Individuelles Lernen - das neue Allheilmittel?

Ein pädagogischer Modebegriff und seine verschiedenen Facetten

Die private Modellschule in Baden-Württemberg

An einer baden-württembergischen Privatschule, die auch gerne von den Seminaren besucht wird, wird das so genannte "Individuelle Lernen" nach den Vorstellungen von Peter Fratton praktiziert. Es handelt sich um eine kleine Schule - mit gepflegtem Rasen umgeben von einem Zaun und mit hervorragender Ausstattung: eigenes Hallenbad, große Turnhalle, geräumige Cafeteria für den Ganztagesbetrieb, schuleigene Busse, Maschinen für das praktische Lernen und vieles andere mehr. Die Schüler lernen mit Wochenplänen und bekommen neben einem laut Peter Fratton "traditionellen Input" individuelle Aufgaben gestellt. Hierfür gibt es laut Peter Fratton "strenge Regeln". Es darf beispielsweise in der individuellen Lernphase nur im Flüsterton gesprochen werden. Auch die Eltern müssen sich mit diesen Regeln identifizieren und sie befolgen. Die Schule versteht sich als Gesamtschule, hat aber als Privatschule dennoch Regelungen geschaffen, wie Schüler, deren Verhalten nicht den Schulregeln entspricht, nach schriftlichen und mündlichen Ermahnungen von der Schule verwiesen werden können. Wenn die Lernbegleiter erkennen müssen, dass "trotz individueller Förderung eine Leistungsverbesserung nicht möglich" scheint, ist ebenfalls vertraglich das Ausscheiden eines Schülers bzw. "Lernpartners" vorgesehen. Die Schule nimmt Schüler aller Schulen auf, hat aber die Möglichkeit eines "Konsolidierungsjahres" zum Füllen von Lücken geschaffen.

Als Fazit ergibt sich, dass diese private Schule mit ihren exzellenten materiellen Voraussetzungen offensichtlich das so genannte "Individuelle Lernen" nicht als Allheilmittel für alle schulischen Probleme sieht. Es sind längere Zeiten zum Aufholen von Lerndefiziten vorgesehen und sogar Möglichkeiten zur Abschulung sind vertraglich mit den Eltern geregelt.

Die Schweizer Modellschule und ihre Resultate - Abitur für wenige

Ein weiterer Name, der beim Thema "Individuelles Lernen" immer wieder fällt, ist der Name der Schule in Alterswilen in der Schweiz. Wenn die Kollegen aus Alterswilen ihre Schule vorstellen, kommt man als deutsche Lehrkraft aus dem Staunen nicht heraus. Eigene Büros für die Lehrkräfte, eigene Computer, über die die Lehrkräfte Zugriff auf die individuellen Arbeitsaufträge haben, eine Schule bestehend aus den Jahrgängen Klasse sieben bis neun mit 130 Schülerinnen und Schülern. Das sind für die ganze Schule so viele Schüler, wie sie eine gymnasiale Lehrkraft in Deutschland üblicherweise an einem einzigen Vormittag unterrichtet und betreut. Hinzu kommt noch, dass üblicherweise in Klassen von 20 Schülern zwei Lehrkräfte vor Ort sind. Häufig sollen es laut der Kollegen aus Alterswilen sogar noch mehr sein. Interessanterweise werden die Fremdsprachen in Alterswilen nicht "individuell" gelernt, sondern in homogenen Lerngruppen. Anscheinend eignet sich diese Methode für die Fremdsprachen nicht.

Wenn dann zu diesem Thema bei einer Anhörung einer Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg eine Elternvertreterin dem bekannten Schweizer Entwicklungsforscher Remo Largo hoffnungsvoll die Frage stellt, ob denn viele der Alterswilener Schüler später Abitur machen, ist die Enttäuschung im Saal fast mit Händen zu greifen, denn sie bekommt zur Antwort, dass die meisten dieser individuell geförderten Schüler in die berufliche Bildung gehen und dass für die Schwächeren unter ihnen auch an dieser Schule ein sog. "Brückenjahr" zum Schließen von Lernlücken möglich ist. Remo Largo führt in diesem Zusammenhang weiter aus, dass die Schweiz Wert darauf lege, dass nicht mehr als ca. zwanzig Prozent der Schüler ein traditionelles Abitur machen und dass der beruflichen Bildung große Bedeutung beigemessen wird. In diesem Punkt könnte man sich in Deutschland mit seinem exzellenten beruflichen Bildungssystem das Schweizer Selbstbewusstsein stärker zu eigen machen, anstatt sich auf die Erreichung des Abiturs für möglichst viele auf Kosten des Niveaus zu fixieren.

Umsetzungsversuche im staatlichen Schulsystem

Nach den Erläuterungen zu den Möglichkeiten der Schweizer Schule sowie der genannten süddeutschen Privatschule und der strengen Regeln von Peter Fratton muss eine Fortbildung zum Thema "Individuelles Lernen" an der eigenen Schule mehr als nachdenklich stimmen. Vom Zugriff auf individuelle Arbeitsaufträge per Computer ist nicht die Rede, ebenso wenig von Teamteaching oder kleineren Gruppen. Vielmehr werden in Gruppen Aufgaben verschiedenen Schwierigkeitsgrades erstellt und das soll etwa einmal im Monat mit den Schülern gemacht werden. Es wird offen eingeräumt, dass die Arbeitsbelastung für mehr "individuelles Lernen" bei den bestehenden Rahmenbedingungen zu hoch wäre. Zumindest gelegentliche Aufgabenstellungen mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad sind allerdings nichts Neues. Sind sie das Einzige, was von der viel versprechenden Neuerung bleibt?

Wieder einmal eine ultimative "moderne" Unterrichtsmethode -
Sind Notendruck und Beschämung in der Methodik wieder "in"?

Nicht weniger bedenklich mutet es an, wenn der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Dr. Heinz Klippert seine Vorstellungen vom "Individuellen Lernen" in einem Vortrag erläutert. In sog. "Lernspiralen" sollen die Schüler individuell lernen, was er als "auf keinen Fall mit Unterstützung durch die Lehrkraft" definiert. Diese "Lernspiralen" sollen in regelmäßigen "Teamsitzungen" von den Lehrkräften erarbeitet werden und enorm erleichternd für die Lehrkräfte sein. Laut Klippert ist mit einer Verbesserung der materiellen und personellen Voraussetzungen an den staatlichen Schulen nicht zu rechnen.

Nach festem Schema soll es grundsätzlich in Doppelstunden einen achtminütigen Input geben in Form eines Films, Lehrervortrags oder Ähnlichem. Daraufhin folgt die "Nachhilfephase" in Form einer "Murmelphase", in der die Schüler sich gegenseitig befragen bzw. belehren sollen. Dieser Phase folgt die Erstellung einer individuellen Mindmap. Danach müssen sich die Schüler im Doppelkreis aufstellen ("Kugellager") und sich noch einmal den Inhalt des achtminütigen Inputs mehrmals erzählen. Klippert fordert ausdrücklich "Mut zur Redundanz", über die er sich freilich beim fragend-entwickelnden Verfahren lustig macht. Die stärkeren Schüler helfen den schwächeren, die "ambitionierten" Schüler disziplinieren die undisziplinierten. Die Schüler wüssten ja schließlich, dass sie sonst "gemeinsam untergehen". Sie werden gemeinsam benotet. Am Schluss werden Kärtchen gezogen. Die zwei Schüler, die (fast möchte man sagen zynischerweise) eine Karte mit "Glückwunsch" ziehen, müssen gemeinsam präsentieren, und wenn es nicht klappt, "blamieren" sich beide vor der Klasse. Der Lernbegriff bei Klippert endet allerdings in der reinen Reproduktion. Von Interpretation, Transferleistungen oder gar kritischer Distanzierung war in dem Vortrag ebenso wenig die Rede wie von einem allgemeinen Bildungsbegriff. Mehrfach hervorgehoben wurde jedoch die wichtige Bedeutung des ökonomischen Faktors im Bereich der Bildung.

Personale und soziale Kompetenz erschöpfen sich im Funktionieren

"Beschämung" scheint ein Baustein dieser Methode zu sein und da viele der Präsentationen auch benotet werden, stellt man fest, dass auch ganz stark mit Notendruck gearbeitet wird. Ist das wirklich die "neue" Pädagogik oder nicht doch eher die Rückkehr zum Abfragen vor der Klasse in neuem Gewand? Welcher "heimliche Lehrplan" steckt hinter solchen Konzepten, die von Seiten der Industrie unterstützt werden? Was ist der Anreiz für die stärkeren Schüler, die vielleicht in viel kürzerer Zeit die Lerninhalte verarbeiten könnten? Wo erfolgt bei dieser Methode die intellektuelle Förderung der starken Schüler, die für eine moderne Gesellschaft unerlässlich sind? "Lernen im Gleichschritt, alle machen zur gleichen Zeit dasselbe" -
diejenigen, die schneller lernen könnten, müssen auf der Stelle treten und erhalten dadurch "soziale Kompetenz". Es spricht nichts gegen eine gelegentliche Anwendung dieser sog. "Lernspiralen". Aber diese unter der Überschrift "Individuelles Lernen" als generelles Allheilmittel anzupreisen, stimmt doch eher nachdenklich.
Und erstellt werden müssen die "Lernspiralen" durch die Lehrkräfte in regelmäßigen Teamsitzungen. Bevor die versprochene "Arbeitserleichterung" eintreten könnte, müsste folglich in den Kollegien sehr viel Zusatzarbeit geleistet werden.

Interessant ist auch der Begriff "Team" bei Klippert. Schüler werden in Tischgruppen
sortiert. In regelmäßigen zeitlichen Abständen wird "per Zufall" (für die Schüler) ein "ambitionierter" Schüler an einem Tisch mit einem undisziplinierten Schüler platziert. Den Lernunwilligen werden gute Schüler zugeordnet. Es fallen einem die Begriffe "Sozialingenieur" und "Unterrichtsmechaniker" ein, wenn man solche Konzepte als sichere Allheilmittel präsentiert bekommt und man hofft, dass die eigenen Kinder um solche "Reformen" herumkommen.

Individuelles Lernen im privaten und staatlichen Bereich

Je mehr man sich mit dem Thema der "Individuellen Förderung" bzw. dem "Individuellen Lernen" beschäftigt, desto mehr Widersprüche tun sich auf.
Trotz all dieser kritischen Aspekte wird es von interessierter Seite als Allheilmittel angepriesen. Die vorgesehenen Brückenjahre, die Möglichkeit des Abschulens, der Fremdsprachenunterricht in homogenen Gruppen, der Übergang in die berufliche Bildung für die Mehrzahl der Schüler werden verschwiegen.
Wenn man darüber hinaus mit den Verhältnissen an vielen privaten Schulen, für die Schülereltern viel Geld bezahlen, vertraut ist, weiß man, dass dort "Individuelles Lernen" in Form von täglichem mehrstündigem Üben stattfindet. Früher war dieses Prinzip etwas generell Akzeptiertes und hieß "Hausaufgaben". Heutzutage gilt diese Form des "individuellen Lernens" häufig als Zumutung sowohl für Schüler als auch für Eltern.

Silvana Stärr

www.phv-bw.de