„Schulen brauchen Vertrauen statt Controlling und personelle Ressourcen statt realitätsferner Vorgaben“

8. Dezember 2025

PhV BW zu sein­er Hauptvor­standssitzung am 05.12.2025 in Stuttgart

Der Hauptvor­stand des PhV BW hat in sein­er Tagung bren­nend aktuelle Fra­gen debat­tiert:

1. Zur „Datengestützten Schu­len­twick­lung“:Schulen brauchen Ver­trauen statt Con­trol­ling und per­son­elle Ressourcen statt real­itäts­fern­er Vor­gaben“

Baden-Würt­tem­berg set­zt schon seit Län­gerem unter dem Stich­wort der „Datengestützten Schu­len­twick­lung“ auf dig­i­tale Überwachung des Bil­dungs­geschehens. Immer neue Daten­er­he­bun­gen und Befra­gun­gen sollen Defizite aufzeigen, die Schulen bekom­men aber nicht die für entsprechende För­der­maß­nah­men notwendi­gen Ressourcen. Diesen Ten­den­zen tritt der Hauptvor­stand des Philolo­gen­ver­bands Baden-Würt­tem­berg in ein­er Res­o­lu­tion entsch­ieden ent­ge­gen.

Bil­dung kann nicht mit aus der Indus­trie und Wirtschaft entlehn­ten tech­nokratis­chen Con­trol­ling-Meth­o­d­en ges­teuert wer­den. Bil­dung braucht Ressourcen und eine Ver­trauens- statt ein­er Kon­trol­lkul­tur“, so die Lan­desvor­sitzende des PhV BW, Mar­ti­na Scher­er. Der „Out­put“ der Schulen, d.h. der „Bil­dungser­folg“, könne nur nach Kräften päd­a­gogisch angestrebt, aber nicht durch eine Art „Pro­duk­tion­sprozess“ erzwun­gen wer­den, denn „wir haben es mit Men­schen zu tun, nicht mit Mate­r­i­al“, so Scher­er. Zusät­zliche Bil­dungsange­bote erforderten zusät­zliche Ressourcen, die den Schulen aber vom Land nicht gewährt wür­den. Somit bleibt die Frage offen, wie hil­fre­ich die Dat­en sein kön­nen, wenn es immer wieder an den Ressourcen scheit­ert.

„Viele Kol­legin­nen und Kol­le­gen erleben die datengestützte Schu­len­twick­lung nicht als Unter­stützung, son­dern empfind­en sie als Bedro­hung“, mah­nt Scher­er. „Das Ver­trauen ist lei­der schon an vie­len Stellen ver­loren gegan­gen, da Dat­en von Schüler­be­fra­gun­gen gegenüber einzel­nen Lehrkräften benutzt wer­den, um Druck auszuüben. Ein solch­es Vorge­hen ver­ste­hen wir als PhV BW nicht als ser­iöse Schu­len­twick­lung“, erk­lärt die PhV-Lan­desvor­sitzende.

Zudem werde in den min­is­teriellen Vor­gaben und Entschei­dun­gen die Per­spek­tive des Per­son­als, d.h. der Gew­erkschaften und Per­son­al­räte, nicht aus­re­ichend berück­sichtigt. Dies zeige sich seit Jahren bei der Weit­er­en­twick­lung der Dig­i­tal­en Bil­dungsplat­tform: Den schulis­chen Haupt­per­son­al­räten wird hier vom Kul­tus­min­is­teri­um hart­näck­ig die Mitbes­tim­mung ver­weigert, obwohl das Ver­wal­tungs­gericht Stuttgart erst kür­zlich das per­son­alvertre­tungsrechtliche Mitbes­tim­mungsrecht bestätigt hat. „Ein Skan­dal“, find­et Mar­ti­na Scher­er, „dass das Land als Dien­s­therr sich der­ar­tig ver­hält.“

„Im Grunde han­delt es sich um die Abschich­tung der Ver­ant­wor­tung für gute Bil­dungs­be­din­gun­gen von oben, das heißt von der Poli­tik und Schu­lauf­sicht, nach unten, auf die Schulen und Lehrkräfte“, resümiert die PhV-Lan­desvor­sitzende.

„Wenn in der aktuellen Berichter­stat­tung pauschal von ‚faulen Lehrern, denen man Druck machen müsse‘ gesprochen wird, ist das nicht nur unangemessen, son­dern kon­trapro­duk­tiv“, erk­lärt Mar­ti­na Scher­er. „Solche Unter­stel­lun­gen verken­nen die Real­ität an unseren Schulen und erschw­eren echte Verbesserun­gen. Was Schulen jet­zt brauchen, ist Ver­trauen in die Pro­fes­sion­al­ität der Lehrkräfte sowie ver­lässliche Ressourcen – nicht noch mehr Kon­trolle und Ver­mes­sung. Für diesen Kurs hat sich der Hauptvor­stand des PhV BW am Fre­itag, den 5.12.2025, mit großer Mehrheit aus­ge­sprochen.“

  • Ver­trauen statt Con­trol­ling: Bil­dung kann nicht mit tech­nokratis­chen Con­trol­ling-Meth­o­d­en von außen ges­teuert wer­den wie ein Pro­duk­tion­sprozess in der Indus­trie. Bil­dung braucht eine Ver­trauens- statt ein­er Kon­trol­lkul­tur.
  • Ressourcen statt Ver­mes­sung: Schulen brauchen Ressourcen für Begleitung und Förderung statt Ver­mes­sung und Kon­trolle. Schule braucht Ressourcenzuweisung statt Ver­ant­wor­tungs­del­e­ga­tion von oben nach unten.
  • Men­schen statt Dat­en: Statt Zahlen und Dat­en muss Schu­len­twick­lung wieder die Men­schen, d.h. die Schüler­schaft und die Lehrkräfte, in den Fokus nehmen.
  • Echte Wis­senschaftlichkeit: Wenn Schulen sich wis­senschafts­basiert entwick­eln sollen, muss dies durch wis­senschaftliche Inter­ven­tion­sstu­di­en begleit­et wer­den.
  • Real­is­mus statt Mach­barkeitswahn: Bil­dung ist kein Pro­dukt, das mit tech­nokratis­chen Mit­teln „erzeugt“ wer­den kann, son­dern das Ergeb­nis sozialer Inter­ak­tion und indi­vidu­eller Lern­wege, für die opti­male Bedin­gun­gen an den ver­schiede­nen Schu­larten geschaf­fen wer­den müssen, damit Lehrkräfte ihren Bil­dungs- und Erziehungsauf­trag best­möglich erfüllen kön­nen.
  • Human­is­tis­ches Bil­dungsver­ständ­nis: Der Philolo­gen­ver­band ver­tritt das human­is­tis­che Men­schen­bild (Indi­vidu­um, Frei­heit, Men­schen­würde) und das hum­boldtsche Bil­dungside­al (Bil­dung als Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung, Weg zur Men­schw­er­dung). Das Ziel von Bil­dung ist die Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung, die möglichst bre­ite Ent­fal­tung der Tal­ente und Poten­ziale der Schü­lerin­nen und Schüler, die Erziehung Jugendlich­er zu selb­stver­ant­wortlichen, wer­to­ri­en­tierten und mündi­gen Bürg­ern.

2. Zur G9-Weit­er­en­twick­lung: Nicht halb­herzig im Spar­modus fortschre­it­en, son­dern mit Weit­sicht die Fortschrei­bung der Bil­dungspläne schnell ange­hen, um eine kluge und effek­tive Unter­richt­s­pla­nung zu unter­stützen!

Das kom­mende Recht auf Ganz­tags­be­treu­ung muss plan­voll vor­bere­it­et und dann umge­set­zt wer­den, hier sind auch die Kom­munen gefordert. Verbindlich fest­gelegte Cur­ric­u­la und ziel­gerichtete Fort­bil­dun­gen sind für das erfol­gre­iche Hochwach­sen von G9 erforder­lich!

3. Zur Sicherung der Lehrkräftev­er­sorgung in der Zukun­ft: Lehrkräfte haben eine sys­temis­che Arbeit­süber­las­tung: Mehr Qual­ität in der Bil­dung durch real­is­tis­che Arbeit­szeit­er­fas­sung, Ent­las­tung von unter­richts­frem­den Tätigkeit­en und Senkung des Dep­u­tats! Die Attrak­tiv­ität des Lehrberufs sinkt aktuell nach­weis­lich sehr stark, hier muss mit Nach­druck gegenges­teuert wer­den. Denn: Aus­gaben für gute Bil­dung sind Investi­tio­nen in die Zukun­ft unser­er Kinder und unseres Lan­des!

Hin­ter­grund:

Die Lan­desregierung set­zt zur Sicherung der Bil­dungsqual­ität in Baden-Würt­tem­berg seit 2023 auf das Prinzip der Datengestützten Schu­len­twick­lung. Dabei soll eine stärkere Aus­rich­tung an wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen und an der objek­tiv­en Erfas­sung von Hand­lungs­be­darf für pass­ge­naue Maß­nah­men erfol­gen. Durch die Erhe­bung, Auswer­tung und Analyse von Dat­en soll die einzelne Schule Maß­nah­men zur Verbesserung der Bil­dungsqual­ität ableit­en.

In einem ständi­gen Qual­ität­sen­twick­lung­sprozess sollen die an der Schule erhobe­nen Dat­en in einem Daten­blatt fest­ge­hal­ten wer­den, dessen Analyse zu „Ziel- und Leis­tungsvere­in­barun­gen“ führt, aus denen dann Maß­nah­men abgeleit­et wer­den, deren Umset­zung durch die weit­ere Erhe­bung von Dat­en evaluiert wird, die dann wiederum im aktu­al­isierten Daten­blatt zusam­mengestellt wer­den usw.

Die Schule soll sich dabei an den im Ref­eren­zrah­men Schulqual­ität definierten Kri­te­rien für guten Unter­richt ori­en­tieren. Dieser Ref­eren­zrah­men wurde vom IBBW entwick­elt, während das ZSL die Lehrkräfte durch Fort­bil­dung zu dessen Umset­zung befähi­gen soll.

Res­o­lu­tion des PhV BW zur Datengestützten Schu­len­twick­lung

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An den Gym­nasien des Lan­des Baden-Würt­tem­berg wer­den knapp 300.000 Schü­lerin­nen und Schüler unter­richtet. Der Philolo­gen­ver­band Baden-Würt­tem­berg e.V. (PhV BW) ver­tritt mit über 9.000 im Ver­band organ­isierten Mit­gliedern die Inter­essen der Lehrerin­nen und Lehrer an den 462 öffentlichen und pri­vat­en Gym­nasien des Lan­des.

Im gym­nasialen Bere­ich hat der Philolo­gen­ver­band BW sowohl im Haupt­per­son­al­rat beim Kul­tus­min­is­teri­um als auch in allen vier Bezirksper­son­al­räten bei den Regierung­sprä­si­di­en die Mehrheit und set­zt sich dort für die Inter­essen der ca. 26.500 Lehrkräfte an den Gym­nasien des Lan­des ein.

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