Editorial

Verehrte Leserin, verehrter Leser,

im Mai 2011 richteten der Ministerpräsident, der Finanz- und Wirtschaftsminister, die Kultus- sowie die Wissenschaftsministerin, Arbeitgeberpräsident Dr. Dieter Hundt sowie der Ulmer IHK-Präsident Dr. Peter Kulitz ein Gratulationsschreiben an unsere Abiturientinnen und Abiturienten, in dem u. a. mit Blick auf deren Zukunft gesagt wird, sie seien dafür „bestens gerüstet“.  So sehen wir das auch: sowohl im innerdeutschen als auch im internationalen Vergleich wird unserem Abitur ein hoher Stellenwert attestiert, und das soll, ja das muss aus nahe liegenden Gründen so bleiben!

Wer dies so sieht, ist als politischer Akteur - will er sich nicht selbst Lügen strafen -  gut beraten, seine intendierten Reformschritte genauestens auf ihre Kurz- und Langzeitwirkung hin zu prüfen, um sicher zu stellen, dass man nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet. Der Erfolg des Gymnasiums hat nämlich u. a. auch damit zu tun, dass die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten das für ein erfolgreiches Durchlaufen des Gymnasiums erforderliche Potenzial mitbringen.

Wenn Herr Kretschmann durchaus publikumswirksam verkündet, die Schule müsse sich dem Kinde anpassen und nicht andersherum,  so erschließt sich demjenigen, der gewillt ist, über dieses Postulat nachzudenken, dass die Welt nun einmal so einfach nicht gestrickt ist. Das Niveau des Gymnasiums kann mit Blick auf das ja von allen so hoch gelobte Abitur und mit Blick auf die ja zentral gestellten Vergleichsarbeiten nicht beliebig nach unten nivelliert werden.

Der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung ist und bleibt daher ein Fehler, wie man es am Beispiel von Hamburg augenfällig aufzeigen kann:  Da beim Schülerjahrgang 2009, also der jetzigen 6. Klasse, viele Schüler keine Empfehlung fürs Gymnasium hatten, die Gymnasien dort aber nur noch bis zum Ende von Klasse 6 Schüler abgeben dürfen, trennen sich die Gymnasien jetzt von all denen, die dieser Schulform nicht gewachsen sind, um sie hernach nicht als dauerhafte und frustrierte, da falsch platzierte Wackelkandidaten durchschleppen zu müssen.

Anstatt sich von diesem Beispiel belehren zu lassen,  sieht das baden-württembergische Kultusministerium die Lösung darin, die Gymnasien zu verpflichten, jeden, von dem die Eltern meinen, er sei dem Gymnasium gewachsen, so zu fördern, dass sich ein Schulerfolg am Gymnasium einstellt. Ressourcen sind hierfür allerdings nicht vorgesehen, die werden zur Förderung der Gemeinschaftsschule (Innovationspool) benötigt. Die im Raum stehende Frage unserer Schulleiter, nach welchen Kriterien sie denn nächstes Jahr Schüler ablehnen sollen, wenn sich deutlich mehr anmelden als genommen werden können, bleibt zunächst unbeantwortet. Nur Noten, nein, Noten dürfen es nicht sein, sonst hätte man ja die Änderung nicht vornehmen brauchen.

Waren die Beschäftigten des Kultusministeriums bislang in der Lage, die Bildungspolitik der jeweiligen Landesregierung mit dem zur Verfügung stehenden Personal umzusetzen, so wird nunmehr zum Zwecke der Beratung in Sachen Gemeinschaftsschule eine Stabstelle geschaffen und mit dem nicht wieder in den Landtag gewählten SPD-Politiker Norbert Zeller besetzt. Der Bund der Steuerzahler kritisierte diese Maßnahme und warf der Regierung vor, ihre Versprechen zur Haushaltskonsolidierung seien reine Lippenbekenntnisse. Die Politik der Kultusministerin, die da lautet „von unten wachsen lassen statt verordnen“ soll sicherheitshalber doch durch eine spezielle Stabsstelle unterstützt werden, damit man „unten“ auch hört, was die „oben“ wollen.  Von besonderem Interesse dürfte in diesem Zusammenhang sicher auch sein, was man denn „unten“ aus dem Innovationspool erwarten darf, wenn man die Gemeinschaftsschule einführt. 

Es ist allgemein bekannt, dass die Meinungen zu den Vergleichsarbeiten (DVA) sehr gespalten sind. Die unerwartete Entscheidung des Kultusministeriums, die fertig gestellten und längst terminierten Vergleichsarbeiten für die erste Jahrgangsstufe der gymnasialen Oberstufe ersatzlos zu streichen, überrascht aber dennoch. Eine Beteiligung von „unten“ hat jedenfalls nicht stattgefunden. Die Begründung überzeugt im Übrigen nicht. Überraschend ist auch, dass diese Maßnahme auf Empfehlung des Landesinstituts getroffen wurde. Bei der Frage der Parallelität von G8 und G9 hat das Kultusministerium - jedenfalls bislang - kein eigenes Konzept. Ein Sparmodell  würde der Philologenverband nicht akzeptieren. G9-Züge müssten einen echten Mehrwert darstellen.

Es ist nur folgerichtig, dass die CDU in Baden-Württemberg der Bundespartei widerspricht, wenn diese - übrigens recht plötzlich - die bundesweite Abschaffung der Hauptschule fordert. Qualität und Stellenwert dieser Schulart differieren nämlich von Bundesland zu Bundesland. Der Erwartung einer Stuttgarter Bildungsjournalistin, dass dadurch „das Bildungsniveau im Land angehoben wird“  und deshalb dem drohenden Fachkräftemangel in Deutschland besser begegnet werden könne, liegt die falsche Vorstellung zugrunde, dass höhere formale Schulabschlüsse per se zum Beispiel für das Handwerk von Vorteil seien. Es ist eben ein Fehler, dass die neue Landesregierung die Kooperation zwischen Werkrealschule und Berufsfachschule nicht umsetzen wird.  Dasselbe gilt für die von der OECD ausgelöste Besessenheit, die Abiturientenquote zwanghaft zu steigern. Ein deutscher KFZ-Elektroniker mit einer Lehre ist nämlich dem amerikanischen Bachelor in Electrical Engineering weit überlegen, was Grundlagenwissen und technische Fertigkeiten betrifft.

Kennzeichnend für die Bildungspolitik ist die gebetsmühlenartige Verwendung von griffigen und Emotionen aktivierenden Schlagwörtern und Sprüchen. Wer keinen Täuschungen erliegen will, sollte sich der Mühe unterziehen, herauszufinden, ob denn die angepriesenen Lösungen auch „einem zweiten Blick“ standhalten.  Begriffe wie „individuelle Förderung“ haben wir nun oft genug gehört. Was fehlt, ist eine konkrete Beschreibung, was man - was vor allem die Lehrkräfte - darunter zu verstehen haben, inklusive der Ressourcenfrage.

Wie man Ressourcen in Form von Kraft und Energie für die Lehrkräfte gewinnt, machen uns die Bayern vor. Dort wird nämlich die Stundenverpflichtung der Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer auf 23 Wochenstunden abgesenkt, was natürlich auch die Einstellung von mehr jungen Lehrkräften ermöglicht. Dass dies eine sinnvolle Maßnahme ist, wissen die Bayern auch ohne Evaluation. Und sie wissen, dass es nahe liegende und einfache Maßnahmen gibt, dafür zu sorgen, dass man auch in Zukunft bei PISA ganz vorne rangieren wird. Dies ist ja bekanntlich bei Ländern mit einem hohen Anteil an Gemeinschaftsschulen nicht der Fall.

Mit kollegialen Grüßen aus Stuttgart,

Bernd Saur

Vorsitzender PhV BW 

 

Beiträge in dieser Ausgabe:

Editorial

52. Bodenseetreffen in Überlingen

Hauptvorstand am 1. Juli 2011 (A. Horn)

Silbenrätsel

G8/G9 Diskussion (A. Horn)

G8/G9 Beispiel 1 (ASG Leonberg)

G8/G9 Beispiel 2 (APG Mosbach-Neckarelz) PDF-Dokument zum Download

G8/G9 Pressemitteilungen KM und PhV

Lehrereinstellung

Gymnasiallehrerausbildung – Lesermeinungen

PhV-Gespräch mit Amtsspitze des KM

PhV im Gespräch mit LEB

Thema aktuell - FDP - Dr. Timm Kern

Soziales Lernen am Gymnasium (S. Stärr)

Arbeitnehmer Aktionstag Singen (S. Selinka / K. Oberdörfer)

Aktuelles aus dem HPR (A. Laur)

Fragen zum Dienstrechtsreformgesetz (A. Laur)

Sachgrundlos befristete Verträge (U. Kampf)

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