PhV BW fordert zum Schuljahresbeginn nachhaltige Nachwuchssicherung, Umsteuerung bei der datengestützten Schulentwicklung und einen mündigkeitsorientierten Bildungsbegriff im KI-Zeitalter

10. September 2026

Pressemit­teilung des Philolo­gen­ver­bands Baden-Würt­tem­berg (PhV BW) zum Schul­jahresstart in Baden-Würt­tem­berg: Qual­ität sich­ern, Über­las­tung stop­pen, Bil­dung men­schlich gestal­ten

• Ein­stel­lungssi­t­u­a­tion und G9-Chance: Gute Lehrkräftev­er­sorgung päd­a­gogisch nutzen, endlich Ein­stieg in 115-%-Lehrkräfteversorgung und nicht unsere her­vor­ra­gend aus­ge­bilde­ten Absol­ventin­nen und Absol­ven­ten an andere Bun­deslän­der oder Berufe ver­lieren

• Datengestützte Schu­len­twick­lung: War­nung vor Fehls­teuerung durch starre Kenn­zahlen­fix­ierung; Dat­en als päd­a­gogis­ches Unter­stützungsin­stru­ment und als Weg­weis­er für ziel­gerichtete Maß­nah­men nutzen

• Bil­dung in Zeit­en von KI: Rückbesin­nung auf Mündigkeit, Urteil­skraft, Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung und eige­nen Lern­prozess, Risiken von kog­ni­tiv­er Schwächung durch unre­flek­tierte Nutzung von KI bewusst machen

Zum Start in das neue Schul­jahr fordert die Lan­desvor­sitzende des Philolo­gen­ver­bands Baden-Würt­tem­berg (PhV BW), Mar­ti­na Scher­er, auf der Lan­despressekon­ferenz des Ver­bands in Stuttgart grundle­gende Weichen­stel­lun­gen für die Schul- und Bil­dungspoli­tik im Land. Angesichts der anste­hen­den Her­aus­forderun­gen – von der G9-Rück­kehr über ausufer­nde Bürokratie (ohne neue Ressourcen!) bis hin zum ras­an­ten Einzug Kün­stlich­er Intel­li­genz – warnt der Ver­band vor kurzfristigem Ver­wal­ter­denken und fordert eine Rückbesin­nung auf den Kern gym­nasialer Bil­dung.

1. Ein­stel­lungssi­t­u­a­tion und G9: Die besten Köpfe nicht ziehen lassen!

Trotz jahre­langer Debat­ten über den Lehrkräfte­man­gel ste­hen zu diesem Schul­jahres­be­ginn erneut viele her­vor­ra­gend aus­ge­bildete Gym­nasiallehrkräfte ohne Anstel­lung da. Für motivierte Ref­er­en­darin­nen und Ref­er­en­dare, die eine lange und anspruchsvolle Aus­bil­dung hin­ter sich haben, ist das eine herbe Ent­täuschung. Es spricht sich in den Rei­hen der Lehramtsstudieren­den schnell herum, wenn Absol­ven­ten trotz vielfältiger päd­a­gogis­ch­er Auf­gaben in den Schulen auf der Straße ste­hen müssen. Damit ver­liert das Land den Anreiz für die Studieren­den der Zukun­ft, diesen großar­ti­gen Beruf anzus­treben.

„Unsere Ref­er­en­darin­nen und Ref­er­en­dare ste­hen bere­it, die hohe Qual­ität an unseren Gym­nasien zu sich­ern. Dass vie­len von ihnen nun erneut die Tore ver­schlossen bleiben, erzeugt Frus­tra­tion und Zukun­ft­säng­ste. Wenn wir die besten Nach­wuch­skräfte jet­zt ent­täuschen und an andere Bun­deslän­der ver­lieren, gefährden wir nach­haltig die Zukun­ft der gym­nasialen Bil­dung,“ kri­tisiert Mar­ti­na Scher­er, Lan­desvor­sitzende des PhV Baden-Würt­tem­berg.

Mit der schrit­tweisen Rück­kehr zum neun­jähri­gen Gym­na­si­um (G9) bietet sich dem Land jet­zt die ein­ma­lige Chance, eine echte Vertre­tungs- und Aus­gle­ich­sre­serve aufzubauen. Der PhV BW erneuert daher seine langjährige Forderung nach ein­er 115-prozenti­gen Lehrerver­sorgung. Die gute Lehrkräftev­er­sorgung muss genutzt wer­den, um die Bil­dungsqual­ität spür­bar zu stärken. Schulleitun­gen benöti­gen die eigen­ver­ant­wortliche Möglichkeit, freie Ressourcen flex­i­bel für kleinere Klassen, Teamteach­ing, Förderange­bote, Arbeits­ge­mein­schaften und Anrech­nun­gen für die vie­len inner- und außer­schulis­chen Auf­gaben einzuset­zen. Zudem fordert der Ver­band die Poli­tik auf, die Rück­gabe der (vor Jahren gestrich­enen) Stun­den im Ent­las­tungskon­ti­gent der Schulen zügig umzuset­zen, damit wieder mehr Zeit für die Ker­nauf­gaben, den Unter­richt und die indi­vidu­elle Betreu­ung der Men­schen im Klassen­z­im­mer, aufgewen­det wer­den kann.
Der Ver­such, Gym­nasiallehrkräfte auf pro­fil­fremde Schu­larten wie Gemein­schafts- oder Realschulen umzuleit­en, löst die Nach­wuchssor­gen nicht. Das Land muss im gym­nasialen Bere­ich ver­lässliche, langfristige Per­spek­tiv­en schaf­fen und die Ver­wal­tungssys­teme (ASV/UPM) so anpassen, dass Schulen die gute Lehrkräftev­er­sorgung päd­a­gogisch sin­nvoll nutzen kön­nen, statt Lehrkräfte zu „Minusstun­den“ zu nöti­gen.

2. Datengestützte Schu­len­twick­lung: Päd­a­gogis­che Unter­stützung statt Bürokratie und Kenn­zahlen­falle
Ein zen­trales The­ma im Schu­lall­t­ag ist der ver­stärk­te Ver­such der Bil­dungsver­wal­tung, Schulen über zen­trale Erhe­bun­gen des Insti­tuts für Bil­dungs­analy­sen Baden-Würt­tem­berg (IBBW) zu steuern. Schul­daten­blät­ter und jährliche Sta­tus­ge­spräche mit Zielvere­in­barun­gen sollen kenn­zahlen­basiert dazu beitra­gen. Der PhV BW warnt ein­dringlich vor den Risiken dieser betrieb­swirtschaftlichen Steuerungslogik im Bil­dungs­bere­ich („New Pub­lic Man­age­ment“).
Wer Steuerung primär auf mess­bare Dat­en wie VERA-Ergeb­nisse, Sitzen­bleiberquoten oder Abiturschnitte verengt, gerät in zwei große sys­temis­che Fall­en:

• Die McNa­ma­ra-Täuschung: Es wird vor allem gemessen, was leicht mess­bar ist. Essen­zielle Kern­bere­iche gym­nasialer Bil­dung – wie Urteil­skraft, Per­sön­lichkeits­bil­dung, musisch-kün­st­lerische Ent­fal­tung, kom­plexe Auf­satzgestal­tung oder ethis­che Reflex­ion – lassen sich kaum in Kenn­zahlen pressen und dro­hen aus dem Blick­feld der Ver­wal­tung zu ger­at­en.

• Good­harts Gesetz: Sobald eine Kenn­zahl zum admin­is­tra­tiv­en Steuerungsziel wird, ver­liert sie ihren Wert als Indika­tor. Der Recht­fer­ti­gungs­druck in Sta­tus­ge­sprächen führt zu Fehlanreizen: Noten­stan­dards dro­hen aufgewe­icht zu wer­den oder es entste­ht ein reines „Teach­ing to the Test“, um Daten­blät­ter optisch aufzuhüb­schen – ohne dass die reale Bil­dungsqual­ität steigt.

„Schule wird nicht dadurch bess­er, dass man sie per­ma­nent ver­misst und Kol­legien mit Eval­u­a­tio­nen über­schüt­tet,“ mah­nt die PhV-Lan­desvor­sitzende Mar­ti­na Scher­er. „Wenn Dat­en zum Kon­trol­linstru­ment verkom­men, erzeu­gen sie Fehlanreize und bürokratis­chen Druck. Dat­en müssen ein geschütztes Diag­nosew­erkzeug in der Hand der Lehrkräfte vor Ort bleiben!“

Der PhV BW fordert daher statt Kon­trolle und Überwachung eine echte Unter­stützungskul­tur: Dat­en dür­fen nicht unge­filtert zur admin­is­tra­tiv­en Rechen­schaft­sle­gung genutzt wer­den. Zeigt ein Schul­daten­blatt Belas­tun­gen oder Förderbe­darfe auf, darf die Antwort der Schu­lauf­sicht nicht in neuen Zielvere­in­barun­gen beste­hen, son­dern muss eine direk­te, unbürokratis­che Ressourcenzuweisung nach sich ziehen (z.B. Förder­stun­den oder Anrech­nun­gen).

3. Kün­stliche Intel­li­genz & Bil­dungs­be­griff: Diskrepanz zwis­chen mech­a­nis­chen Algo­rith­men und Men­schen­bil­dung: Warum wir Hum­boldt im KI-Zeital­ter drin­gen­der brauchen denn je!

Die Debat­te um Kün­stliche Intel­li­genz an Schulen greift derzeit viel zu kurz, wenn sie sich auf Smart­phone-Regelun­gen am Schul­vor­mit­tag oder Anleitun­gen zur Betrugserken­nung beschränkt. KI markiert eine epochale bil­dungspoli­tis­che Zeit­en­wende. Erst­mals erzeu­gen Maschi­nen (teils) hochw­er­tige Texte, lösen math­e­ma­tis­che Prob­leme und über­set­zen in Echtzeit. Dadurch gerät ein rein nutzbrin­gen­der, kom­pe­ten­zori­en­tiert­er, util­i­taris­tis­ch­er Bil­dungs­be­griff, der Schule nur als Zulief­er­er für den Arbeits­markt begreift, unter enor­men Erk­lärungs­druck.
Neu­rowis­senschaftliche und ethis­che Unter­suchun­gen (wie die jüng­sten War­nun­gen von Prof. Ziad Mahayni, ange­wandte Ethik) zeigen die drama­tis­chen Gefahren ein­er unre­flek­tierten KI-Nutzung: Wer das Denken dauer­haft an Werkzeuge aus­lagert, lei­det unter kog­ni­tiv­er Schwächung (Cog­ni­tive Dimin­ish­ment). Das Gehirn lernt nur durch eigene Anstren­gung; ohne eigene Denkar­beit verküm­mert die Fähigkeit zum logis­chen, struk­turi­erten Denken. Wenn das Bil­dungssys­tem dies durch reine Abfrage for­maler Pro­duk­te belohnt, betreibt es im schlimm­sten Fall „Fremd­ver­dum­mung“ der Schü­lerin­nen und Schüler:

„Der eigentliche Bil­dungswert lag noch nie im fer­ti­gen Pro­dukt – nicht im fer­ti­gen Auf­satz oder der math­e­ma­tis­chen Lösung. Er liegt in der Verän­derung des Men­schen, die sich im Prozess des eige­nen Denkens, Schreibens und Rin­gens um die beste Lösung vol­lzieht. Dieser Lern­prozess ist uner­lässlich, auch wenn es der mühevollere Weg ist! Eine KI kann Auf­gaben oder Ergeb­nisse erzeu­gen, aber ler­nen kann sie für uns nicht. Wer selb­st nichts weiß und nicht gel­ernt hat, kri­tisch zu denken, muss der KI am Ende alles glauben. KI besitzt „Ver­stand“ nur im Sinne von Effizienz – aber keine Ver­nun­ft im Sinne von Sinns­tiftung, Wer­te­ori­en­tierung und Hal­tung. Genau diese Ver­nun­ft stellt ein Ziel gym­nasialer Bil­dung dar“, betont Mar­ti­na Scher­er.

Daraus ergeben sich für den PhV BW klare Kon­se­quen­zen für den Unter­richt und die Schulpoli­tik:

• Keine Über­ladung der Bil­dungspläne („Spi­rale der Nüt­zlichkeit“): KI-Kom­pe­tenz darf nicht als x‑te Quer­schnittsauf­gabe auf ohne­hin über­volle Lehrpläne gepackt wer­den. Wir brauchen nicht mehr Stoff, son­dern mehr Zeit für ver­tieftes Ler­nen und das Ver­ste­hen von Zusam­men­hän­gen in den Fäch­ern. Bre­ite All­ge­mein­bil­dung sorgt für ein ver­net­ztes Gehirn – die Grund­vo­raus­set­zung für spätere Flex­i­bil­ität und Anschlussfähigkeit.

• Vom Pro­duzieren zum Reflek­tieren: Da Texte auf Knopf­druck entste­hen, ver­schiebt sich die Bil­dungsleis­tung. Im Fokus ste­ht nun das Prüfen von Quellen, das Erken­nen von KI-Fehlern, das fach­liche Begrün­den und das wis­senschaft­spropädeutis­che Hin­ter­fra­gen. Dies kann nur auf der Grund­lage eige­nen Wis­sens geleis­tet wer­den.

• Leis­tungs­be­w­er­tung weit­er­en­twick­eln: Rein häus­lich ange­fer­tigte Arbeit­en ver­lieren als Leis­tungsnach­weis an Wert. Prü­fun­gen müssen Denkwege sicht­bar machen – durch kon­trol­lierte hand­schriftliche Arbeit­en sowie mündliche Fachge­spräche, Kol­lo­qui­en und die Vertei­di­gung eigen­er Arbeit­sergeb­nisse unter kon­trol­lierten Bedin­gun­gen und ohne KI-Unter­stützung.

• Lehrkräfte stärken, nicht erset­zen: KI kann Lehrkräfte wed­er erset­zen noch Per­sonal­man­gel kom­pen­sieren. Men­schliche Per­sön­lichkeits­bil­dung entste­ht in der Begeg­nung, in der Beziehungsar­beit und im gemein­samen Rin­gen um Wahrheit. Das Land muss Lehrkräften dafür prax­is­taugliche, daten­schutzkon­forme dig­i­tale Werkzeuge und prax­isori­en­tierte Fort­bil­dun­gen zur Ver­fü­gung stellen.

Zen­trale Forderun­gen des PhV BW zum Schul­jahres­be­ginn:

1. Nach­wuchs sich­ern: Echte 115-%-Lehrerversorgung zur Qual­itätssicherung und als Vertre­tungsre­serve bei G9 nutzen.

2. Bürokratie stop­pen: Schu­len­twick­lung als ressourcengeleit­ete Unter­stützung gestal­ten, nicht als datengetriebene Kon­troll­bürokratie.

3. Fachunter­richt stärken: Gutes, fachkom­pe­tentes Unter­richt­en muss das Haup­tkri­teri­um für Beförderun­gen bleiben.

4. Fokus auf Bil­dung statt KI-Aktion­is­mus: KI-freie Denkräume sich­ern, KI fach­lich inte­gri­eren, ver­tieftes Ler­nen ermöglichen und Prü­fun­gen auf eigene Reflex­ion und Denkwege aus­richt­en.

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An den Gym­nasien des Lan­des Baden-Würt­tem­berg wer­den knapp 300.000 Schü­lerin­nen und Schüler unter­richtet. Der Philolo­gen­ver­band Baden-Würt­tem­berg e.V. (PhV BW) ver­tritt mit über 9.000 im Ver­band organ­isierten Mit­gliedern die Inter­essen der Lehrerin­nen und Lehrer an den 462 öffentlichen und pri­vat­en Gym­nasien des Lan­des.

Im gym­nasialen Bere­ich hat der Philolo­gen­ver­band BW sowohl im Haupt­per­son­al­rat beim Kul­tus­min­is­teri­um als auch in allen vier Bezirksper­son­al­räten bei den Regierung­sprä­si­di­en die Mehrheit und set­zt sich dort für die Inter­essen der ca. 26.500 Lehrkräfte an den Gym­nasien des Lan­des ein.