Editorial

Verehrte Leserin, verehrter Leser,

die Teilnehmer an der eintägigen Ludwigsburger Auftaktveranstaltung zur Lehrerbildung am 27. Juni 2012 brauchten wahrlich über keine prophetischen Fähigkeiten zu verfügen, um zu erahnen, welche Empfehlungen die als unabhängig bezeichneten, de facto jedoch handverlesenen und mit einer klaren Zielsetzung beauftragten Experten abgeben würden. Nicht umsonst ist im Koalitionsvertrag vom Stufenlehrer die Rede. Nun, die "acht externen Sachverständigen" - extern, da alle nicht aus Baden-Württemberg - haben ihre Auftraggeber nicht enttäuscht! Für die Einheitsschule schlagen sie folgerichtig den Einheitslehrer vor, wobei die Verwendung des Begriffs "Lehrer" durch die Experten und das Kultusministerium irreführend ist, soll doch der uns bekannte Lehrer durch den Lernbegleiter (manchmal auch als Gestalter von Lernumgebung bezeichnet) ersetzt werden. Übrigens seltsam, dass man nicht durchgehend bei der eigenen Nomenklatur bleibt!

Im Rahmen einer "Fachtagung Lehrerbildung" am 7. Mai 2013 in Stuttgart wurden die Empfehlungen der Expertenkommission vorgestellt und diskutiert. Die Kommissionsvorsitzende, die Berliner Grüne Sybille Volkholz (langjährige stellvertretende GEW-Vorsitzende in Berlin) erläuterte eingangs die Kernpunkte der Empfehlungen. Man sei vom Zwei-Säulen-Modell ausgegangen und habe sich nur auf die erste Phase der Lehrerausbildung konzentriert. Letzteres impliziert leider, dass die Dauer des Referendariats gar nicht in die Überlegungen einbezogen werden konnte. Kultusminister Stoch begründet die Notwendigkeit der so tiefgreifenden Reform mit dem zu erwartenden 25-prozentigen Schülerrückgang, auf den man rechtzeitig reagieren müsse. Aber für niemanden ist nachvollziehbar, wie daraus die Abschaffung der klassischen Gymnasiallehrerausbildung gefolgert werden kann.

Der künftige Einheitslernbegleiter, ein wahrer Alleskönner, soll seine mindestens zwei Fächer auf gymnasialem Niveau von Klasse 5 bis zum Abitur unterrichten können. Woher nimmt man die Gewissheit, so fragen sich viele, dass dies alle können und wollen? Wer an einer Pädagogischen Hochschule studiert, trifft diese Wahl ganz bewusst. Er entscheidet sich bewusst gegen ein fachlich deutlich anspruchsvolleres Studium an der Universität und konzentriert sich auf die Aufgabe derjenigen Schulart, an der er unterrichten möchte. Wer nach dem Abitur ein Lehramtsstudium an der Universität aufnimmt, will neben pädagogischen und fachdidaktischen Fähigkeiten das national und international anerkannt hohe Niveau des baden-württembergischen Gymnasiums an fachlicher Kompetenz anstreben. Eine Übernahme der Empfehlungen würde entweder zu einer klaren Absenkung des fachlichen gymnasialen Standards oder aber dazu führen, dass längst nicht all diejenigen, die sich jetzt für ein PH-Studium entscheiden, ein solches Einheitslehrerstudium aufnehmen würden, was zu einem Bewerbermangel führen würde. Im Sinne einer Angleichung an andere Bundesländer und so manches Nachbarland wird man wohl ersteres klammheimlich einkalkulieren.

Zu klären wäre auch die Gestaltung der Bezahlung des Einheitslehrers, da nach den Empfehlungen der Expertenkommission etwa Dreiviertel aller Lehrkräfte eine höhere Qualifikation erwerben. Sollen diese auch entsprechend ihres höheren Niveaus entlohnt werden? Oder werden dann alle Lehrkräfte auf niedrigerem Niveau eingestuft? Auch hier darf man bei einer Landesregierung, die eine Sparorgie ohnegleichen veranstaltet, getrost eine Prognose wagen. Abiturienten, die bislang das gymnasiale Lehramt in Fächern wie Physik, Chemie oder Mathematik angestrebt haben, werden ihre herausragenden Fähigkeiten anderweitig zur Entfaltung bringen, d.h. sie werden kein Lehramtsstudium mehr aufnehmen, mit negativen Folgen für die Qualität unserer Schulen, d.h. für die Bildungschancen unserer Kinder. Die "am besten Geeigneten" kommen dann nicht mehr an die Schule.

Und wie wird die Arbeitsteilung bei denjenigen auf Gymnasialniveau ausgebildeten Lernbegleitern aussehen, die ihren Dienst an der Schule antreten? Wer wird den Hauptschulstandard, wer den Realschulstandard und wer den Gymnasialstandard "unterrichten" bzw. begleiten bzw. die jeweiligen Arbeitsblätter austeilen? Und wer wird bzw. darf in der gymnasialen Oberstufe wirken? Macht dann jeder alles oder gibt es Kollegen erster und zweiter Klasse? Bei gleicher Bezahlung versteht sich.

Hinter der Empfehlung, dass es ab Klasse 5 nur noch Gymnasiallehrer geben soll, sowie der stereotypen Bekundung des Kultusministers, wonach jeder Schüler "den jeweils bestmöglichen Schulabschluss" erreichen soll (als wäre dies heute nicht möglich!) steckt natürlich die Vorstellung von einer Steigerung der Akademisierungsquote. Bekanntlich bedeutet Bildungserfolg für Grün-Rot ausschließlich den direkten Weg Gymnasium-Abitur, während alle anderen Bildungsgänge im Umkehrschluss demnach Bildungsverlierer hervorbringen. Dies ist ein weiterer fundamentaler Irrtum der grün-roten Bildungspolitik, denn nicht nur Akademiker haben unser Land zu dem gemacht, was es heute ist. Ein international anerkanntes Markenzeichen Baden-Württembergs ist sein auf einem clever ausdifferenzierten beruflichen Schulwesen basierendes Handwerk und eine hierauf aufbauende Industrie. Dies hat sich bis in die USA herumgesprochen, denn genau darauf verwies Präsident Obama am 12. Februar 2013 in seiner Rede zur Lage der Nation, indem er Deutschland als Vorbild benannte.

Er bezog sich dabei bestimmt nicht auf die Schulsysteme notorischer innerdeutscher PISA-Verlierer. Und er meinte damit auch nicht Länder wie zum Beispiel Frankreich oder Spanien, wo man besichtigen kann, was der Mythos einer erzwungenen hohen Abiturienten- und Akademikerquote bewirkt: ein Heer von 23-jährigen arbeitslosen Akademikern, die keiner braucht und noch weniger adäquat bezahlen könnte bei einem gleichzeitigen Mangel an Handwerkern, Facharbeitern und Meistern. Die über 50 Prozent arbeitslosen jungen Spanier sind Opfer der populistischen Gleichheitsverheißung ihrer Regierungen, die in Verkennung von Realitäten und Notwendigkeiten ihre Jugend in eine Sackgasse geführt haben und führen.

Wenn Baden-Württemberg die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in ganz Europa hat, dann auch und gerade wegen des beruflichen Sektors, z.B. der dualen Ausbildung in seinem Schulsystem. Eine Akademisierungseuphorie kann sich schnell als süßes Gift einer egalitären Verführungsstrategie erweisen: süß ist die Verführung, das Gift wirkt später!

Mit kollegialen Grüßen aus Stuttgart,

Ihr Bernd Saur
Vorsitzender PhV BW

Beiträge in dieser Ausgabe

Editorial (B. Saur)

Vorankündigung Bodenseetreffen Bregenz (PDF)

Salzburger Treffen (PDF)

Rückblick Tarifrunde 2013 (U. Kampf)

Beamtenbesoldung (A. Horn)

Anrechnungsstunden (A. Horn)

PhV-Gespräch mit Kultusminister Stoch (K. Nowotzin)

Arbeitnehmernachmittag (U. Kampf)

Thema aktuell FDP (Dr. Timm Kern)

Aktuelles aus dem HPR (A. Laur)

Arbeitsgemeinschaft gymnasialer Eltern (S. Stärr)

Lohndumping (A. und A. Wessel)

Reisekostenerstattung (A. Horn; PDF)

Fragen zum Dienstrechtsreformgesetz Teil 11 (A. Laur)

www.phv-bw.de