Editorial
Verehrte Leserin,
verehrter Leser,
seit 1998 lag die Redaktion unserer Verbandszeitschrift in Händen unseres Kollegen Hans-Eckhard Giebel, der letztes Jahr aus dem aktiven Schuldienst ausgeschieden ist und nun auch seine beiden Referate "Redaktion GBW" und "Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" abgibt. Beachten Sie bitte den gesonderten Artikel in dieser Zeitschrift, in dem ich als Landesvorsitzender das jahrelange außerordentlich arbeitsintensive Wirken von Hans-Eckhard Giebel würdige. Wir wollen diese personelle Veränderung auch zum Anlass nehmen, dass das Editorial unserer Verbandszeitschrift künftig vom Landesvorsitzenden geschrieben wird, was nun in dieser Ausgabe zum ersten Mal der Fall ist. Ich übernehme diese Aufgabe sehr gerne und werde sie nutzen, um Sie jeweils zeitnah über die aktuellen Entwicklungen zu informieren.
Im Juli 2010 wurden die Regierungspräsidien angewiesen, den Schulleitungen mitzuteilen, dass sie durchschnittlich 16 Lehrerwochenstunden von regulär unterrichtenden Lehrkräften mit dem Siegel "Krankheitsreserve" versehen müssten. Diese Stunden müssten "herauslösbar" sein, d.h. sie dürften nicht den Pflichtbereich, sondern den AG- bzw. Ergänzungsbereich betreffen. Hintergrund für diese Maßnahme war die Verwunderung darüber, dass ständig erhebliche Kosten für Vertretungsunterricht anfallen, obwohl man doch in der Vergangenheit insgesamt 240 Deputate speziell für Vertretungen ausgewiesen hatte. Offensichtlich gelingt es dem Kultusministerium nicht, dem Finanzminister zu erklären, dass aufgrund des Fächerprinzips an der Schulart Gymnasium ein "Springer" nicht so funktionieren kann wie beispielsweise an der Grundschule. Deshalb, vor allem aber aufgrund der seit Jahren andauernden personellen Unterversorgung unserer Gymnasien sind diese Lehrkräfte - weil man sie an ihrem Einsatzort dringend brauchte - ganz regulär eingesetzt worden. Dies nun zum Anlass zu nehmen, Arbeitsgemeinschaften im entsprechenden Volumen zur Disposition zu stellen, ist nicht nur ein Affront gegenüber den Schulen, es ist im Übrigen auch politisch denkbar unklug. Aufgrund unseres sofortigen massiven Protestes wurde seitens des Kultusministeriums umgehend eine "entschärfte" Fassung vorgelegt. Dies sollte uns aber nicht daran hindern, im kommenden Schuljahr ganz genau zu beobachten, ob Arbeitsgemeinschaften "stillgelegt" werden, weil die Lehrkraft für Vertretungsunterricht eingesetzt wurde, und dies, obwohl ein externer Vertretungslehrer zur Verfügung stünde. Die Erfassung solcher externen Kräfte im Sinne der Schaffung eines Lehrerpools hatte ja im Übrigen die Kultusministerin selbst kurz zuvor initiiert.
Zum fünften Mal führen wir zu Beginn des neuen Schuljahrs unsere Umfrage zur Unterrichtsversorgung durch. In diesem Jahr wird sie ergänzt durch eine Umfrage zum doppelten Abiturjahrgang. Wir möchten wissen, ob die zugesagten zusätzlichen Lehrerwochenstunden für Oberstufenberatung, Organisation und Stundenplangestaltung in den Schulen angekommen sind und wie sie verteilt wurden.
Mit Spannung erwarte ich die seitens der Kultusministerin von den Regierungspräsidien erbetenen Vorschläge zur "Nachjustierung" des G8. Die Ministerin sicherte mir zu, dass Qualitätsabstriche nicht in Frage kommen. Alles andere läge auch nicht in der Logik ihrer Politik, denn sie sieht ja das jetzige G9 im Weg über Realschule und berufliches Gymnasium. Vor diesem Hintergrund wären Qualitätsverluste beim Gymnasium in der Tat unsinnig.
Als Akteur des diesjährigen "Sommertheaters" tat sich Finanzminister Stächele mit den Themen Jahresarbeitszeitkonto und Streichung von drei freien Tagen hervor. In einer Pressemitteilung vom 9. September reagierten wir auf diesen verwunderlichen Vorstoß.
Nach eigenem Bekunden war der 18. Juli 2010 für die Hamburger Schulsenatorin Christa Goetsch (Grüne, GEW-Mitglied) "ein ziemlicher Scheißtag". Das glaub ich ihr gerne, ist sie doch von der eigenen Bürgerschaft abgewatscht worden. Gegliedert schlägt integriert, "Wir wollen lernen" obsiegt gegen "Länger gemeinsam lernen", der hanseatische gesunde Menschenverstand setzte sich durch.
Und so erfuhr Frau Goetsch, dass Demokratie anstrengend ist, vor allem dann, wenn man selbst uneinsichtig die falsche Position vertritt. Und Ole van Beust ? Der hatte letztes Jahr erklärt, Schwarz-Grün entspräche dem modernen Lebensgefühl der Großstadt. Ein seltsames Lebensgefühl: er selbst wirft das Handtuch, die grüne Politik wird abgewatscht. Da sollte er vielleicht noch einmal darüber nachdenken!
Über die eigene Position nachdenken bzw. sie revidieren, das tut offensichtlich die Fraktion der Grünen im Stuttgarter Rathaus. Am 8. September 2010 fand in Stuttgart eine Podiumsdiskussion zum geplanten Zukunftsquartier mit Bildungszentrum am Cannstatter Güterbahnhof statt. Zur geplanten Orientierungsstufe in den Klassen 5 und 6 äußerte sich eine Erziehungswissenschaftlerin kritisch, indem sie in Frage stellte, ob es in einer solchen Orientierungsstufe gelingen könne, eine so "unhomogene Schülerschar gemeinsam und ausreichend auch auf den späten Wechsel auf Realschule oder Gymnasium vorzubereiten." Per Pressemitteilung bewertete die grüne Rathausfraktion diesen Teil des Projekts als nicht sinnvoll: "Wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass gerade leistungsstarke Schüler diese Orientierungsstufe als Sprungbrett ins Gymnasium nutzen können." Eine Stellungnahme der Landtagsfraktion der Grünen zu dieser Frage liegt uns nicht vor!
Mit freundlichen und kollegialen Grüßen,
Ihr Bernd Saur,
Vorsitzender
Beiträge in dieser Ausgabe:
Siegerehrung - Mitgliederwerbeaktion des Philologenverbandes BW
Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) zum neuen Schuljahr
Hanseatischer gesunder Menschenverstand hat sich durchgesetzt
Seniorenverband BRH-BW-Delegation traf sich mit den Grünen
Vernichtendes Urteil über Anti-Mobbing-Programme und die Wirkung von Rollenspielen
Bundeswettbewerb aus Baden-Württemberg: "Jugend gründet" startet ins achte Wettbewerbsjahr
Aktuelles aus dem Hauptpersonalrat Gymnasien
Thema aktuell - Heute: FDP (Dr. Birgit Arnold)
Fit für den Ernstfall - Erste-Hilfe-Kurs der Jungen Philologen in Freiburg
Universität Stuttgart bietet neuen Lehramtsstudiengang Naturwissenschaft und Technik (NWT)
Leserbrief - Stächele stichelt schon wieder gegen Lehrer