“Viel Licht, aber auch Schatten für zukunftsweisende Bildungspolitik im neuen Koalitionsvertrag”

7. Mai 2026

Pressemit­teilung des Philolo­gen­ver­bands Baden-Würt­tem­berg (PhV BW) zum Koali­tionsver­trag von Grü­nen und CDU

Der Philolo­gen­ver­band Baden-Würt­tem­berg (PhV BW) bew­ertet den Koali­tionsver­trag 2026–2031 mit gemis­cht­en Gefühlen: Neben wichti­gen bil­dungspoli­tis­chen Weichen­stel­lun­gen, die der Ver­band der gym­nasialen Lehrkräfte seit Jahren ein­fordert, enthält das Papi­er Pas­sagen, die eine erhe­bliche Ver­schlechterung der Arbeits­be­din­gun­gen von Lehrkräften und eine Schwächung der Mitbes­tim­mung bedeuten wür­den.

- PhV BW begrüßt das klare Beken­nt­nis zur Beibehal­tung des bewährten gegliederten Schul­we­sens, warnt aber vor Angrif­f­en auf Arbeits­be­din­gun­gen und Mitbes­tim­mung
- Die stufen­gle­iche Höher­grup­pierung und die Rück­führung des Ent­las­tungskontin­gents auf den früheren Stand sind über­fäl­lige, aber aus­drück­lich begrüßte Schritte zur Stärkung der Beruf­sat­trak­tiv­ität.
- Der zeit­gemäße Umgang der Koali­tion mit Kün­stlich­er Intel­li­genz und inno­v­a­tiv­er Prü­fungskul­tur ist richtig – rechtssichere und real­ität­sna­he Rah­menbe­din­gun­gen für Lehrkräfte und Schüler­schaft müssen aber zügig fol­gen.


„Wir sehen in diesem Ver­trag die Hand­schrift ein­er klu­gen, besonnenen Bil­dungspoli­tik, die das Gym­na­si­um als leis­tungsstarke Säule anerken­nt”, sagt Mar­ti­na Scher­er, Lan­desvor­sitzende des Philolo­gen­ver­band Baden-Würt­tem­berg. „Gle­ichzeit­ig find­en sich darin aber Aus­sagen, die wie ein Mis­strauensvo­tum gegenüber ein­er engagierten Lehrerschaft wirken. Das wer­den wir nicht wider­spruch­s­los hin­nehmen.”

Was der PhV BW aus­drück­lich begrüßt

Beson­ders pos­i­tiv bew­ertet der Ver­band das klare Beken­nt­nis zum dif­feren­zierten Schul­we­sen. Die Absage an weit­ere Struk­tur­de­bat­ten sowie der Erhalt der Grund­schulempfehlung („2 aus 3″) sind uner­lässliche Sig­nale für die Qual­itätssicherung am Gym­na­si­um. Die Rück­führung des Ent­las­tungskontin­gents auf das frühere Niveau und die Ein­führung der stufen­gle­ichen Höher­grup­pierung wertet der PhV BW als konkrete Früchte langjähriger Forderun­gen unser­er Ver­band­sar­beit.

„Dass die stufen­gle­iche Höher­grup­pierung nun endlich kom­men soll, ist ein über­fäl­liger Schritt für die Attrak­tiv­ität unseres Berufes”, betont Scher­er. Auch die zuge­sagten Ressourcen für die G9-Umset­zung sowie der geplante Aus­bau der Hochbe­gabten­förderung wer­den aus­drück­lich begrüßt. Ja, unser Land braucht die „Käpse­le“!

Ein wichtiges Sig­nal sendet der Koali­tionsver­trag zudem im Bere­ich der Dig­i­tal­isierung. „Wir begrüßen aus­drück­lich, dass die Koali­tion die Her­aus­forderun­gen der Kün­stlichen Intel­li­genz an den Schulen – und ins­beson­dere für die Prü­fungskul­tur – nun offen­siv ange­ht”, so Scher­er. „Lehrkräfte und Schüler­schaft brauchen zeit­nah rechtssichere, schriftlich fest­ge­hal­tene und glasklare Rah­menbe­din­gun­gen. Das ist keine Kann-Forderung, das ist ein Muss für die Juris­ten im Kul­tus­min­is­teri­um.”

Was der PhV BW ver­misst

Trotz der Ressourcenzusage für G9 fehlt ein verbindlich­es Stel­len­pro­gramm für den Auf­bau des abse­hbaren Lehrkräftebe­darfs. „Ein Scheck ohne Summe hil­ft uns in den Schulen nicht weit­er”, mah­nt Mar­ti­na Scher­er. Eben­so ent­täuschend: Die erdrück­ende Arbeits­be­las­tung der Gym­nasiallehrkräfte – 25 Wochen­stun­den Dep­u­tat bei immer weit­er zunehmenden Auf­gaben – find­et im Ver­trag kein­er­lei Erwäh­nung. Auch die nur vage gehal­tene „Prüf“-Ankündigung zur Vergü­tung von neuen Jun­glehrkräften, die in den Som­mer­fe­rien zunächst in die Arbeit­slosigkeit geschickt wer­den, bleibt weit hin­ter dem Notwendi­gen zurück. Wertschätzung der Vor­bere­itung in den Start eines neuen Schul­jahres durch die Jun­glehrkräfte ist das nicht!

Beim The­ma „Datengestützte Schu­len­twick­lung“ ste­hen noch viele offene Fra­gen zum Daten­schutz sowohl bei Schülern als auch bei Lehrkräften im Raum: Der Aus­bau von datengestützter Qual­ität­sen­twick­lung, Schüler-ID und Lern­ver­laufs­di­ag­nos­tik wer­den forciert, die berechtigten Nach­fra­gen von Betrof­fe­nen zum Dat­en- und Per­sön­lichkeitss­chutz und zu den Ressourcen für die Maß­nah­men, die den Erken­nt­nis­sen fol­gen sollen, sind noch ungek­lärt.

Wo der PhV BW mas­siv­en Wider­stand ankündigt

Mit aller Entschlossen­heit wird sich der Philolo­gen­ver­band gegen vier konkrete Vorhaben stellen, die er als bil­dungs- und beruf­spoli­tis­che Rückschritte bew­ertet:

1. Ein­schränkung der Teilzeit: Die Über­prü­fung der voraus­set­zungslosen Teilzeit ist ein mas­siv­er Ein­griff in die Lebens­gestal­tung und die Vere­in­barkeit von Beruf und Fam­i­lie. Dies wird die Attrak­tiv­ität des Lehrerberufs nach­haltig schädi­gen.

2. Kürzung der Freis­tel­lun­gen für die Per­son­al­rat­stätigkeit (LPVG): Dies ist ein direk­ter und unver­hohlen­er Angriff auf die Arbeits­fähigkeit der Per­son­al­räte und den Betrieb­s­frieden. Die schulis­chen Stufen­per­son­al­rats­gremien auf der Ebene von Regierungs­bezirken und Land bekom­men immer mehr Anfra­gen und Hil­fer­ufe von Beschäftigten, die ohne (teil-) freigestellte Per­son­al­räte nicht zu schaf­fen sind. Sollen die Per­son­al­räte sich zwis­chen schulis­chen Verpflich­tun­gen und der Unter­stützung von Kol­le­gen zer­reißen?  Eine starke Per­son­alvertre­tung ist in Zeit­en des Umbruchs für eine demokratis­che Gesellschaft wichtiger denn je.

3. A14-Kop­pelung an Auf­gaben: Der PhV lehnt das Prinzip ab, Beförderun­gen auss­chließlich an Mehrar­beit zu binden. A14 muss wieder zur Regel­be­förderung für erfahrene und über viele Jahre bewährte gym­nasiale Lehrkräfte wer­den. „Engagierte Lehrkräfte brauchen eine gute Beförderungsper­spek­tive. Es darf nicht sein, dass immer mehr Lehrkräfte im Ein­gangsamt in Pen­sion gehen!“, so Mar­ti­na Scher­er.

4. Langzeit-Über­stun­denkon­to: Ein Kon­to von bis zu 1.000 Stun­den birgt die Gefahr, dass dauer­hafte Mehrar­beit sys­temisch zemen­tiert wird. Wo bleibt der geset­zliche Arbeitss­chutz?

Das Faz­it des PhV BW:

„Wir wer­den die Koali­tion bei ihren pos­i­tiv­en Zusagen – beim Ent­las­tungskontin­gent, bei G9 und bei der KI-Agen­da – beim Wort nehmen und deren Umset­zung ein­fordern”, betont die Lan­desvor­sitzende Mar­ti­na Scher­er. „Und wir wer­den jedem Ver­such, die Arbeits­be­din­gun­gen zu ver­schlechtern oder die demokratis­che Mitbes­tim­mung zu beschnei­den, mit aller Entschlossen­heit ent­ge­gen­treten. Sparver­suche an der Bil­dung sind falsch. Gute Schule braucht gute Arbeits­be­din­gun­gen – keine neuen Belas­tungsmod­elle.”

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An den Gym­nasien des Lan­des Baden-Würt­tem­berg wer­den knapp 300.000 Schü­lerin­nen und Schüler unter­richtet. Der Philolo­gen­ver­band Baden-Würt­tem­berg e.V. (PhV BW) ver­tritt mit über 9.000 im Ver­band organ­isierten Mit­gliedern die Inter­essen der Lehrerin­nen und Lehrer an den 462 öffentlichen und pri­vat­en Gym­nasien des Lan­des.

Im gym­nasialen Bere­ich hat der Philolo­gen­ver­band BW sowohl im Haupt­per­son­al­rat beim Kul­tus­min­is­teri­um als auch in allen vier Bezirksper­son­al­räten bei den Regierung­sprä­si­di­en die Mehrheit und set­zt sich dort für die Inter­essen der ca. 26.500 Lehrkräfte an den Gym­nasien des Lan­des ein.

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