Editorial

Verehrte Leserin, verehrter Leser,

dass neu gewählte Regierungen die jeweilige Vorgängerregierung beschuldigen, nicht all ihre Vorhaben solide finanziert zu haben, ist - so denn der Nachweis hierüber seinerseits solide ist - durchaus legitim. Peinlich wird es dann, wenn sich ein Jahr nach Regierungsübernahme herausstellt, dass man den Koalitionsvertrag ohne Berücksichtigung der Finanzierbarkeit der eigenen Vorhaben geschrieben hat. Die grün-roten Koalitionäre können diesen ihren kapitalen Einstiegsfehler nicht länger verschweigen, denn die hieraus abgeleiteten Sparvorgaben an die einzelnen Ressorts (je 10%) führen - so zumindest im Falle des Kultusministeriums - zu Konfusion und einem verzweifelten Ringen nach einer klaren Linie. Die Kultusministerin hatte den Kampf gegen den Unterrichtsausfall ganz oben auf ihrer Prioritätenliste platziert. Wer daher annahm, dass diese Position mit genügend Mitteln versehen wurde, musste sich verwundert die Augen reiben, als bereits im 1. Quartal 2012 seitens des Kultusministeriums festgestellt wurde, dass die für das gesamte Kalenderjahr veranschlagten Mittel für Krankheitsvertretungen bei weitem nicht ausreichen würden. Ministerpräsident und Finanzminister konnte nicht klar gemacht werden, welchen enormen Flurschaden und Verlust an Glaubwürdigkeit die sodann verfügte Deckelung der Mittel bewirken würde. In mindestens einem Regierungsbezirk konnten keine Verträge mehr für Vertretungslehrkräfte abgeschlossen werden, was allenthalben ungläubiges Kopfschütteln - nicht zuletzt bei den Eltern - auslöste. Durch eine Notzuteilung wollte man dem Protest begegnen, doch war die Summe so gering, dass besagtes Regierungspräsidium sein Verbot für den Abschluss weiterer Verträge ganz einfach aufrechterhielt.

Doch damit nicht genug. Kaum war diese Kuh nicht vom Eis, wurden Ende April weitere unsägliche Sparmaßnahmen verfügt: Verschiebung der Ausschreibung einer geplanten Tranche für Schulpsychologen sowie massive Streichungen im Bereich der Ausbildung von Beratungslehrkräften.

Unsäglich, weil erstens den eigenen hehren politischen Ansprüchen diametral entgegengesetzt und zweitens ineffizient und eine Zumutung für all diejenigen Beschäftigten, die seit Monaten mit den Vorarbeiten inklusive Bewerbergesprächen beschäftigt waren und jetzt frustriert feststellen müssen, dass sie für den Papierkorb gearbeitet haben, wofür sich der Rechnungshof offensichtlich weniger interessiert.

Zusammen mit dem Finanzministerium interessiert sich der Rechnungshof hingegen sehr viel stärker für die Frage der Bugwellenstunden. Diese erweisen sich seit Jahren als überaus flexibles und bedarfsgerechtes Instrumentarium zur Vermeidung von Unterrichtsausfall. Im Gesamtvolumen von über 1.300 Deputaten waren gymnasiale Lehrkräfte bereit, Überlasten zu schultern, häufig genug verbunden mit der Gefahr gesundheitlicher Risiken. Obwohl eine gesetzliche Verpflichtung auf zeitnahe Rückgabe dieser Überstunden besteht, ist dies in der Bedarfsplanung der Ministerin nicht vorgesehen. Anstatt durch eine gezielte Planung für die Rückgabe von Bugwellenstunden einen möglichst breiten Einstellungskorridor zu garantieren, wird - nach Einführung einer Meldepflicht für Überstunden im September 2011 - jetzt ein Genehmigungsverfahren eingeführt.

So stellt sich Anfang Mai die Situation der Unterrichtsversorgung wie folgt dar:

Keine Veröffentlichung des längst bekannten Ersatzbedarfs inklusive Übertrittsquoten, minimalistische Stellenausschreibung, völlige Unklarheit über Einstellungskontingente, Verbot bzw. massive Einschränkung von Vertretungslehrerverträgen, Genehmigungspflicht für Überstunden.

Qualifizierte Referendarinnen und Referendare und nicht zuletzt solche mit MINT-Fächern haben angesichts dieser undurchschaubaren Situation längst begonnen, sich in anderen Bundesländern und im benachbarten Ausland umzuschauen. Dort wird man sich freuen, auf Kosten des baden-württembergischen Steuerzahlers exzellent ausgebildete junge Lehrerinnen und Lehrer, insbesondere in begehrten Fächern, rekrutieren zu können. Konfusion führt zu Emigration - allerdings im Sinne eines folgenschweren Braindrain.

Allerdings würden die Wissenschafts- und die Kultusministerin hier widersprechen, denn beide betrachten ja bekanntlich die Gymnasiallehrerausbildung als defizitär. Wer Schulsystem und Lehrerausbildung ideologisch denkt, bedient bereitwillig die ebenso abgedroschene wie falsche Mär vom pädagogisch suboptimal ausgebildeten Gymnasiallehrer. Von der Sorge getrieben, "dass die richtigen Menschen Lehrer werden" - ein Anliegen, das nicht wenigen Zeitgenossen mit Blick auf beispielsweise Politikerinnen und Politiker ebenfalls stark am Herzen liegt - soll eine Expertenkommission Wege aufzeigen, wie "die Lernkonzepte der Gemeinschaftsschule künftig in der Lehrerbildung eine bedeutende Rolle spielen". Konfusion auch hier, denn bekanntlich warten wir ja alle nach wie vor gespannt auf die pädagogischen Leitlinien für die Gemeinschaftsschule, deren "Lernkonzepte" bislang nichts anderes sind als eine variable Mixtur vermeintlich und vorgeblich innovativer Methodenkniffs, die bislang in unterschiedlicher Ausprägung in vor allem exklusiv ausgestatteten Privatschulen zur Anwendung kommen, denen es bislang erspart blieb, ihre Langzeittauglichkeit unter Beweis zu stellen.

Der Wegfall der Verbindlichkeit bei der Grundschulempfehlung hat zu einem weiteren Anstieg der Übergangsquote aufs Gymnasium geführt. All diese Eltern scheinen die hervorragende Kompetenz der gymnasialen Lehrkräfte sehr viel stärker wertzuschätzen als die beiden Ministerinnen, denn sie haben sich bewusst für die Schulart Gymnasium entschieden. Die zehnköpfige Expertenkommission ist nicht die erste, die vom Kultusministerium einberufen wird. Den Kommissionsmitgliedern liegen selbstverständlich alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen fachwissenschaftlicher Kompetenz von Lehrkräften und dem Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern vor. Wir werden mit Interesse verfolgen, inwieweit die Erwartungshaltung der Auftraggeberinnen Raum dafür lässt, diesen Erkenntnissen den ihnen gebührenden Stellenwert zuzugestehen.

Kommissionsmitglied und Privatschulbetreiber Fratton ironisierte bei der Auftaktveranstaltung für die Gemeinschaftsschule im November 2011 in Ludwigsburg gegen den Beruf des Lehrers. Er sagte, man brauche Lernbegleiter und was man bekomme seien Lehrer. Müsste er nicht folgerichtig den Vorschlag einbringen, anstatt vom "Lehramt" künftig vom "Studium der Lernstandsdiagnostik und Lernbegleitung" zu sprechen. So könnten alle im Land den Leuchtstrahl der Innovation mit Worten erfassen!

Mit kollegialen Grüßen aus Stuttgart

Ihr Bernd Saur , Vorsitzender PhV BW

Beiträge in dieser Ausgabe:

Editorial (B. Saur)

Podiumsdiskussion zur Bildungspolitik in Filderstadt: Saur/Warminski-Leitheußer (K. Nowotzin)

22 Modellschulen starten 2012/2013 für G9 (A. Horn)

Ergebnis einer Umfrage zum G9-Bedarf

StZ-Interview mit B. Saur (PhV) 5. April 2012 (R. Allgöwer)

KM-Stellungnahme zum Artikel von S. Stärr (M. C. Hermann)

Podiumsdiskussion zur Gemeinschaftsschule in Bad Saulgau:
Bericht (A. Horn) und
Kommentar (C. Santelmann)

Thema aktuell - CDU (P. Hauk MdL)

Diskussion über Gemeinschaftsschule: SPD Bisingen - PhV Santelmann (Hohenzollerische Zeitung Hechingen / Südwestpresse Ulm 2. April 2012)

Gespräch PhV - Grüne (A. Laur)

Gespräch PhV - Junge Union (A. Laur)

Frühjahrstagung: Berufspolitischer Ausschuss des DPhV (A. Laur)

Schultrojaner vom Tisch (A. Horn)

Expertenkommission Lehrerbildung (A. Horn)

Treffen des "Aktionsbündnis gegliedertes Schulwesen" mit dem Elternverein Baden-Württemberg in Stuttgart (H.-E. Giebel)

Aktuelles aus dem HPR (A. Laur)

Kompetenzorientierung: Positionen des PhV BW (K. Nowotzin)

Fragen zum Dienstrechtsreformgesetz Teil 6 (A. Laur)

Treffen der nordbadischen Pensionäre im PhV (A. Laur)





Beiträge in dieser Ausgabe:

www.phv-bw.de