Editorial

Verehrte Leserin, verehrter Leser,

das "KMK-Abitur" bewegt die Gemüter. Um das Abitur in Deutschland vergleichbarer zu machen, können die Bundesländer seit der Abiturprüfung 2017 Aufgaben aus einem von den Ländern bestückten Aufgabenpool entnehmen. Diese Maßnahme macht uns jedoch bislang wenig Freude.

Wurden letztes Jahr im baden-württembergischen Weilimdorf Abituraufgaben entwendet, so geschah dasselbe dieses Jahr in Niedersachsen. Die Kultusministerien mussten sich in der Disziplin Krisenmanagement üben, um Schlimmstes abzuwenden. Die Frage ist: müssen wir damit rechnen, dass künftig jedes Jahr irgendwo in Deutschland die Abituraufgaben gestohlen werden? Und was passiert, wenn ein solcher Diebstahl in der Nacht vor der Prüfung stattfindet und ein Austausch der Aufgaben nicht mehr möglich ist? Entfällt dann der Prüfungstermin in ganz Deutschland und die Abiturienten werden nach Hause geschickt? Könnte man sich dann angesichts der länderspezifischen Zeit- bzw. Ferienpläne überhaupt noch auf einen gemeinsamen Nachtermin einigen?

Nicht weniger brisant ist die Frage der Korrekturzeiten. Sie beschäftigt den Hauptpersonalrat am Kultusministerium seit dem ersten "KMK-Abitur" im letzten Jahr. Unser dreistufiges Korrektur- verfahren benötigt inklusive Umschlagtage eine Mindestzeitdauer, damit die Belastung für die korrigierenden Kolleginnen und Kollegen vertretbar ist. Aufgrund der deutschlandweit festgelegten Prüfungstermine in den vier vorläufig benannten "Entnahmefächern" werden nun in Baden-Württemberg in einzelnen Fächern die Korrekturzeiten so kurz (2017 in Französisch, 2018 in Mathematik), dass sich die Frage der Zumutbarkeit stellt.

Die Öffentlichkeit in Deutschland geht davon aus, dass alle Länder zum Zwecke einer höheren Vergleichbarkeit in einem Fach eine bestimmte Aufgabe entnehmen. Dem ist aber nicht so. So wurde beispielsweise fürs Englisch-Abitur 2018 der via Petition durch die Abiturienten massiv kritisierte fremdsprachliche Text nur von Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg entnommen. Und selbstverständlich geht es dabei nicht allein um den Text selbst. Wenn von Vergleichbarkeit die Rede ist, so muss verglichen werden, welche Aufgabenstellung denn mit dem Text verknüpft war. Bildete er die Grundlage für eine Leseverstehensaufgabe oder sollte der Text zusammengefasst werden? Auch kann die Frage der Rahmenbedingungen, also zum Beispiel der zur Verfügung gestellten Hilfsmittel sowie der gewährten Arbeitszeit nicht ausgeblendet werden. Wenn verglichen werden soll, dann schon umfassend und nicht nur einzelne Elemente. Berechnungen zufolge umfasst die jetzt praktizierte Entnahmepraxis aus dem IQB-Aufgabenpool eine Gemeinsamkeit von 5 Prozent bezogen auf die gesamte Abiturnote.

Jenseits der Prüfungsaufgaben unterscheiden sich bekanntlich die Abiturmodalitäten der Bundesländer, also beispielsweise die Notentabellen, die Belegungs- und Einbringungspflichten gewaltig. Hiervon, also von der Qualifizierungsphase (zweijährige Kursstufe), die etwa zwei Drittel der Abiturnote ausmacht, ist nirgends die Rede. Auch die seit vielen Jahren zu beobachtende Noteninflation in Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Berlin hat die Kultusminister offensichtlich nicht interessiert.

Vor diesem Hintergrund lässt die Feststellung des amtierenden KMK-Präsidenten Helmuth Holter (Die Linke), wonach sich der Pool-Weg bewährt habe, den geneigten Beobachter unweigerlich zweifelnd aufhorchen. Liegt hier vielleicht eine Wahrnehmungsstörung vor oder hat sich der thüringische Kultusminister nur oberflächlich mit der Thematik beschäftigt? Wir wollen nicht unterstellen, dass er deshalb keine Probleme sieht, weil seine thüringischen Abiturienten mit einem Abiturschnitt von 2,1 bundesweit am besten abschneiden (fast 50 Prozent haben eine 1 vor dem Komma) und sich deshalb bei der Vergabe zum Beispiel der Medizinstudienplätze über einen klaren Vorsprung freuen dürfen. Zum Vergleich: in Baden-Württemberg beträgt der Abiturschnitt seit langem konstant 2,3 und in Niedersachsen 2,6.

Kultusministerin Dr. Eisenmann sagte in einem Interview mit der Wirtschaftswoche am 28. 12. 2017:

"Gerade die SPD-geführten Länder wehren sich gegen zu viele gemeinsame Standards. Aber wir arbeiten weiter daran, dass das Abitur deutschlandweit vergleichbarer wird." Wir stellen also fest: Bei den Kultusministern scheinen alle Varianten vertreten zu sein. Man befände sich auf dem richtigen Weg (Pool sei der erste Schritt in die richtige Richtung), den letzten Schritt wolle man aber nicht tun, denn deutschlandweite Bildungspläne seien undenkbar, der Weg habe sich bereits bewährt, der Bildungswettbewerb sei der richtige Weg, einige Bundesländer blockieren.

Darf so ein verantwortungsvolles, konzertiertes Wirken der KMK aussehen? Wurde die KMK hierfür installiert? Werden die Damen und Herren auf diese Weise ihrer Verantwortung für unsere jungen Menschen gerecht? A propos "gerecht". Den Begriff "Gerechtigkeit" strapazieren sie nur allzu gerne (Chancengerechtigkeit, Bildungsgerechtigkeit etc.). Nach jahrzehntelangen Versäumnissen wäre es nunmehr allerhöchste Zeit, salbungsvollen Bekenntnissen handfeste, praktikable, vernünftige Lösungen folgen zu lassen. Unsere jungen Menschen wollen Taten sehen. Worte haben sie genug gehört.

Mit kollegialen Grüßen aus Stuttgart

Ihr Bernd Saur

Vorsitzender PhV BW

 

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