Verschläft Baden-Württemberg das 21. Jahrhundert?

Informatiklehrerinnen und -lehrer in Baden-Württemberg (ILLBW) fordern ein Fach Schulinformatik

Leonore Dietrich und Urs Lautebach, Sprecherin und zweiter Sprecher der Informatiklehrerinnen und -lehrer in Baden-Württemberg (ILLBW), begründen in einer Stellungnahme die Forderung der Fachgruppe nach einem Schulfach Informatik, das durchgängig unterrichtet wird.

Weitere Informationen zum Thema Schulinformatik sind nachzulesen auf der Internetseite der Fachgruppe der Informatiklehrerinnen und -lehrer in Baden-Württemberg (ILLBW) http://www.ill-bw.de/tmp/, einschließlich der Stellungnahme zum Bildungsplan 2015 unter http://www.ill-bw.de/tmp/Stellungnahme_ILLBW_BP15.pdf.

Vorbemerkungen

Ob wir wollen oder nicht - schon heute leben wir in einer Informationsgesellschaft. Als Erwachsene und Pädagogen müssen wir aber eingestehen, darauf nicht vorbereitet zu sein. Viele von uns verstehen die Technik kaum und verharren in ratloser Resignation: Solange der PC meine Mails anzeigt, bin ich zufrieden; Google funktioniert so schön, mehr möchte ich nicht wissen. Diese Haltung mündet in einer gefühlten, aber durchaus realen Hilflosigkeit gegenüber der Informationstechnik.

Wer von Informatik keine Ahnung hat, kann in einer Informationsgesellschaft durchaus leben - aber eben nur als Konsument. Er kann die Systeme nutzen, die andere für ihn denken, entwerfen, bauen und bewirtschaften. Aber er kann sie weder verstehen noch hinterfragen, nicht kompetent auswählen und schon gar nicht nach eigenen Vorstellungen anpassen.

Eine reine Bedienerschulung vermittelt nämlich neben den praktischen Fertigkeiten leider auch die Grunderfahrung, dass Software immer fertig, undurchschaubar, beinahe möchte man sagen: gottgegeben ist. Diese Intransparenz mündet in einem Gefühl der Machtlosigkeit: "Word will heute irgendwie nicht" oder "Die Viren sind nun mal auf dem Computer, keine Ahnung, woher schon wieder".

Medienkunde, ITG und Informatik

Hinsichtlich der inhaltlichen Abgrenzung dieser Fächer herrscht eine weit verbreitete Fehlvorstellung: Medienkunde, ITG und Informatik seien scheinbar dasselbe und könnten einander ersetzen. Medienbildung steht als pars pro toto und soll die ganze Bandbreite von Medienethik bis hin zur wissenschaftlichen Modellbildung aufspannen. Das ist ein fundamentaler Irrtum.

So relevant und zeitgemäß Medienbildung ist, ist sie doch inhaltlich auf einer ganz anderen Ebene verortet als die Wissenschaft Informatik. Medienbildung behandelt die Frage, was man mit Medieninhalten tun kann, soll und darf: Was darf ich legal herunterladen, verbreiten, verwenden, anderen zeigen? Was sollte ich bei Facebook posten, was nicht? Wie schneide ich einen Film? Sie vertritt damit einen pädagogischen Ansatz, die Informatik hingegen einen wissenschaftlichen. Informatik bildet heute die wissenschaftliche Grundlage und damit Problemlöseansätze für die großen Herausforderungen unserer zunehmend digitalisierten Gesellschaft.

Eine solide unterrichtete Medienkunde braucht die souveräne Bedienung von Computern und Software als Unterbau. Diese Bedienerschulung ist Teil und Aufgabe der "Informationstechnischen Grundbildung" (ITG). Von "Einloggen" über "Ordnerstruktur navigieren" und "Text formatieren" bis "E-Mail verschlüsseln" geht es in der ITG darum, wie man Informatiksysteme bedient. Derartige Fertigkeiten werden heute zunehmend als unverzichtbar angesehen, manchmal ist schon von "Kulturtechniken" die Rede. Und es ist durchaus sinnvoll, mit dem Training dieser Fertigkeiten früh zu beginnen. Aber es sind eben Fertigkeiten -- keine Bildungsgüter.

Auch anderen Inhalten schreiben wir erst dann einen Bildungswert zu, wenn sie erstens langlebig, und zweitens auf viele Situationen übertragbar sind (vgl. fundamentale Ideen nach J.S. Bruner [1], adaptiert für die Informatik von A. Schwill [2]). Guter Informatikunterricht hält dieser Prüfung stand: Er zeigt Konzepte, die seit vielen Jahrzehnten gültig sind und noch ebenso lange Bestand haben werden; er erklärt die Systeme, die sich im Alltag der Schüler sowieso überall finden und ihr Leben beeinflussen. Er macht die Entstehung selbst geschriebener Programme erlebbar, er entzaubert Hardware, Netzwerke, Datenbanken, Routenplaner und Verschlüsselungen. "Networking-Erziehung" gehört jedoch nicht dazu: Wer weiß schon, ob Facebook im Jahre 2040 die Welt beherrscht, oder als Tochterfirma der Bertelsmann-Gruppe endet? Die technischen Grundlagen aber werden bleiben. Es wird dann immer noch Algorithmen, Speicher, Netzwerke, Programme und Programmierer geben.

Die nebenstehende Abbildung verdeutlicht das: Die Informatik liefert für die anderen Fächer eine Grundlage in Form stabiler Gesetzmäßigkeiten für Aufbau, Konstruktion und Funktion
von Computern und Software. Darauf ruht die ITG: Sie behandelt die Bedienung dieser Systeme. Die Medienkunde ragt als oberste Schicht aus dem Wasser heraus und ist damit "Wind und Wetter" am stärksten ausgesetzt - also ständigen Veränderungen unterworfen.

Informatik als Fach

Neben einem breiten und tiefen Fachwissen, von dem die Lernenden einen Teil durchaus (wie in anderen Fächern auch) wieder vergessen, vermittelt Informatikunterricht vor allem das Erlebnis, Informatiksysteme eben auch beherrschen statt nur bedienen zu können. Dieses Erlebnis kann nicht hoch genug bewertet werden; es steht auf einer Stufe mit dem Erwerb einer Fremdsprache, dem Kennenlernen der Naturgesetze oder dem Erlernen einer Sportart.

Auch Biologie, Chemie und Physik entzaubern einen Teil unserer Welt, nämlich die Natur und die Maschinen um uns herum. Keine Schule entlässt ihre Schüler mit der Vorstellung, Motoren würden etwa durch kleine Wichtel angetrieben, oder Bäume wüchsen durch Priestersegen. Auch wer Oxidationsreaktionen und Zellteilung wieder vergessen hat, behält diese Erfahrung: Die Natur ist erklärbar. Sie ist verstehbar. Es geht in unserer Welt mit rechten Dingen zu! Es ist keine Magie im Spiel, sondern jeder kann dieses Wissen erwerben.

Auch wenn dieses Wissen tiefer reicht, sollen die oben genannten Fertigkeiten nicht gering geschätzt werden. Die Erfahrung der letzten 13 Jahre zeigt aber, dass man fachfremden Lehrkräften damit sehr viel zumutet, und auch junge Referendare gehen mit Standardsoftware bei weitem nicht so versiert um, wie man das erwarten würde. In der Regel wird daher auch der ITG-Unterricht bei dafür ausgebildeten (Informatik-)Lehrkräften besser aufgehoben sein. Die sollten also durchaus auch die Vermittlung von Fertigkeiten im Blick haben; ihre wichtigste Aufgabe bleibt aber die Vermittlung des Fundaments darunter. Voraussetzung ist in jedem Fall eine entsprechende Ausstattung des Faches mit Kontingentstunden, qualifizierten Lehrern und curricularen Standards.

Ohne Informatik kann man die Welt des 21. Jahrhunderts nicht verstehen.

"... so viel Zeit vor dem Computer?"

Den "Medienkonsum" unserer Jugendlichen sehen wir mit einer Portion Skepsis, und sie verbindet sich mit unserer technischen Hilflosigkeit zu einer weit verbreiteten Abwehrhaltung: Informatik? Noch mehr Computer? Jetzt auch noch in der Schule? Muss das sein?

Diese Haltung legt ein fundamentales Missverständnis offen. Ein guter Teil des Informatikunterrichts findet ohne Rechner statt. Vor allem aber stellt er gerade nicht "Konsum" dar, sondern verlangt die intellektuelle, intensive, oft äußerst kreative Beschäftigung mit technischen Systemen und logischen Zusammenhängen.

Im Gegenteil öffnet gute Informatik gerade einen Weg heraus aus der Rolle des IT-Konsumenten. Idealerweise ermächtigt und ermutigt sie die Schüler, sich mit den im Fach erlernten Mitteln kreativ auszudrücken und damit einen Teil ihres Lebens selbst zu gestalten, anstatt es von anderen gestalten zu lassen.

Baden-Württemberg braucht Informatik als Pflicht(Schul)fach

Da die Stundentafel nicht wachsen kann, müssen Stunden anderer Fächer umgewidmet werden. Das ist bitter, aber auch diese anderen Fächer können ihren Auftrag besser erfüllen, wenn die Schüler das Wissen ihrer Zeit von Grund auf lernen. So schwierig es auch sein mag, ein neues Fach in der Schule zu etablieren -- die Modernisierung des Curriculums darf in diesem Punkt nicht schon wieder auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Dass 2004 keine Schulinformatik kam, war bei allem Verständnis für die damalige Situation ein Fehler. Wir wissen heute, dass die Entwicklung ungebremst weiter ging, und weiter gehen wird. Informatik muss daher an allen Schularten, verpflichtend, für alle Schülerinnen und Schüler und von fachlich erstklassig ausgebildeten Kräften gelehrt werden. Das Fach muss früh einsetzen, damit insbesondere Mädchen noch vor der Pubertät damit in Kontakt kommen; es muss durchgängig unterrichtet werden, damit es seinem Allgemeinbildungsauftrag in Breite und Tiefe gerecht werden kann. Unsere Aufgabe ist es, Kinder auf ihre Zukunft vorzubereiten. Ohne Informatik verstehen sie höchstens die Welt von gestern.

Quellen

[1] Bruner, J.S.: "The process of education", Cambridge Mass. 1960 (dt.
Übers.: "Der Prozeß der Erziehung", Berlin 1970)

[2] Andreas Schwill: "Fundamentale Ideen der Informatik"
(http://ddi.cs.uni-potsdam.de/Forschung/Schriften/ZDM.pdf, Stand 29.03.2015)



 

www.phv-bw.de