachung der Zahl der Bildungshäuser
Mit Blick auf die frühkindliche Bildung erklärte Schick: "Früh investieren statt spät reparieren, ist ein entscheidender Ansatz verantwortungsvoller Bildungspolitik." Die Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule im Rahmen des Konzepts "Bildungshäuser 3 -10", das derzeit in 33 Modellprojekten erprobt werde, sei zukunftsweisend. "Wir wollen die Bildungshäuser weiterentwickeln und sukzessive in die Fläche bringen: Überall dort, wo sich Grundschulen und Kindergärten gemeinsam auf den Weg machen, um zu einem Bildungshaus zusammenzuwachsen, wollen wir dies auch Schritt für Schritt ermöglichen", kündigte Marion Schick an. Bereits im Laufe des nächsten Schuljahres könnten weitere 70 Bildungshäuser in einer ersten Ausbauphase starten, was einer Verdreifachung der jetzigen Zahl entspräche.
Gesamtkonzept frühkindliche Bildung
Darüber hinaus werde auf der Grundlage der Ergebnisse einer "Netzwerkkonferenz" ein Konzept erarbeitet, um alle Projekte in diesem Bereich (Orientierungsplan, "Schulreifes Kind", "Bildungshaus 3-10", "Schulanfang auf neuen Wegen", Sprachförderung) miteinander zu verzahnen und damit auf ein gemeinsames Fundament zu stellen. bereits im Herbst dieses Jahres will Kultusministerin Schick ein Gesamtkonzept zur frühkindlichen Bildung und Grundschulbildung vorstellen.
Expertenrat zur Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien
"Die besondere individuelle Förderung von Kindern aus bildungsfernen Familien und mit Migrationshintergrund ist für mich eine Herausforderung von zentraler Bedeutung. Ziel muss es sein, den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg stärker zu entkoppeln." Die Effizienz eines Schulsystems bemesse sich unter anderem an der Frage, in welchem Maße es gelinge, möglichst alle jungen Menschen in das Berufsleben zu integrieren und ihnen so ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. "Für diese wichtige Zukunftsaufgabe werde ich einen Expertenrat einsetzen, der sich vertieft mit der Problematik auseinandersetzen und der die Ergebnisse der Enquete zur Beruflichen Bildung mit einbeziehen wird", sagte die Ministerin. Dabei sei wichtig, auch die entwicklungspsychologisch bedeutende Phase zwischen null bis drei Jahren im Blick zu haben. Daher werde auch das Sozialministerium bei der Arbeit des Expertenrates mitwirken.
Beratende Begleitung bei Grundschulempfehlung
Weiteres Augenmerk bei der Sicherstellung der Durchlässigkeit und der Anschlussfähigkeit legt die Kultusministerin auf die Grundschulen: "Voraussetzung für erfolgreiche Bildungsbiografien seien "einfache Übergänge von der einen in die andere Schulart ohne unnötige Hürden". Zentrales Element an den Grundschulen müsse ein früher einsetzender, kontinuierlicher Austausch im Sinne einer beratenden Begleitung zwischen Elternhaus und Schule sein, damit die Grundschulempfehlung für die Eltern keine Überraschung darstelle, erklärte Schick. Ein solch regelmäßiger Austausch zwischen Elternhaus und Schule zum Wohle des Kindes von Anfang an schaffe die Voraussetzung für eine echte Bildungs- und Erziehungspartnerschaft - ohne jedoch die Entscheidung über die weiterführende Schulart allein den Eltern zu überlassen.
Sicherung der Unterrichtsversorgung und der Unterrichtsqualität
"Eine wichtige Säule eines verlässlichen Schulsystems ist die Sicherung der Unterrichtsversorgung, die für uns weiterhin oberste Priorität hat", hob die Ministerin hervor. Das Kultusministerium werde alles tun, um die flächendeckende Unterrichtsversorgung - so weit dies möglich sei - sicherzustellen. Der Philologenverband hat in Pressemitteilungen wiederholt eine 110-prozentige Lehrerversorgung an den Gymnasien gefordert. Die Einstellung einer Vertretungskraft müsse "punktgenau und unbürokratisch" erfolgen, so die PhV-Forderung.
Lehrerausbildung wird neu ausgerichtet
"Hervorragend ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer tragen entscheidend zum Bildungserfolg junger Menschen bei", so die Feststellung von Kultusministerin Schick, die sich mit der Auffassung des PhV deckt. Mit der Anpassung der Studiengänge zur Lehrerausbildung an die enorm veränderten Anforderungen (ab dem Wintersemester 2010/11 für das gymnasiale Lehramt, ab 2011/12 für Lehrämter an Grund-, Haupt-, Werkreal- und Realschulen sowie Sonderschulen) habe das Land bereits "wichtige Reformschritte" eingeleitet. Das Studium soll sich künftig noch stärker an der schulischen Praxis orientieren und "erziehungswissenschaftliche Kompetenzen" vermitteln, erklärte Schick. In drei aufeinander abgestimmten Schritten solle künftig die persönliche Eignung derer, die Lehrer werden wollten, geprüft werden. Dazu zählten ein obligatorischer Orientierungstest vor dem Studienbeginn, ein Orientierungspraktikum zu Studienbeginn sowie ein Schulpraxissemester im 4. oder 5. Semester, das bestanden werden müsse, um das Studium fortsetzen zu können. Schick: "Wir streben an, dass Abiturientinnen und Abiturienten künftig schon vor der Aufnahme des Studiums ein hohes Maß an Gewissheit über ihre Eignung für den Lehrerberuf haben."
Stärkung der Unterrichtsqualität
Kernaufgabe verantwortungsvoller Bildungspolitik sei darüber hinaus, die Unterrichtsqualität und deren systematische Weiterentwicklung im Fokus zu haben. Mit der Fremdevaluation sei bereits "ein erfolgreiches Instrument zur Qualitätssicherung und -entwicklung der Schulen" etabliert worden, das es nun weiterzuentwickeln gelte. Ausgehend von den Evaluationsergebnissen müssten über die abzuschließende Zielvereinbarung hinaus in verstärktem Maße anlass- und einzelfallbezogen Konsequenzen aus den Evaluationsbefunden gezogen werden, meinte die Ministerin und vertrat die Auffassung, dass das Verfahren stärker auf die Bedürfnisse einzelner Schulen zugeschnitten werden müsse. Auch müsse die Schulverwaltung ihren Blick verstärkt auf "identifizierte Problemfelder" der einzelnen Schule richten und Beratung und Unterstützung anbieten.
"Erfolgsmodell Realschule" und Bedeutung des Sports
"Die Realschule nimmt eine entscheidende Schlüsselfunktion für die Durchlässigkeit unseres Schulsystems ein. Sie leistet einen sehr wertvollen Beitrag, damit den Schülerinnen und Schülern in Baden-Württemberg ein vielfältiges und differenziertes Bildungsangebot zur Verfügung steht, das auf deren individuelle Talente und Begabungen eingehen kann", sagte die Kultusministerin. Daher sei es wichtig, die Situation der Realschulen genau im Blick zu behalten.
Die große gesellschaftliche und bildungspolitische Bedeutung des Sports sei unumstritten. Kultusministerin Schick ist davon überzeugt, dass die aufgenommenen Gespräche zum Solidarpakt Sport eine verlässliche Planungsgrundlage für die Sportverbände schaffen würden Darüber hinaus sehe sie im Zusammenhang mit dem weiteren Ausbau der Ganztagesbetreuung und einer noch stärkeren Kooperation zwischen Sportvereinen und Schulen "sehr große Potenziale und Synergieeffekte", die es zu nutzen gelte.
Zukunftsorientierte Weiterentwicklung des Fächerkanons
Mit Blick auf die Weiterentwicklung des Fächerkanons an den Schulen kündigte die Ministerin an, den Ausbau von MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wie auch eine Internationalisierung der Bildungsangebote konsequent weiterzuverfolgen, um dem Nachfrageboom der Wirtschaft in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen wie auch den Herausforderungen der fortscheitenden Globalisierung Rechnung zu tragen. Dazu sollen in der Kursstufe am allgemein bildenden Gymnasium Informatik als vierstündiges Wahlkernfach und Naturwissenschaft und Technik (NwT) als zweistündiges Fach weiterhin erprobt werden. Außerdem soll der Ausbau der "erfolgreichen bilingualen Züge" an den Realschulen und Gymnasien sowie der "Global Studies" an den beruflichen Gymnasien vorangetrieben werden. Für das Wirtschaftsgymnasium soll auf der Basis dieser Erfahrungen ein neues Profil 'Internationale Wirtschaft' konzipiert werden, sagte die Kultusministerin. Im kommenden Schuljahr sei entsprechende Bildungsplanarbeit für den bilingualen Profilbereich vorgesehen, um die Schülerinnen und Schüler künftig verstärkt auf die Globalisierung und internationale Verflechtung in der Wirtschaft vorzubereiten. Am technischen Gymnasium befänden sich die MINT-Profile in einem regelmäßigen Weiterentwicklungsprozess, zum Herbst gebe es zudem überarbeitete Lehrpläne für das innovative Profil "Technik und Management".
Der Philologenverband teilt die Einschätzung der Ministerin, dass unsere Schulen nunmehr eine Phase der Ruhe und Konsolidierung benötigen, damit die auf den Weg gebrachten Reformen vernünftig umgesetzt werden können. Wenn jedoch die Unterrichtsversorgung für die Kultusministerin "weiterhin oberste Priorität" habe, dann bestehe für den gymnasialen Bereich dringender Handlungsbedarf, denn die Unterrichtsversorgung sei inzwischen zum Teil prekär.
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