Leserbriefe und Lesermeinungen

Meinung zur TOSCA-Repeat-Studie

Die Anforderungen beim Abitur wieder erhöhen

Warum die Oberstufen-Reform nicht die gewünschten Erfolge hatte, und wie das Niveau verbessert werden kann

Als Gymnasiallehrer (Mathe und Physik) mit jährlichen Abiturkursen möchte ich meine Beobachtungen mitteilen, die meines Erachtens erklären, wieso die Reformen nicht die gewünschten Erfolge hatten:

1. Dass jeder Schüler jetzt in den beiden letzten Schuljahren vierstündig Mathematik "genießen" muss, kann gar nicht mehr als eine "moderate" Steigerung des Wissens bringen, da es der Modus der Abiturqualifikation gestattet, eine nicht vorhandene Abitur-Leistung - quittiert mit null Notenpunkten = Schulnote 6 - problemlos auszugleichen. Dies führt dazu, dass mindestens fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler sich vorab ausrechnen, dass es sich für sie doch gar nicht lohnt, in das Fach Mathematik überhaupt Arbeit zu investieren. Die erste Maßnahme zu einer Niveau-Erhöhung im unteren Leistungsbereich wäre also ganz einfach: Die Einführung einer Klausel, dass kein Schüler das Abitur bestanden hat, der nicht in jeder seiner Abiturprüfungen mindestens einen Notenpunkt erreicht hat.

2. Dass die besten Schüler nicht mehr die Leistungen der früheren Leistungskurs-Schüler erreichen, kann niemanden wundern: Zum einen waren die Leistungskurse fünfstündig, die an Mathematik interessierten Schüler haben jetzt also weniger Mathe-Unterricht. Zum anderen werden die Kurse an vielen Schulen nicht nach Leistung zusammengestellt, sondern es wird teilweise sogar versucht, die Kurse "vergleichbar" zu machen, d. h. in einen Kurs mit vielen guten Schülern kommen auch viele schlechte. Dass es damit kaum noch möglich ist, den Interessierten einen Unterricht zu bieten, der ihren Interessen gerecht wird, bedarf keines großen Nachdenkens. Eine einfache Maßnahme zur Erhöhung des Niveaus der guten Schüler wäre eine Einteilung der Mathe-Oberstufen-Kurse nach dem Niveau der Schüler.

3. Dass es mit den vor einem Jahr erfolgten Abänderungen der Korrektur-Richtlinien in den Sprachen fast unmöglich geworden ist, Schüler aufgrund völliger sprachlicher Unzulänglichkeit null Punkte im Abitur zu geben, zielt in die gleiche Richtung.

Seit den OECD-Studien, die für Deutschland eine geringe "Studiertenquote" festgestellt haben, scheint es unseren Politikern nur noch darum zu gehen, die Abiturientenzahlen zu erhöhen - was an sich ja positiv ist. Allerdings bleibt dabei ein starkes Geschmäckle: Dass dieses Ziel nämlich dadurch erreicht werden soll, dass das Niveau des Abiturs immer weiter abgesenkt wird.

Es wäre eine echte Reform, wenn die Abituranforderungen wieder so erhöht würden, dass ein bestandenes Abitur auch die allgemeine Studierfähigkeit bescheinigt.

Ralf Scholl, Stuttgart-Sillenbuch

Lesermeinung

Menschenwürdiges Gymnasium

Leserbrief zum Bericht "Schick verspricht menschenwürdiges Gymnasium"; Stuttgarter Nachrichten vom 22.06.2010

Aha! Das Gymnasium soll laut Zielsetzung unserer verständnisvollen Ministerin "lebbar, erlebbar und menschenwürdig" werden. Im Umkehrschluss heißt das wohl: Zurzeit ist das Gymnasium nicht so richtig "lebbar, erlebbar und menschenwürdig'". Nun, wenn dem laut Politik so ist, was kann man tun, um Abhilfe zu schaffen? Hier einige häufig verwendete Strategien:
Man kann als Politiker(in) immer und immer wieder betonen, dass G8 ein Erfolg ist (auch wenn es sonst niemand behauptet), dass man schlecht besuchte und recht ineffektive Hausaufgabenbetreuung, Stützkurse etc. zur Hilfe der Schwachen einrichtet.
Man kann die Aussagekraft des Abiturs weiter entwerten durch inflationäre Notengebung und ununterbrochene Niveauabsenkungen.
Man kann weiterhin behaupten, die stetig steigende Beliebtheit des Gymnasiums zeuge davon, dass G8 ein Erfolg sei.

Was wären wirkliche Lösungswege, um die steigende Anzahl von überforderten und damit leidenden Kindern an Gymnasien nicht ins Unermessliche steigen zu lassen?
Man könnte im Sinne der Kinder wieder dafür sorgen, dass sie auf die für sie richtige Schule gehen, d.h. man muss den Übergang neu regeln. Was bringt einem Kind Nachhilfe ab Klasse 5, wenn es mechanisch Angelerntes nicht anwenden kann? Frusterlebnisse ohne Ende schaden der Entwicklung eines Kindes enorm.
Man müsste die G8-Wochenstundenzahl der Schüler dringend reduzieren, damit nicht nur wieder Zeit für Hobbys bleibt, nein auch Zeit zum Lernen.
Man sollte endlich damit aufhören, gute Noten und Abiturdurchschnitte als Maßstab für ein tolles Bildungswesen heranzuziehen. Das ist manipulierte Schönfärberei und sagt über Qualität genauso wenig aus wie die Einschaltquote beim Fernsehen.

Günther Philipp Stöferle

www.phv-bw.de