51. Internationales Bodenseetreffen in Lindau

Das Gymnasium im gegliederten Schulsystem

Das diesjährige "Internationale Bodenseetreffen von Lehrkräften höherer Schulen" aus der Schweiz, aus Bayern und aus Baden-Württemberg fand am 18. und 19. September 2010 in Lindau statt. Die Vorstände der drei Verbände - Bayerischer Philologenverband, Kantonaler Mittelschullehrerinnen- und Mittelschullehrerverband St. Gallen und Philologenverband Baden-Württemberg - trafen sich bereits am Samstagvormittag zu einem intensiven Gedankenaustausch.

Schnell wurde klar, dass es in Bayern wie auch in Baden-Württemberg um den Erhalt des Gymnasiums in der jetzigen Form geht. Kürzungen könnten auf keinen Fall mehr hingenommen werden - weder inhaltlicher noch zeitlicher Art. Damit wird auch jeglichen Bestrebungen für ein längeres gemeinsames Lernen - im Extremfall wird eine zehnjährige Gemeinschaftsschule gefordert, die ein Rumpfgymnasium von zwei Jahren in Kauf nimmt - eine Absage erteilt. Weitere Themen waren die Pension mit 67, die Ausweitung der Teilzeitarbeitsmöglichkeiten, der Doppeljahrgang, der in Bayern in diesem Jahr, in Baden-Württemberg im nächsten das Abitur ablegen wird. Einige Vorstandsmitglieder bedauerten rückblickend, dass die Verbände nicht mit noch größerer Energie gegen die flächendeckende Einführung des G 8 gekämpft haben, zeigten doch die Defizite des G 8 heute (zeitliche Belastung, Herunterfahren der Fachlichkeit, organisatorisch schwierig zu bewältigende Ganztagesbeschulung), wie recht die Verbände mit ihren Bedenken damals hatten. Heute scheint für viele der Zug abgefahren, die Entwicklung unumkehrbar zu sein.

Bevor abends bei Bodenseespezialitäten in einem größeren Rahmen der Mitglieder der Meinungsaustausch weitergehen konnte, standen Führungen durch Lindau auf dem Programm - bei herrlichem Herbstwetter mit fast sommerlichen Temperaturen.

Am Sonntagvormittag sprang Josef Erhard, Ministerialdirektor im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, für seinen angekündigten, aber verhinderten Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle mit einem Vortrag über den Stellenwert des Gymnasiums im gegliederten Schulwesen ein. Erhard zeigte auf, dass zwei Faktoren das Gymnasium bedrohten: Die demographische Entwicklung, die es schwierig mache, auf dem Land die Vielfalt der jetzigen Schularten aufrecht zu erhalten, und eine Ideologie, die in der Einheitsschule das Heil für alle jetzt diagnostizierten Bildungsdefizite sehe. Erhard dagegen sprach den Verbandsmitgliedern aus dem Herzen, als er ausführte, in der klassischen gymnasialen Bildung den besten Weg zu einer Wissens- und Wertevermittlung für die künftigen Verantwortungsträger unseres Landes zu sehen. Orientierungswissen im umfassenden Sinne sei das vorrangige Ziel der gymnasialen Bildung - und das gehe weit über das immer mehr propagierte, rein anwendungsorientierte Wissen hinaus, das auch die vom anglo-amerikanischen Bildungsbegriff geprägten Pisastudien in den Vordergrund stellen.

Klaus Nowotzin

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