PhV und RLV zur Stärkung des differenzierten Schulsystems
26. Februar 2026
Pressemitteilung des Realschullehrerverbands (RLV) und des Philologenverbands (PhV) Baden-Württemberg vom 26.02.2026
Realschullehrerverband und Philologenverband fordern die schon längst überfällige Anerkennung und Stärkung der Arbeit an den bewährten, profilierten Schularten des gegliederten Schulsystems für Baden-Württemberg und eine klare Absage an ideologische Experimente wie die ‚Neue Sekundarschule‘
Evidenz statt Experimente mit Kindern: Keine Vereinheitlichungsversuche im Bildungssystem
• Die von einigen Interessengruppen vorgeschlagene „Neue Sekundarschule“ ist kein pädagogischer Fortschritt, sondern der erneute Versuch eines kostensparenden Vereinheitlichungsmodells.
• Bewährte und profilierte Schularten wie Gymnasium, Realschule und Werkrealschule sowie berufliche Schulen müssen gestärkt, nicht durch experimentelle neue Schulformen ersetzt werden.
• Die Gemeinschaftsschule hat sich nicht als Erfolgsmodell erwiesen – daraus muss die Politik endlich Konsequenzen ziehen.
• John Hattie wird in der Debatte systematisch falsch interpretiert: Seine Forschung spricht nicht gegen Differenzierung, sondern für durchdachte und gezielte Lernmöglichkeiten.
• Wirksamer Unterricht braucht strukturierte Lernsettings und leistungsgerechte Lerngruppen.
• Kosten- und Standortargumente dürfen nicht mehr zählen als begabungsgerechte Schullaufbahnangebote.
• Standortzusammenlegungen sind möglich, ohne Schularten abzuschaffen.
• Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch Vereinheitlichung, sondern durch passgenaues Lernangebot, leistungsgerechtes Niveau und Qualität.
• Die Antwort auf aktuelle Herausforderungen lautet: Mut zur Differenzierung – keine Nivellierung, keine „Neue Sekundarschule“.
• „Die klugen Köpfe unserer Kinder sind unsere wichtigste Ressource“ – deshalb haben unsere Kinder ein Recht auf beste Bildung!
Der Philologenverband (PhV) Baden-Württemberg und der Realschullehrerverband (RLV) Baden-Württemberg wenden sich entschieden gegen die Idee einer Einführung des Modells einer sogenannten „Neuen Sekundarschule“. Anlässlich einer gemeinsamen Pressekonferenz am 26.02.2026 machen beide Verbände deutlich: Die fiktive Sekundarschule ist kein pädagogischer Fortschritt, sondern ein weiterer Versuch, das differenzierte Schulsystem schrittweise aus ideologischen Gründen durch ein Einheitsschulmodell zu ersetzen – ohne belastbare bildungswissenschaftliche Grundlage.
„Nach der Gemeinschaftsschule, deren Leistungsfähigkeit seit ihrer Einführung nie extern wissenschaftlich evaluiert wurde, soll nun mit der Sekundarschule erneut ein Versuch zur Vereinheitlichung gestartet werden“, erklärt Martina Scherer, Landesvorsitzende des Philologenverbands Baden-Württemberg. „Statt eine ehrliche Bilanz zu ziehen und bewährte Schularten gezielt zu stärken, gibt es in bestimmten Kreisen offenbar Bestrebungen für eine nächste Strukturreform.“
Dr. Karin Broszat, Vorsitzende des Realschullehrerverbands Baden-Württemberg, ergänzt: „Das Konstrukt „Neue Sekundarschule“ ist kein Ausdruck einer pädagogischen, an der Realität orientierten Weiterentwicklung, sondern allein Ergebnis ideologisch eingefärbter, starrer Organisationsmaßnahmen. Bildungspolitik vom Reißbrett schadet jeder Qualitätsentwicklung. Das hat uns die Erfahrung der letzten Jahre in unserem Bundesland gelehrt. Bildungspolitik muss von der Unterschiedlichkeit der Kinder ausgehen und ihnen unterschiedliche profilierte Bildungswege bieten. “
Daniel Janka, Vorstandsmitglied im Realschullehrerverband Baden-Württemberg und langjähriger Schulleiter eines Schulverbundes aus Grund‑, Werkreal- und Realschule erläutert: „In der Praxis ist schon lange gerade bei Schulen im Verbund aus Werkreal- und Realschule zu beobachten, dass sie eine ausgesprochen gute Arbeit leisten und mit hervorragenden Ergebnissen in den jeweiligen Abschlüssen aufwarten. Auch und gerade deshalb, weil in den unterschiedlichen Schularten unterschiedliche Leistungsanreize gesetzt werden können. An der Qualität der Verbundschulen lässt sich ablesen, wie erfolgreich ein gegliedertes System für alle Schüler ist! Leider kommt diese Schulform in der öffentlichen Debatte kaum vor.“
Gemeinschaftsschule als Warnsignal – nicht als Blaupause
Die Gemeinschaftsschule existiert nun seit über zehn Jahren. Die hohen Erwartungen, die bei ihrer Einführung geweckt wurden, haben sich nicht erfüllt. Weder konnte sie Leistungsunterschiede nachhaltig ausgleichen noch ist sie zu einem überzeugenden Erfolgsmodell geworden. Diese Erfahrungen müssen ernst genommen werden.
„Anstatt aus dieser Entwicklung zu lernen, wird nun mit der Sekundarschule ein weiteres vereinheitlichendes Modell vorgeschlagen“, so Scherer. „Das ist bildungspolitisch kurzsichtig.“
„Gymnasium und Realschule hingegen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt. Sie verfügen über klare Profile, bewährte Bildungsgänge und dauerhaft hohe Akzeptanz bei den Eltern und den Arbeitgebern. Ihre gezielte Stärkung wäre der sachlich gebotene Weg“, ergänzt Dr. Karin Broszat
John Hattie wird missverstanden – nicht logisch korrekt interpretiert
In der Debatte um Einheitsschulmodelle wird immer wieder der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie als Kronzeuge angeführt. Ihm wird unterstellt, er habe nachgewiesen, dass leistungsdifferenzierte Schulsysteme wirkungslos seien. Diese Lesart ist sachlich falsch.
Eine differenzierte Betrachtung der „Visible Learning“-Studien zeigt: Hatties Daten sprechen nicht gegen das gegliederte Schulsystem, sondern zeigen lediglich, dass bloße äußere Differenzierung allein noch keinen Lernerfolg garantiert. Daraus jedoch die Abschaffung differenzierter Schularten abzuleiten, ist ein folgenschwerer Trugschluss.
Tatsächlich belegen Hatties Daten etwas anderes:
Die wirksamsten Unterrichtsmethoden entfalten ihre Wirkung gerade dann, wenn sie in differenzierten, leistungsangemessen homogenen Lerngruppen angewendet werden können.
Dazu zählen unter anderem:
• anspruchsvolle kognitive Lernprozesse („Cognitive Task Analysis“),
• tiefgehende fachliche Diskussionen,
• beschleunigtes Lernen für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler und
• klar strukturierter, lehrergeleiteter Unterricht mit systematischem Feedback.
„Diese hochwirksamen pädagogischen Instrumente benötigen einen geschützten Rahmen“, erklärt Broszat. „Extreme Heterogenität, wie sie in Sekundarschulen angelegt ist, erschwert oder verhindert ihren Einsatz und verwehrt Kindern tatsächliche Lernerfolge.“
„Hatties Bemerkung, das differenzierte Schulsystem in Deutschland sei ungerecht, ist aus der Luft gegriffen. Zumindest muss man ihm unterstellen, dass er sich nicht mit den verschiedenen Bundesländern und ihrer doch sehr unterschiedlichen Differenzierung beschäftigt hat. Prof. Hartmut Esser hat in Aufarbeitung von PISA nachgewiesen, dass die deutschen Bundesländer mit mindestens drei Schularten im Ranking noch vor Kanada, Estland und Finnland liegen. Dagegen liegen Bundesländer mit einem zweigliedrigen Schulsystem wie Berlin und Bremen weit abgeschlagen hinten, national ebenso wie international“, ergänzt die RLV-Landesvorsitzende.
Vorsicht vor pädagogischen Heilsversprechen
Einheits- oder Sekundarschulkonzepte setzen häufig auf offene Lernformen, personalisierte Lernbüros und weitgehende Selbststeuerung der Schülerinnen und Schüler. Auch hier liefert die empirische Bildungsforschung ein klares Bild: Lernarrangements mit hoher Selbstverantwortung und geringer Strukturierung zeigen nur geringe Effekte auf den Lernerfolg.
Gerade Schülerinnen und Schüler, die Orientierung, Anleitung und Verlässlichkeit benötigen, profitieren nachweislich von gut strukturiertem, professionell geführtem Unterricht. Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch pädagogische Beliebigkeit, sondern durch klare Ziele, fachliche Tiefe auf angepasstem Niveau und stabile Lernumgebungen.
Im Klartext: Methodik und Didaktik haben sich an allen Schularten längst pädagogisch weiterentwickelt und sind auf der Höhe der Zeit, unsere Lehrkräfte sind als Experten für ihre Schule ausgebildet. Das oft kolportierte Old School-Bild einer Lehrkraft, die 45 Minuten lang frontal vor der Klasse steht und doziert, entspricht schon lange nicht mehr der Unterrichtsrealität. „Wer dieses Zerrbild verbreitet, um die bewährten Schularten zu diffamieren, der diskreditiert damit die hervorragende Arbeit an den Seminaren zur Lehrerbildung“, warnt Scherer. „Mit einem vielfältigen Strauß an Möglichkeiten moderner Didaktik und Methodik werden junge Lehrkräfte auf den Berufsalltag vorbereitet“, so Scherer weiter.
Internationale Vergleiche sprechen gegen neue Einheitsschulmodelle
Auch der oft bemühte internationale Vergleich rechtfertigt die Einführung der Sekundarschule nicht. Länder, die als Vorbilder für Einheitsschulsysteme galten, verzeichnen seit Jahren Leistungsrückgänge. Deutschland hingegen liegt mit seinem differenzierten Schulsystem stabil über dem OECD-Durchschnitt. Insbesondere innerdeutsche Vergleiche zeigen konstant seit Langem: Bundesländer mit gegliedertem Schulwesen wie z. B. Bayern und Sachsen erzielen dauerhaft weitaus bessere Ergebnisse als Länder mit starkem Fokus auf „längeres gemeinsames Lernen“, (Negativ-)Beispiele dafür: Berlin, Brandenburg und Bremen.
Im Übrigen vertraut eine überzeugende Mehrheit in Deutschland unserer Bildungstradition: Bei einer forsa-Umfrage des Deutschen Philologenverbands (DPhV) im Oktober 2025 sprachen sich 71% der Befragten für das mehrgliedrige Schulsystem aus, siehe:
https://www.dphv.de/2025/11/06/rueckenwind-fuer-das-gymnasium-forsa-umfrage-zeigt-92-prozent-der-bevoelkerung-stehen-klar-zum-gymnasium/
Hier geht es zur forsa-Umfrage:
https://www.dphv.de/wp-content/uploads/2025/11/Grafikpaket_PM_DPhV_forsa_2.pdf
Kostenargumente dürfen pädagogische Vernunft nicht überlagern
Ein zentrales Argument für die Sekundarschule ist die behauptete Kostenersparnis durch die Zusammenlegung von Schulstandorten. Dieses Argument greift zu kurz und ist pädagogisch nicht haltbar.
„Haushaltslogik darf nicht über das Recht der Kinder auf eine passgenaue und begabungsgerechte Bildung gestellt werden“, betont Scherer. „Bildung ist eine Investition in die Zukunft, kein Feld für Sparmaßnahmen.“
Zudem ist die Gleichsetzung von Standortzusammenlegung und Schulformabschaffung sachlich falsch. Schulstandorte können organisatorisch zusammengeführt oder kooperativ genutzt werden, ohne die pädagogische Eigenständigkeit von Gymnasium, Realschule und Werkrealschule aufzugeben.
„Räumlich optimierte Lösungen sind möglich – ohne das differenzierte System zu opfern“, so Broszat.
Lehrkräfte brauchen Stabilität statt permanenter Reformen
Neue Schulformen oder Schulversuche binden Ressourcen, erzeugen Unsicherheit und lenken vom Wesentlichen ab. Währenddessen fehlen vielerorts grundlegende Voraussetzungen für guten Unterricht: ausreichende personelle Ausstattung, kleinere Lerngruppen und funktionierende Unterstützungssysteme.
Gymnasien und Realschulen werden von engagierten, für ihre Schulart hochqualifizierten Lehrkräften getragen. Was sie brauchen, sind verlässliche Rahmenbedingungen und politische Unterstützung – keine weiteren Experimente!
„Ja, auf die Lehrkräfte kommt es an – dann muss man mit ihnen auch sorgsam umgehen und sie nicht vor den Karren einer sinnfreien Strukturdebatte spannen wollen!“ fordert Scherer.
Schlussfolgerung: Mut zur Differenzierung statt neuer Einheitsschule
Die Sekundarschule ist keine Antwort auf die Herausforderungen des Bildungssystems. Sie steht für Vereinheitlichung statt individueller Passung, für Strukturpolitik statt Qualitätsentwicklung und für Kostenlogik statt pädagogischer Verantwortung.
„Das differenzierte Schulsystem ist nicht veraltet, sondern im Gegenteil das Gebot der Stunde“, fasst Broszat zusammen. Die zur aktuellen Leistungsfähigkeit passende Schule für jedes Kind ist der Schlüssel zu echter Bildungsgerechtigkeit. Das Prinzip „Kein Abschluss ohne Anschluss“ ermöglicht alle Laufbahnen, da sind sich Broszat und Scherer einig.
Der Philologenverband Baden-Württemberg und der Realschullehrerverband Baden-Württemberg fordern daher einen klaren bildungspolitischen Weg: Keine Experimente mit einer Sekundarschule, sondern die konsequente Stärkung von Gymnasium, Realschule und Werkrealschule auf der Grundlage wissenschaftlicher Evidenz und pädagogischer Erfahrung.
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An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden knapp 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit über 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.
Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der ca. 26.500 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.