Einige Gemeinschaftsschulen sollen eine gymnasiale Oberstufe erhalten. Andere Schularten wollen das verhindern

Aus der Stuttgarter Zeitung vom 20. 3. 2018:

Die Gemeinschaftsschule ist Vertretern anderer Schularten schon lange ein Dorn im Auge. Jetzt nehmen sie die künftige Oberstufe an der "Schule für alle" ins Visier. Bei der Berechnung der nötigen Schülerzahlen gebe es Schummeleien, behaupten sie. Die im kommenden Schuljahr startenden Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen seien ein kostspieliges Experiment und führten zu Verwerfungen in der Schullandschaft, erklärten die Verbände der Berufsschul-, Realschul- und Gymnasiallehrer am Montag in Stuttgart.

Diese Oberstufen kämen durch "Trickserei" zustande, sagte die Landeschefin des Realschullehrerverbands, Karin Broszat. So dürften Gemeinschaftsschulen nicht nur die eigenen Schüler, sondern auch die der Nachbarschulen und der Umlandgemeinden einrechnen, um dadurch die erforderliche Zahl von mindestens 60 Schülern zu erreichen.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wies den Vorwurf zurück. "Die Schulaufsicht prüft die mögliche Einrichtung anhand abgestimmter Prognosekriterien, um stabile Schülerzahlen zu erreichen." Die Kriterien sind in einer Handreichung für die Regierungspräsidien festgehalten, auf deren Grundlage diese die zu erwartenden Schülerzahlen in der Oberstufe berechnen. Dabei können neben den Aspiranten der Gemeinschaftsschule auch Kandidaten aus Umlandgemeinden eingerechnet werden, wenn die beteiligten Kommunen zustimmen.

Die Bildungsexpertin der Landtags-Grünen, Sandra Boser, warnte vor einer Gegnerschaft der Schulen: "Neiddebatten sind völlig fehl am Platz und schaden allen." SPD-Fraktionschef Andreas Stoch sprach von einem Feldzug gegen die Gemeinschaftsschule zum Beginn der Anmeldewoche für die weiterführenden Schulen. Tricksen würde derzeit nur die CDU, indem sie unter Federführung von Eisenmann zusätzliche Hürden bei der Genehmigung einführe.

Der Berufsschullehrerverband argumentierte, dass Berufliche Gymnasien und Berufskollegs bereits Absolventen von Werkreal-, Realschulen und Abgänger allgemeiner Gymnasien zur Hochschulreife führten. Abgänger aus der Gemeinschaftsschule könnten problemlos integriert werden. Doppelstrukturen würden damit verhindert. Auch die Landtags-FDP wandte sich gegen "unnötige Konkurrenz". Nach Prognose des Philologenverbands werden die Gemeinschaftsschulen für ihre Oberstufe keine Gymnasiallehrer gewinnen. Schon jetzt sei es schwer, Lehrer für die unteren Klassen zu finden.

Aus einer Presseerklärung der FDP vom 12. 4. 2018 zu Schulverbünde und Gemeinschaftsschul-Oberstufen

Grün-Schwarz hebt ein Gemeinschaftsschul-Privileg auf und führt ein neues ein

Anlässlich einer Landtagsdebatte über Schulverbünde mit einer Gemeinschaftsschule freute sich der bildungspolitische Sprecher der FDP/DVP-Fraktion, Dr. Timm Kern, dass die Landesregierung mit einem Gesetzentwurf einem Antrag seiner Fraktion nachkomme. Gleichzeitig erneuerte Kern die Kritik seiner Fraktion an der Einführung von Gemeinschaftsschul-Oberstufen, für die der Gesetzentwurf ebenfalls Regelungen vorsieht. Kern: "Der Gesetzentwurf hebt die Bestimmung im Schulgesetz auf, dass Schulverbünde mit einer Gemeinschaftsschule grundsätzlich nicht zulässig sind. Hiermit war geradezu ein Schutzzaun um die Gemeinschaftsschule gezogen worden. Die Gemeinschaftsschule sollte nicht mit anderen Schularten wie beispielsweise einer Realschule zusammengehen. … "

Der Städtetag hatte den Kompromiss erkämpft, dass Schulverbünde mit einer Gemeinschaftsschule "ausnahmsweise" gebildet werden können, wenn "der Schulverbund eine zeitlich befristete Übergangslösung bis zur Schaffung der notwendigen Akzeptanz einer Gemeinschaftsschule ist." Die entsprechende Durchführungsverordnung sieht vor, dass das Kultusministerium den Schulverbund wieder auflösen kann, wenn "die Umwandlung zur Gemeinschaftsschule nicht innerhalb von fünf Jahren erfolgt ist."

Nach Ansicht von Timm Kern stellen aber gerade auch die Gemeinschaftsschul-Oberstufen eine besondere Form der Privilegierung der Gemeinschaftsschule dar. "Die ehemalige grün-rote Regierung Kretschmann I bewarb die Gemeinschaftsschule mit dem zentralen Versprechen, dass hier alle Abschlüsse erworben können, das Abitur eingeschlossen. Wenn heute eine Gemeinschaftsschule mit 'Hol dir dein Abi!' wirbt, dann ist das ein spätes Echo auf ein grün-rotes Wahlversprechen. In diesem Fall ist ein Privileg gegenüber den Realschulen, die Grün-Rot damals nur zu gerne in Gemeinschaftsschulen umgewandelt hätte - glücklicherweise weitgehend erfolglos", so Kern.

Kern weiter: "Die Gemeinschaftsschul-Oberstufen sind nicht nur kostspielig, und die für sie eingesetzten Mittel wären an anderer Stelle in unserem Bildungswesen wahrlich gut zu gebrauchen. Sie bringen vor allem ohne Not Unruhe in unser Bildungswesen. Sie machen den beruflichen Gymnasien Konkurrenz, ohne dass diese zu besseren Ergebnissen führen würde. …. Wir wiederholen deshalb unsere Forderung, auf die Gemeinschaftsschul-Oberstufen zu verzichten und mit den frei werdenden Mitteln die Beruflichen Gymnasien zu unterstützen."

http://fdp-dvp-fraktion.de/pressemitteilungen/kern-gruen-schwarz-hebt-ein-gemeinschaftsschul-privileg-auf-und-fuehrt-ein-neues-ein/?a=1


Gemeinsame Presseerklärung der Lehrerverbände in Baden-Württemberg vom 18. 3. 2018

"Oberstufe an der Gemeinschaftsschule durch Zahlenakrobatik"

Verbandsvorsitzende von BLV, RLV und PhV in Baden-Württemberg stellen klar:

Nach dem Regierungswechsel 2016 werden die Entscheidungen zur nur vereinzelten Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe für Gemeinschaftsschulen konsequent an klaren Kriterien festgemacht.

"Mindestens 60 Schülerinnen und Schüler zum Ende der Mittelstufe in absehbar langfristiger
Nachfrage braucht eine Gemeinschaftsschule weiterführend, um eine gymnasiale Oberstufe zu
generieren. Das ist eine transparente und nachvollziehbare Aussage und wir sehen die
Kultusministerin hierbei auf klarem Kurs", so die Verbandsvorsitzenden.

Es ist Zahlenakrobatik, wenn in die Prognosezahlen, exemplarisch abzulesen an der GMS Salem, nicht nur die eigenen Schülerinnen und Schüler, sondern im Rahmen der regionalen Schulentwicklung auch die der Nachbarschulen, der Schulen der Umlandgemeinden und hier insbesondere die zukünftigen Realschulabsolventen für deren geplante Oberstufe eingerechnet werden. Allein bis zu 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler der stark frequentierten Realschulen wollen sie addieren dürfen. Zusätzlich die Schülerschaften umliegender Gemeinschaftsschulen, die aber alle bereits vor Ort Zugang zu Gymnasien mit genügend Kapazitäten haben.

Herbert Huber (Landesvorsitzender des Berufsschullehrerverbands):

"Bereits kurz nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages warnte der BLV mit Nachdruck davor,
dass vor dem Hintergrund der wachsweichen Formulierungen im Koalitionsvertrag bei 9 Stadtkreisen
und 93 Großen Kreisstädten, immer neue Begehrlichkeiten im Hinblick auf eine Oberstufe an
Gemeinschaftsschulen geweckt würden. Daher muss die Diskussion über die Oberstufen an
Gemeinschaftsschulen endlich aufhören. Der BLV unterstützt ausdrücklich die Haltung der
Kultusministerin, die einen Ausbau ablehnt und sich öffentlich zu den Beruflichen Gymnasien bekennt
und sich für einen Weg einsetzt, der i.d.R. über die Realschulen auf die Beruflichen Schulen führt.
Siebzig Prozent der Schüler der Eingangsklassen auf den Beruflichen Gymnasien sind ehemalige
Realschüler. Dabei sollte man wissen, dass die Beruflichen Gymnasien und Berufskollegs bereits jetzt
schon Absolventen von Werkreal-, Real-, Berufsfachschulen und Abgänger allgemeiner Gymnasien
gemeinsam zur Hochschulreife führen. Künftige Absolventen der Klasse 10 der Gemeinschaftsschulen
könnten problemlos in die Beruflichen Gymnasien integriert werden, so dass unnötige und teure
Doppelstrukturen vermieden werden."

Karin Broszat (Landesvorsitzende des Realschullehrerverbands):

"Eltern der Realschülerinnen und Realschüler werden weiterführend weiterhin den
qualitätserprobten und leistungsstarken Weg über berufliche Gymnasien bzw. bestens bewährte
allgemeinbildende Gymnasien wählen. Denn gerade sie haben bewusst ihr Kind an einer Realschule
und eben nicht an einer Gemeinschaftsschule angemeldet. Wir verstehen, dass die hohen
Schülerzahlen der Realschulen die Fantasie der Oberstufenanhänger an der GMS anregt. Aber wir
wollen darauf hinweisen, dass man Schülerinnen und Schüler, die sicher den bewährten Weg wählen
werden, nicht doppelt rechnen kann, nur um dadurch zu einer günstigeren Zahlenprognose als
Voraussetzung zur Genehmigung einer Oberstufe zu gelangen. Das ist Trickserei!"

Bernd Saur (Landesvorsitzender des Philologenverbands):

"Die Einrichtung von Oberstufen an Gemeinschaftsschulen ist unnötig wie ein Kropf. Wir stellen die
Frage, wer denn die hiermit verbundene Verschleuderung von Steuergeldern durch Schaffung einer
unnötigen Parallelstruktur verantwortet. In einer solchen Oberstufe dürften nur gymnasiale
Lehrkräfte unterrichten. Wie aber gedenkt man diese zu rekrutieren, wenn man schon enorme
Schwierigkeiten hat, solche Lehrkräfte für die Klassen 5 bis 10 der Gemeinschaftsschulen zu
bekommen? Es ist im Übrigen so, dass viele der dort unterrichtenden gymnasialen Lehrkräfte lieber
heute als morgen an ein Gymnasium wechseln möchten, weil sie die Unterrichtsphilosophie der
Gemeinschaftsschule nicht länger verantworten können und wollen, man ihnen diesen Schritt aber
verwehrt, weil sonst das E-Niveau an der Gemeinschaftsschule gar nicht mehr realisiert werden
könnte.

Es ist unverkennbar, dass der Abstieg dieser Schulart längst begonnen hat: völlige Unklarheit über
den Leistungsstand der Schüler und damit die Leistungsfähigkeit der Schulart, als einzige Schulart
rückläufige Anmeldezahlen, bevorstehende Standortschließungen, massive Abwanderungstendenzen
bei den gymnasialen Lehrkräften. Und auf solch einen fragilen, erodierenden Unterbau soll eine
Oberstufe drauf gesetzt werden? Eine solche Maßnahme hat das Potential, zum Top-Flop der baden-
württembergischen Bildungspolitik zu werden.

Alle Bemühungen des Schönredens und der Schönfärberei, die die GMS-Traumtänzer inklusive des
Ministerpräsidenten (nach ihm sind die Gemeinschaftsschulen auf einem sehr guten Weg!) anlässlich
des Jubel-Festaktes zum fünfjährigen Bestehen der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg am
3.2.2018 geboten haben, entsprechen nur mehr einem verzweifelten Aufbäumen gegen das sich
abzeichnende Scheitern der von Grün-Rot 2012 eingeführten Schulart."

Dass nun auch noch ausgerechnet die Nachbargemeinden, welche bereits alle Schulen von
Gemeinschaftsschulen über Realschulen bis zu allgemeinbildenden und beruflichen Gymnasien
bereitstellen, die unnötige Installierung einer Gemeinschaftsschuloberstufe in einer öffentlich-
rechtlichen Vereinbarung befürworten sollen, ist nicht nachvollziehbar. Es wäre eine Befürwortung
zur Schwächung eigener Schulstandorte.

Die Oberstufen der beruflichen Schulen und allgemeinbildenden Gymnasien in der Region um Salem
und Friedrichshafen sowie andernorts in Baden-Württemberg sind bestens ausgestattet und bieten
den befähigten Realschulabsolventen alle Möglichkeiten, die Hochschulreife zu erlangen.

Abschließend stellen die Verbandsvorsitzenden fest: "Kostspielige Experimente und
Schulstrukturdebatten müssen jetzt endlich - wie versprochen - ein Ende haben. Eine auf
Zahlentrickserei gründende Oberstufe an Gemeinschaftsschulen würde erneut zu erheblichen
Verwerfungen in der Schullandschaft führen. Die Zeiten von kirchturmpolitisch befeuerten
Begehrlichkeiten in Verbindung mit ideologisch vererbter, schulpädagogischer Sehschwäche sollen
endgültig der Vergangenheit angehören".

Die Unterzeichnenden:

Herbert Huber
Landesvorsitzender des Berufschullehrerverbands BW (BLV)

Dr. Karin Broszat
Landesvorsitzende des Realschullehrerverbands BW (RLV)

Bernd Saur
Landesvorsitzender des Philologenverbands BW (PhV)

Siehe: https://www.phv-bw.de/joomla/presse-info/pressearchiv/204-2018/1887-oberstufe-an-der-gemeinschaftsschule-durch-zahlenakrobatik







 

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