Aus dem Bericht der Rhein-Neckar-Zeitung vom 16. 3. 2018 und des Stadtanzeigers Mosbach vom 22. 3. 2018

"Schiff" Bildungspolitik schwimmt auch durch schwere See

Kultusministerin Susanne Eisenmann zu Gast - Bekenntnis zum Leistungsanspruch

Von Brunhild Wößner

Mosbach. "Das Schiff schwimmt", stellte Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport, im Verlauf des Abends fest. Das Schiff sollte die Bildungspolitik des Landes symbolisieren. Zwar fahre es bildlich gesprochen manchmal durchaus in schwerer See, jedoch drohe es nicht zu sinken. In frei vorgetragener Rede stellte Eisenmann die Schwerpunkte der Bildungspolitik im Lande dar. Sie benannte klar die Problemfelder des Systems und bekannte sich entschieden zum Leistungs- und Qualitätsanspruch in den Schulen. Gleichzeitig bekräftigte sie den föderalen Anspruch des Landes in der Schulpolitik.

Baden-Württembergs "Qualitätsprobleme" entstünden laut Eisenmann als eine Folge von Untätigkeit. Der Abstieg erfolge nicht ruckartig, sondern schleichend. Zu lange habe man sich auf den Lorbeeren, leistungsmäßig in den oberen Rängen zu liegen, ausgeruht. Mit Schlagzeilen der Zeit wie "Bildungsland ist abgebrannt" bekomme man nun die Quittung. Nun gelte es, Stärken im System weiter zu entwickeln und Schwächen konsequent zu bekämpfen.

(Mit den richtigen Schwerpunkten im gut elf Milliarden Euro schweren Bildungsetat soll das Schiff sozusagen wieder auf Kurs gebracht werden. Jeder fünfte Euro im Landeshaushalt fließe in die Bildung. Der Nachholbedarf sei groß, gemessen an den Maßstäben, die in Bayern oder Sachsen gelten würden. Im deutschlandweiten Grundschulvergleich liegt jeder fünfte baden-württembergische Grundschüler der 4. Klasse in der Rechtschreibung und jeder sechste in Mathematik unterhalb des geforderten Standards. Insgesamt sei die "Versagerquote" doppelt so hoch wie in Bayern. Eisenmann fordert deshalb ein "schnelleres und strukturierteres Vorgehen", um die beklagten Defizite auszugleichen.

Eine modifizierte Neuauflage der Grundschulempfehlung sei dabei ein erster Schritt in diese Richtung. Der Einheitsschule bis zur sechsten Klasse mit anschließender Differenzierung erteilte sie eine klare Absage. Jene Länder, denen es gelungen sei, bildungspolitisch die oberen Ränge zu besetzen, hätten es verstanden, Bildungsbiografien für Kinder zu entwickeln, so Eisenmann. Und dies beginne bereits in der Kindertagesstätte. Die besagten Länder verpflichten nämlich die Eltern von Kindern mit sprachlichen und motorischen Defiziten, Unterstützungsangebote anzunehmen. Die Ministerin warnte davor, neben denjenigen, die Förderbedarf hätten, diejenigen, die unterfordert sind, zu vergessen.

Die promovierte Germanistin bekannte sich für Baden-Württemberg, dem Land, in dem in der Grundschule derzeit am wenigsten Diktate geschrieben würden, klar zu "Leistungsstanderhebungen". Rechtschreibung soll nicht nur in den Grundschulen von Anfang an richtig vermittelt werden, sondern auch in den höheren Schulen wieder in den fachfremden Arbeiten korrigiert werden. Wie man überhaupt auch an den Gymnasien wieder zu Grund- und Leistungskursen zurückkehre. Und ein Abitur ohne Mathematik oder Deutsch wird es mit Eisenmann künftig nicht mehr geben. Im Verlauf der Diskussion erhielt sie für ihre Positionen von Rektoren und dem Vorsitzenden des Landesphilologenverbandes, Bernd Saur, breite Zustimmung.

Dass die Schule heutzutage in weiten Teilen zum "Reparaturbetrieb der Gesellschaft" geworden sei, räumte Eisenmann ein. Sie beklagte, dass sich Eltern, über alle Gesellschaftsschichten hinweg, aus dem Erziehungsauftrag verabschiedet hätten. Als Stärke des baden-württembergischen Schulsystems sieht sie dessen "Durchlässigkeit" mit unterschiedliche Wege zum Abitur oder zur Ausbildung. Und die Realschule spiele im Land schon deshalb eine zentrale Rolle, weil sie die Eltern schätzen würden. Auch die Gemeinschaftsschulen mit ihrem pädagogischen Konzept fänden bei vielen Eltern Anklang. Sie seien allerdings nicht für jedes Kind und alle Eltern geeignet. Die CDU-Politikerin stuft die berufliche wie auch die akademische Ausbildung als absolut gleichwertig ein.

Um alle Maßnahmen greifen zu lassen, sei die wichtigste Voraussetzung aber, dass Unterricht überhaupt stattfinde. Ein großes Problem, dass sich dieser Maxime noch für einige Zeit in den Weg stelle, sei der eklatante Lehrermangel, der durch die anrollende Pensionierungswelle noch verstärkt würde. Alleine 5 000 offene Lehrerstellen gebe es im Land zu besetzen. Was aus der akademischen Lehrerausbildung auf den Bewerbermarkt gelange, sei aber nicht nur insgesamt zu wenig, sondern manchmal auch am Bedarf vorbei entwickelt. Engpässe bestünden bei den MINT-Fächern. Dabei habe man die Ausbildungskapazitäten deutlich erhöht. Nach Worten der Ministerin muss sich der Gymnasiallehrernachwuchs darauf einstellen, dass sich das Einsatzspektrum deutlich verbreitert.

Auch das 8. "Mosbacher Bildungsgespräch" stand am Ende im Zeichen eines echten "Meinungsaustauschs", den sich Richard Zöller, Mitorganisator und Mitglied im Arbeitskreis Bildung, eingangs gewünscht hatte. Zuvor hatte sich Prof. Dr. Albert Strecker, Prodekan der gastgebenden DHBW Mosbach, wieder über "einen vollen Audimax" gefreut. Bildung bewegt die Menschen eben auch in Mosbach, und so brachte das Gespräch mit folgendem, fast anderthalbstündigem Austausch, von Gabriela Fischer-Rosenfeld moderiert, ein Publikum aus allen Bereichen der Gesellschaft zusammen. Neben Pädagogen, Professoren, Rektoren und Schülern waren auch Bürgermeister und Kommunalpolitiker als Vertreter der Träger präsent. Ebenso auffallend wie wohltuend war die konstruktive und sachliche Atmosphäre des Abends, trotz teilweise unterschiedlicher Sichtweise und Perspektiven.

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