Zum Schuljahresbeginn pauschale Klischeevorwürfe statt Respekt und Anerkennung der pädagogischen Arbeit – Gymnasiallehrkräfte wehren sich gegen diskreditierende Äußerungen der Kultusministerin
9. September 2025
Zumeldung des Philologenverbands Baden-Württemberg (PhV BW) zum Interview mit Kultusministerin Theresa Schopper in der „Stuttgarter Zeitung“ vom 08.09.2025
• Gymnasiallehrkräfte wollen keine Schülerinnen und Schüler „loswerden“, wie ihnen unterstellt wird, sondern verantwortungsvoll fördern und begleiten.
• Die Bildungslandschaft lebt – wie unsere Gesellschaft – von Vielfalt: Jede Schulart hat ihre besonderen Schwerpunkte, jede braucht Exzellenz auf ihrem speziellen Niveau.
• Gleichmacherei nivelliert die Qualität. Nicht einfach „alle durchwinken“, sondern individuell passende Wege eröffnen – das ist guter Unterricht und individuelle Förderung.
• Fehlende Anerkennung des Dienstherrn schadet der Attraktivität des Lehrerberufs massiv.
• Der PhV BW erwartet mehr Wertschätzung und gute, verlässliche Rahmenbedingungen statt unbegründeter, tendenziöser „Schuld“-Zuweisungen.
„Mit großer Empörung und Verärgerung nehmen wir die Aussagen von Kultusministerin Theresa Schopper zur Kenntnis, in denen sie davon spricht, Gymnasiallehrkräfte hätten Schülerinnen und Schüler in der Mittelstufe bislang großzügig abgeschult, also einfach ‚loswerden‘ wollen. Solche Äußerungen sind nicht nur in höchstem Maße despektierlich gegenüber einer ganzen Berufsgruppe, sondern auch inhaltlich völlig unzutreffend“, betont die Landesvorsitzende des Philologenverbands Baden-Württemberg (PhV BW), Martina Scherer.
„So geringschätzig kann eine Kultusministerin nicht über ihre Lehrkräfte sprechen! Wir Lehrerinnen und Lehrer am Gymnasium wollen unsere Schülerinnen und Schüler nicht ‚loswerden‘ – wir wollen sie auf ihrem Bildungsweg bestmöglich und kompetent begleiten. Wenn ein Wechsel der Schulart wegen Überforderung der Schüler notwendig wird, dann ist das kein ‚Abschieben‘, sondern eine pädagogisch verantwortungsvolle Entscheidung, die den jungen Menschen einen für sie passenden, zielführenden Weg aufzeigt, auf dem die Kinder viel mehr Erfolgserlebnisse haben können. Zudem strebt jede Schulart an, exzellente Absolventinnen und Absolventen zu generieren – eine Abwertung dieses Ziels durch die Kultusministerin ist abwegig – dagegen verwahren wir uns ausdrücklich“, erklärt Martina Scherer empört. Wenn die Ministerin wirklich nicht wahrhaben will, dass Baden-Württemberg die Spitzenförderung der „Käpsele“ dringend braucht – obwohl Experten wie der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein dies fordern – dann verspielt sie auf inakzeptable Weise die Zukunftschancen der Wirtschaft unseres Landes, gegen besseres Wissen.
Darüber hinaus erinnert der Verband der Gymnasiallehrkräfte daran, dass die Bildungslandschaft – wie unsere Gesellschaft – von Vielfalt lebt. „Nicht ein Modell für alle macht alles gut, sondern differenzierte, individuelle Angebote, die den speziellen Talenten und vielfältigen Begabungen der Kinder gerecht werden“, so Scherer. In Handwerk, Wirtschaft und Sozialbereich werden genauso Stärken und Fähigkeiten gebraucht wie an den Universitäten. Es sei weder sinnvoll noch im Sinne der Bildungsqualität, alle Schülerinnen und Schüler am Gymnasium irgendwie „durchzuwinken“ – nur weil jetzt wieder G9 hochwächst, was im Übrigen erst in sieben Jahren abgeschlossen sein wird. Die jetzigen Mittelstufenklassen lernen noch im G8-System. „Jede Schulart hat individuelle Schwerpunkte, und das völlig zu Recht. Gleichmacherei bringt keine Exzellenz, im Gegenteil: Sie gefährdet sie.“
Ein weiteres großes Ärgernis ist die öffentlich gezeigte mangelnde Wertschätzung, die die Lehrkräfte durch solche Äußerungen vonseiten des Dienstherrn erfahren. „Wie soll unser Beruf attraktiv bleiben, wenn die Kultusministerin selbst coram publico suggeriert, Gymnasiallehrkräfte wollten zahlreiche Schülerinnen und Schüler einfach nur loswerden?“, fragt die PhV-Landesvorsitzende. „Wer gute Bildung will, braucht verlässliche Rahmenbedingungen, Respekt vor der Professionalität der Lehrkräfte und eine ehrliche Anerkennung unserer Arbeit. Ohne diese Wertschätzung sinkt das Interesse am Lehrerberuf weiter, und die Attraktivität nimmt sukzessive ab, wie jetzt schon sichtbar – mit dramatischen Folgen für die Zukunft unseres Bildungssystems und unseres Landes.“
Am kommenden Donnerstag (11.09.2025) wird der PhV BW die Ergebnisse seiner Umfrage unter rund 3600 gymnasialen Lehrkräften in einer Landespressekonferenz vorstellen – leider haben sich manche Einschätzungen und Erfahrungen, die von den Teilnehmern der Umfrage eingebracht wurden, jetzt durch dieses Interview mit Frau Schopper bestätigt.
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An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden knapp 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit über 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den 462 öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.
Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der ca. 26.500 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.