Editorial

Verehrte Leserin, verehrter Leser,

von Beginn ihrer Amtszeit an ist die neue baden-württembergische Kultusministerin auf einer verzweifelten Suche nach vermeintlichen Defiziten unseres Bildungssystems, das sie gleichzeitig interessanterweise häufig als ganz hervorragend lobt. Zur Rechtfertigung ihrer vielfältigen Innovationsvorhaben, vor allem ihres zentralen Projektes "Gemeinschafts- schule", behauptet sie immer wieder und nicht zuletzt auch im Landtag, der Anteil Hochqualifizierter in Baden-Württemberg sei im internationalen Vergleich zu niedrig.

Unter "Bildungserfolg" versteht die Ministerin im Übrigen offensichtlich ausschließlich den direkten Weg "Gymnasium - Abitur - Hochschulstudium", während all diejenigen, die "nur" die Realschule oder die Hauptschule durchlaufen, das Stigma des Bildungsverlierers verabreicht bekommen, ganz egal, ob sie später glückliche Handwerksmeister, Verwaltungsangestellte, Krankenschwestern oder über die unzähligen alternativen Möglichkeiten des Hochschulzugangs eben doch noch Akademiker werden.

In einer visionären Ausblendung der andernorts längst nachgewiesenen mangelnden Leistungsfähigkeit von integrierten Sekundarschulen behauptet sie, ihr "Flaggschiff Gemeinschaftsschule" würde eine Steigerung der Anzahl Hochqualifizierter bewirken.
Indirekt bescheinigt sie damit unserem jetzigen, bekanntermaßen überaus erfolgreichen Schulsystem, es lasse vorhandene Potenziale verkümmern.
Wenn die jetzige relative Homogenität der Bildungsgänge erst einmal durch die totale Heterogenität ersetzt sein wird, dann - so das Credo des Kultusministeriums - würde dies die Anzahl Hochqualifizierter steigern. Dabei wissen wir noch nicht so genau, ob die Schülerinnen und Schüler nun zehn Jahre lang von- und miteinander lernen, oder ob sie nach einer kurzen Aufgabenverteilung durch den Lernbegleiter für den Rest des Tages an ihrem Schreibtisch allein "individuelles Lernen" genießen dürfen.

Seit der Präsentation des Schweizer Privatschulbetreibers und als "Schulinnovator" vorgestellten Peter Fratton bei der Ludwigsburger Auftaktveranstaltung für die Einführung der Gemeinschaftsschule am 6. Oktober scheint Letzteres angesagt zu sein. Mit Thesen wie "Was wir brauchen sind Lernbegleiter, aber was wir kriegen sind Lehrer" oder "Man braucht an einer Schule kein Lehrerzimmer - schließlich hat man in den Familien ja auch das Herrenzimmer abgeschafft" oder "Noten sind Bildungsbetrug" sprach er der Führungsmannschaft des Kultusministeriums sichtlich aus dem Herzen. Bei einem Folgeauftritt in Baden-Württemberg nach dem Rekrutierungsmodus für seine Schulen gefragt, bekundete der Schulinnovator augenzwinkernd, dass es bei den Auswahlgesprächen weniger auf die Eignung des Kindes, als vielmehr auf die der Eltern ankäme. Deutlicher kann man sich kaum selbst widersprechen, da doch gerade die Entkoppelung von sozialer Herkunft und "Bildungserfolg" das zentrale Anliegen der grün-roten Landesregierung ist. Man möge im Kultusministerium die Leichtgläubigkeit vieler pädagogischen Profis und ihre Empfänglichkeit für schulpolitische Bekehrungserlebnisse nicht überschätzen.

Mit Unterstützung des Landeselternbeirats betreibt das Kultusministerium die Streichung der Verbindlichkeit bei der Grundschulempfehlung, obwohl in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen wurde, dass damit genau das Gegenteil dessen erreicht wird, was beabsichtigt ist. Die Freigabe des Elternwillens wird nämlich zu größerer sozialer Ungerechtigkeit führen. Abgesehen von solchen Auswirkungen ist festzustellen, dass diese Neuregelung des Übergangs von der Grundschule an die weiterführenden Schulen insbesondere für die Lehrkräfte an den Gymnasien Mehrarbeit verursacht, die offensichtlich wieder einmal unentgeltlich und ohne Ausgleich verordnet werden soll. Kooperation mit der Grundschule, Hospitationen, Konferenzen, gezielte Förderung möglicherweise vieler einzelner Schülerinnen und Schüler können nicht zusätzlich zum normalen Schulbetrieb geschultert werden. Für ein drei-vierzügiges Gymnasium fordert der Philologenverband die Zuweisung von vier Anrechnungsstunden. Die angekündigte Zuweisung von zwei weiteren Poolstunden muss zwingend bereits zum nächsten Schuljahr erfolgen.

Die Belastung unserer Kolleginnen und Kollegen hat längst ein unerträgliches Maß angenommen. Pro Woche leisten die Lehrkräfte an unseren Gymnasien mehr als 30.000 Überstunden und damit 44 Prozent mehr als im letzten Schuljahr. Gleichzeitig fallen im Pflichtbereich jede Woche rund 1.700 Unterrichtsstunden aus. An unseren Gymnasien fehlen derzeit etwa 1.250 Lehrkräfte. Unsere Überstundenbugwelle entspricht mittlerweile einem zinslosen Darlehen an das Land im Volumen von 60 Millionen Euro. Brächte man ein Minimum an Fürsorge auf, so hätte man längst ein Konzept zum systematischen Abbau der individuellen Überstunden vorgelegt.

Bedeutend aktiver und einfallsreicher zeigt sich die Landesregierung, wenn es darum geht, ein Sparpaket für die Bediensteten des Landes zu schnüren bei gleichzeitiger dreister Erhöhung der Stellenzahl in der Ministerialbürokratie. Trotz sprudelnder Steuereinnahmen will die Regierung beim Personal sparen, indem Stellen gestrichen werden. Das avisierte Einsparvolumen beläuft sich insgesamt auf 380 Millionen. Die Ideen reichen von einer Verschiebung der Besoldungsanpassung über Einschnitte bei der Beihilfe bis hin zu einer Absenkung des Versorgungsniveaus.
Bei der Arbeit draufsatteln, bei der Bezahlung kürzen! Der Philologenverband protestiert gegen diese unfaire und gesundheitsgefährdende Politik. Wir setzen uns weiterhin unermüdlich für unsere Kolleginnen und Kollegen an den Gymnasien und für unsere Schulart ein und bauen auf Ihre Unterstützung.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein frohes Weihnachtsfest und fürs neue Jahr Gesundheit und Erfüllung im privaten wie im beruflichen Bereich.
Mit kollegialen Grüßen aus Stuttgart
Bernd Saur, Vorsitzender PhV BW

Beiträge in dieser Ausgabe:

Editorial (B. Saur)

Preisverleihung 'Cool Mint'

Bodenseetreffen Überlingen - Vorstandstreffen (A. Horn)

Bodenseetreffen Überlingen - Schulerfolg von Migranten (B. Röder)

Bodenseetreffen Überlingen - Vergleichsarbeiten (A. Horn)

Unterrichtsversorgung 2006 bis 2011 (A. Horn) (Download als PDF-Dokument)

Eckpunkte für die neue Gemeinschaftsschule

PhV-Stellungnahme zur Grundschulempfehlung

Aus dem Hauptpersonalrat (A. Laur)

Thema aktuell: GRÜNE (S. Boser)

Zum 70. Geburtstag von Karl-Heinz Wurster (H.-E. Giebel)

Nachruf auf Adolf Schmid (H.J. Hildenbrand)

Zum 80. Geburtstag von Karl-Heinz Petzoldt (R. Scholl)

Personalräteschulung Nordbaden (W. Bös)

Verbesserungen im Mitbestimmungsrecht - Forderungen des PhV BW (C. Santelmann)

SVV Untermarchtal M. Biehahn

Fragen zum Dienstrechtsreformgesetz Teil 3 (A. Laur)

www.phv-bw.de